Nicht einmal wegsehen hilft. Als Tiger Woods am Sonntag am ersten Loch der Schlußrunde der 88. PGA Championship im Medinah Country Club aus knapp vier Metern puttete, schaute sein Mitspieler Luke Donald einfach weg. Erst fixierte der 28jährige Engländer mit Wohnsitz im nahe gelegenen Chicago seine Schuhe, dann schweifte sein Blick in die Ferne. Aber der Lärm der Fans über das Birdie, mit dem der Superstar erstmals die alleinige Führung übernahm, war nicht zu überhören.
Acht Löcher später, als Woods sich bei Halbzeit vier Schläge von seinen Jägern abgesetzt hatte, war Gewißheit, was allen schon nach diesem furiosen Auftakt schwante: Wenn der beste Golfer der Welt als Führender in die Schlußrunde eines Majors geht, kann ihn niemand einfangen. Woods' makellose Bilanz hat weiter Bestand. Zwölfmal startete er aus der Pole Position bei diesen Grand-Slam-Turnieren des Golf in die Schlußrunde, zwölfmal hielt er am Ende den Pokal wie diesmal die riesige Wannamaker Trophy und den Scheck (diesmal über 1,4 Millionen Dollar) in der Hand.
Scheck über 1,4 Millionen Dollar
„Es ist fast, als ob er in der Schlußrunde immer noch einen Gang zulegen kann. Was immer er tun muß, um zu gewinnen, er tut es: Entweder locht er einen entscheidenden Putt, oder ihm gelingt ein großartiger Schlag. Er spielt auf einem anderen Niveau, wenn die anderen mit ihren Emotionen kämpfen“, sagt der Amerikaner Steve Stricker, der den siebten Platz belegte. „Ich habe außer Jack Nicklaus nie jemanden gesehen, der sich als Führender in der Schlußrunde eines Majors so wohl fühlt“, stimmte der Amerikaner Chris DiMarco, der den Branchenprimus zweimal, beim Masters 2005 und den British Open im Juli, vergeblich gejagt hatte, in die Lobeshymnen ein. „Es ist fast, als genösse er es, daß ihn alle stolpern sehen wollen und hoffen, daß ihm mal ein Bogey unterläuft. Aber am Ende gewinnt er immer mit vier oder fünf Schlägen Vorsprung.“
Am Sonntag waren es fünf Schläge Vorsprung, die der Superstar nach seiner Schlußrunde von 68 Schlägen seinem amerikanischen Landsmann Shaun Micheel, und sechs, die er Donald, dem Spanier Sergio Garcia und dem Australier Adam Scott voraus war. Der Weltranglistensechste vom fünften Kontinent, ein ehemaliger Trainingspartner von Woods, faßte zusammen, was den Seriensieger von allen anderen Konkurrenten unterscheidet: „Wir machen mehr Fehler als er, aber wenn ihm einer unterläuft, befreit er sich besser aus schwierigen Lagen als alle anderen.“
„Er ist der komplette Spieler“
Der australische US-Open-Sieger Geoff Ogilvy schwärmt: „Er ist der komplette Spieler. Wir alle treffen schlechte Entscheidungen auf dem Platz. Er nicht.“ David Toms, der PGA-Champion von 2001, sagte fast schon ein bißchen resignierend: „Er ist der einzige, der sich schlagen kann. Er kann so viele Sachen, die niemand anders kann. Die Leute, die ihn jagen, müssen schon Außergewöhnliches leisten, wenn sie auch nur eine Chance haben wollen.“
Extraordinäres leistete an diesem Tag niemand - und wahrscheinlich hätte es gegen Woods in Bestform auch nichts geholfen. Denn der 30jährige Kalifornier ist derzeit fast unschlagbar. Er gewann sein drittes Turnier in Folge, sein zweites Major nacheinander. Er hat jetzt vier der letzten acht Traditionsturniere gewonnen, dominierte zum drittenmal in seiner zehnjährigen Profilaufbahn zwei der Großereignisse in einem Jahr. In der Ruhmeshalle seines Sports muß er sich mit zwölf Major-Siegen nur noch hinter Nicklaus (18) einreihen.
Die nächste Bestmarke
Nach der Gala in Medinah zweifelt kaum jemand daran, daß Woods auch diese Bestmarke eines nicht allzu fernen Tages knacken wird, selbst wenn er in aller Bescheidenheit abwehrte: „Das ist nichts, was ich nächstes Jahr schaffen kann, Jack hat über zwanzig Jahre dafür gebraucht.“ Aber bei dem Tempo, das Woods derzeit vorlegt, könnte er es in drei Jahren packen, zumal seinen staunenden Rivalen nicht allzuviel einfällt. „Wir alle müssen einfach besser werden“, sagte Scott und fügte einen Scherz an: „Wir haben jetzt acht Monate Zeit, unseren Schwung für das Masters in Augusta umzustellen.“
Ein Hinweis darauf, daß Woods im Laufe seiner Karriere schon zum zweitenmal mit großem Erfolg seinen Schwung grundlegend überholt hatte. „Er tut alles dafür, damit er immer besser wird“, behauptet seine ehemaliger Coach Butch Harmon. Und deshalb bleibt den Kollegen nur die Hoffnung, daß dem Zahn der Zeit gelingt, woran sich die Weltelite die Zähne ausbeißt. „Er wird nicht mit 68 Jahren noch als Führender in die Schlußrunde eines Majors gehen und gewinnen“, sagt Garcia. Aber schon der Hinweis aufs Rentenalter zeigt: Die Herren haben sich auf eine lange Dominanz von Woods eingerichtet.
Der komplette Spieler
Manfred Noethen (bobbydillen)
- 21.08.2006, 22:53 Uhr