13.07.2005 · Von den letzten zehn „Champion Golfers of the Year“ hat nur Tiger Woods nach seinem Sieg auf dem Old Course weitere Major-Titel gesammelt. Alle anderen laufen dem großen Coup vergeblich hinterher.
Von Wolfgang Scheffler, St. AndrewsDer Sieger der 135. British Open im schottischen Küstenstädtchen St. Andrews darf sich an diesem Sonntag nicht nur auf 720.000 britische Pfund (rund 1,047 Millionen Euro) Preisgeld und lukrative Werbeverträge freuen. Er muß sich auch, wenn er nicht gerade Tiger Woods heißt, darauf einstellen, daß es mit dem Siegen für das Jahr erst einmal vorbei ist. Schlimmer noch: Er muß sogar damit rechnen, daß dem Höhenflug der tiefe Sturz folgt.
Von den letzten zehn "Champion Golfers of the Year", so der offizielle Siegertitel, hat nur ein einziger, eben Woods im Jahr 2000, nach seinem Sieg auf dem Old Course weitere Major-Titel gesammelt. Alle anderen laufen dem großen Coup vergeblich hinterher, selbst der Südafrikaner Ernie Els, immerhin der Dritte der Weltrangliste, seit seinem Triumph von Muirfield im Jahre 2002. In den restlichen Monaten des Siegesjahres hat von den letzten zehn Champions nur einer eine Erfolgsserie gestartet: Woods gewann vor fünf Jahren noch drei weitere Turniere, darunter mit der PGA Championship ein Major. Der Amerikaner Tom Lehmann (1996) holte sich in jenem Jahr wenigstens noch das Saisonfinale der US PGA Tour, die Tour Championship. Für alle anderen war das Jahr gelaufen.
Arg gebeutelte Stars
Von dem Fluch, der in der vergangenen Dekade über den Siegern des ältesten und wichtigsten Golfturniers der Welt zu liegen scheint, sind nicht einmal Stars sicher. 2001 gewann der Amerikaner David Duval, ein Mann, der 1999 sogar Woods für 15 Wochen vom ersten Weltranglistenplatz verdrängte, in Royal Lytham & St. Annes sein erstes Major - ein Turniererfolg war ihm seitdem nicht mehr vergönnt. Ja, es ist zehn Monate her, daß er den Cut überstand. In diesem Jahr nahm er an elf Turnieren teil. Das Ergebnis war immer dasselbe: Nach zwei Runden war Schluß. Am vergangenen Wochenende distanzierte ihn bei den John Deere Classic in Silvis im amerikanischen Bundesstaat Illinois nach Runden von 76 und 72 Schlägen sogar die 15jährige Amateurin Michelle Wie (70+71) deutlich. Vier Jahre nach seinem größten Triumph steht er in der Weltrangliste auf Platz 663 - ein Negativrekord, nur der Australier Ian Baker-Finch fiel nach seinem Open-Sieg im Jahre 1991 genauso schnell so tief.
Aber auch andere hat es nach ihrem großen Triumph arg gebeutelt. Der Schotte Paul Lawrie mußte 1999 nicht nur damit leben, daß nach dem Heimsieg in Carnoustie mehr über den dramatischen Einbruch des Franzosen Jean van de Velde geredet wurde als über den Außenseitersieg des Mannes aus Aberdeen, den die Weltrangliste damals als Nummer 159 führte. Lawrie gewann zwar noch zwei Turniere auf der europäischen Tour, aber der letzte Erfolg liegt auch schon zwei Jahre zurück. In der Weltrangliste ist er auf Platz 258 abgerutscht. Heute gilt er selbst für schottische Zeitungen als "der vergessene Sieger".
Vergessene Sieger
Auch einem anderen Nebendarsteller der Branche, der sich bei den British Open zum Hauptdarsteller aufschwang, erging es nicht besser. Ben Curtis, der vor zwei Jahren in Royal St. Georges als 396. der Branchenhackordnung die Stars düpierte, feierte erst vor zwei Wochen bei den Western Open nahe Chicago als Dritter seine erste Top-Ten-Plazierung seit jenen Glückstagen an der englischen Kanalküste. In der Weltrangliste steht er auf Rang 144. Wie Duval und Lawrie darf er von Donnerstag an nur mitspielen, weil der Sieger der British Open bis zur Vollendung seines 65. Lebensjahres immer eingeladen wird.
So gesehen, hat es Todd Hamilton gut getroffen. Dem 39jährigen Amerikaner, im Vorjahr bei seinem überraschenden Play-off-Sieg gegen Ernie Els die Nummer 56 der Weltrangliste, steht immerhin noch auf Rang 46, obwohl sich ihm seitdem nie mehr eine Siegeschance bot. Aber der Fahrensmann hat sich wenigstens in der erweiterten Weltspitze gehalten, auch wenn es ihm schwergefallen ist. "Das ganze vergangene Jahr bin ich nur herumgehetzt. Im vergangenen Jahr habe ich 35 Turniere gespielt, das Jahr davor nur 22. Aber als British-Open-Champion wird man zu so vielen Turnieren eingeladen, da fällt es einfach schwer, nein zu sagen. Und dann sind da noch die ständigen Interviews, bei denen man immer dasselbe gefragt wird."
Den Erwartungen gerecht werden
Hamilton, der vor seinem Coup in Troon bereits elfmal auf der japanischen Tour und einmal auf der amerikanischen Tour gewonnen hatte, weiß aber auch: "Wenn man ein Major gewinnt, garantiert das keine erfolgreiche Laufbahn." Denn ein "Champion Golfer of the Year" setzt sich zudem noch selbst unter Druck. "Man wird überall als British-Open-Champion angekündigt, da will man den Erwartungen auch gerecht werden und nicht wie ein Tour-Neuling spielen", sagt Hamilton.
Großes Mitgefühl bei den Kollegen erwecken die Sorgen der um ihre Form ringenden ehemaligen Meistergolfer nicht. "Das sind die Probleme, die ich liebend gerne hätte", sagt der Amerikaner Charles Howell III lachend. Denn egal wie gut man nach dem Erfolg beim Saisonhöhepunkt auch spielt: Als British-Open-Champion hat man ein Stück Golfgeschichte geschrieben.