Martin Kaymer beendet bei der Dubai World Championship, dem Abschlussturnier der European Tour, in den Vereinigten Arabischen Emiraten die Golfsaison. Im Vorjahr gewann der 26 Jahre alte Profi aus Mettmann die europäische Geldrangliste (Race to Dubai) und übernahm am 27. Februar dieses Jahres für acht Wochen die Spitze der Weltrangliste. Derzeit wird der Rheinländer auf Rang vier geführt und geht als Dritter im Race to Dubai ins Saisonfinale. Seinen Titel als Europas Großverdiener kann er nicht mehr verteidigen. Das machen der Engländer Luke Donald und der Nordire Rory McIlroy unter sich aus.
Welches Ziel haben Sie sich für die Dubai World Championship gesetzt?
Wie immer: Ich will das Turnier gewinnen. Denn danach habe ich sechs Wochen Pause, ehe es in Abu Dhabi weitergeht. Da kann man alle Energie, die nach den anstrengenden letzten Wochen noch übrig ist, in diese vier Tage stecken. Ich möchte noch den zweiten Platz im Race to Dubai erreichen, denn das ist für den Titelverteidiger eine respektable Plazierung.
Wie fällt Ihr Resümee für 2011 aus?
Es war ein erfolgreiches Jahr, nicht ganz so gut wie das vergangene mit vier Turniersiegen, einem davon bei einem Major, der PGA Championship. Aber ich habe dieses Jahr zwei Turniere, Anfang des Jahres in Abu Dhabi und Anfang November die World Golf Championship in Schanghai, eines der ganz großen, gewonnen und bin die Nummer eins geworden. Nicht viele Spieler gewinnen in einem Jahr zwei Turniere und werden Erster der Weltrangliste. Aber es war auch ein wenig eine Achterbahnfahrt.
Warum?
Niemand in meinem Umfeld wusste, was eine Nummer eins erwartet. Ich bin durch meinen Aufstieg in Deutschland populärer geworden. Als Weltranglistenerster hat man viele Verpflichtungen. Darunter hat auch mein Training gelitten, und deshalb habe ich dann einige Monate nicht mehr ganz so gut gespielt. Aber wenn ich noch einmal Nummer eins werden sollte, bin ich darauf vorbereitet. Ich glaube, ich kann dann viel besser mit der Situation umgehen.
Sie waren für acht Wochen die Nummer eins der Weltrangliste. Haben Sie sich damals als der beste Golfer der Welt gefühlt?
Als ich es offiziell war, auf jeden Fall. Denn zu dieser Zeit habe ich wirklich gutes Golf gespielt.
Heißt das Ziel im neuen Jahr, wieder in der Weltrangliste ganz nach oben zu klettern?
Auf jeden Fall. Bevor ich die Nummer eins wurde, hatte ich gedacht, das wäre zwar schön, aber muss nicht unbedingt sein. Aber jetzt, da ich es einmal geschafft habe, will ich mich wieder nach oben arbeiten. Mit Luke Donald, Rory McIlroy und Lee Westwood, die in der Weltrangliste vor mir stehen, habe ich starke Konkurrenz. Das treibt einen an, noch härter zu arbeiten.
Tiger Woods erwähnen Sie nicht. Haben Sie ihn abgeschrieben?
Auf keinen Fall. Er ist immer noch einer der besten Spieler der Welt. Er hat ja erst am Sonntag sein eigenes Turnier gewonnen - und das ist gut für unseren Sport. Er hat viel für Golf und den Stellenwert in der Welt getan, und wir alle sind dafür sehr dankbar. Ich hoffe, dass er dort anknüpft, wo er vor zwei Jahren aufhörte.
Anfang nächsten Jahres könnten Sie auf Tiger Woods treffen. Wie Sie beginnt er das neue Golfjahr Ende Januar in Abu Dhabi. Freuen Sie sich darauf?
Ich habe ja schon häufiger mit ihm gespielt. Ich hätte nichts dagegen, am Schlusstag des Turniers in Abu Dhabi mit ihm um den Sieg zu kämpfen. Tiger ist der Beste, der jemals dieses Spiel spielte. Es wäre interessant zu sehen, ob man einen Tiger Woods in Topform schlagen kann.
Jetzt ist Luke Donald laut Hackordnung der Beste der Zunft. Zu Recht?
Er hat das ganze Jahr extrem konstant gespielt. Er trifft viele Fairways und Grüns, und wenn er mal ein Grün verfehlt, rettet ihn sein kurzes Spiel. Er ist eben ein kompletter Golfer. Er verdient es, ganz oben zu stehen. Ich weiß nicht, ob er in diesem Jahr bei einem Turnier jemals nicht unter den Top Ten gelandet ist. Deshalb kann ich mir nicht vorstellen, dass Rory McIlroy ihm den Sieg im Race to Dubai noch streitig macht.
Luke Donalds älterer Bruder Christian schleppt Ihnen jetzt als Caddie die Golftasche. Wie geht das?
Das ist ganz problemlos. Da gibt es keine Eifersucht. Christian und ich haben in den letzten Wochen sehr gut zusammengearbeitet. Er kennt mein Spiel mittlerweile sehr gut.
Luke Donald spielt sowohl auf der US PGA Tour als auch in Europa. Im nächsten Jahr tun dies auch Rory McIlroy und Lee Westwood, damit also alle drei Profis, die in der Weltrangliste vor Ihnen stehen. Wann wagen Sie den Schritt nach Amerika?
Im nächsten Jahr noch nicht. 15 Turniere auf der PGA Tour sind mir einfach zu viel. Mit dem Ryder Cup im Herbst in der Nähe von Chicago passt das nicht in meinen Turnierplan. Ich bleibe also in Europa, werde aber auch einige Turniere in den Vereinigten Staaten spielen.
Aber die PGA Tour wirbt um Sie?
Natürlich. Man wird angesprochen, was sie denn tun könnten, damit auch ich in Amerika spiele.
Sie haben in Dubai Ihren Physiotherapeuten Rolf Klöttschen dabei. Welche Rolle spielt körperliche Fitness im Profigolf?
Eine ganz wichtige. Mir hat die Zusammenarbeit mit Rolf Klöttschen viel gebracht. Ich bin fitter und schlage den Ball weiter. Hier in Dubai sind die 60 Besten der European Tour am Start. Siebzig Prozent davon sind topfit. In den Spielerhotels sind die Fitness-Center immer voll. Man muss das heute einfach tun, auch um die Reisestrapazen zu überstehen. Ich bin in den letzten Wochen erst nach China gereist, von dort zurück nach Amerika und dann wieder nach China. Das sind zweimal 15 Stunden Zeitunterschied. Dann ging es weiter nach Südafrika, und jetzt bin ich Dubai. Deshalb habe ich auch auf die Turniere in Singapur, Malaysia oder Hongkong verzichtet, obwohl ich mich dadurch vielleicht in der Geldrangliste verbessert hätte. Aber manchmal ist es wichtiger, auf seinen Körper zu hören.
Sie sind immer noch der einzige deutsche Weltklassegolfer. Neben Ihnen behauptet sich nur Marcel Siem seit Jahren auf der European Tour. Woran hapert es im deutschen Golf?
Vielleicht haben wir zu viele Regeln. Ich bin nicht dafür, dass man mit abgerissenen Jeans über den Platz geht, aber warum nicht im T-Shirt? In Amerika ist alles viel lockerer. Da kann man für 20 Dollar auf vielen öffentlichen Übungswiesen ganz problemlos Bälle schlagen. Das fehlt in Deutschland.
Aber das ist nicht alles?
Nein, es ist schwer zu verstehen, dass kleinere Golfländer wie Italien oder Dänemark mehr Spieler auf der Tour haben als wir Deutsche. Ich habe mich gerade letzte Woche in Südafrika darüber mit Bernhard Langer unterhalten. Eine richtige schlüssige Antwort haben wir beide nicht gefunden. Denn bei uns sind alle Voraussetzungen vorhanden, und das Wetter ist in Schweden auch nicht besser als bei uns. Aber die haben 15 Spieler auf der Tour. Ich glaube, dass unser Nachwuchs viel zu schnell mit Erreichtem zufrieden ist. Als ich in meinem ersten Profijahr 2006 fünf Turniere auf der EPD Tour, der dritten Liga, gewonnen hatte, war es nicht mein Ziel, mich für die Challenge Tour zu qualifizieren, sondern ich wollte ganz nach oben. Bei manchen fehlt es auch einfach am Ehrgeiz, am Willen zur harten Arbeit.
Wenn Sie sagen, der deutsche Nachwuchs sei zu faul, zu träge: Wie sieht denn Ihr Arbeitstag aus?
Das hängt natürlich davon ab, ob ich ein Turnier spiele oder nur trainiere. Aber während der Turnierwoche ist mein Tag von früh morgens bis abends durchgeplant. Auch wenn ich eine späte Startzeit habe, geht es um acht Uhr ins Fitness-Studio, da wird mein Körper eine dreiviertel Stunde auf Betriebstemperatur gebracht. Danach schlage ich vor der Runde eine Stunde Bälle. Nach der Runde geht es noch einmal eine halbe Stunde zum Ausschlagen auf die Driving Range. Wenn wir im Hotel sind, arbeiten wir noch einmal im Fitness-Center, und dann kommt noch das Stretching. Vor sieben, halb acht bin ich nicht fertig. Aber das macht mir auch Spaß, ich mache gerne Fitness-Training, an turnierfreien Tagen jogge ich. Außerdem schlage ich gerne Bälle. Aber vor allem: Ich will immer besser werden.
Also mehr als nur ein Major gewinnen?
Ja. Der Sieg bei einem Major ist ein Meilenstein. Aber ich will nicht als "One-Hit-Wonder", als einer, der nur einmal groß zuschlägt, dastehen. Ich will mehr.
Das Gespräch führte Wolfgang Scheffler.