21.08.2007 · Ewa Wisnierska wurde beim Training in einem Gewittersturm binnen Minuten in 9950 Meter Höhe gesogen - eine Höhe, die sonst nur Flugpassagiere vom Blick aus dem vereisten Guckloch kennen. Trotzdem bleibt der Gleitschirm ihre Leidenschaft. Eine Reportage von Bernd Steinle.
Von Bernd Steinle, OberstdorfEs ist der erste Tag der German Open im Gleitschirmfliegen, neun Uhr morgens. Ewa Wisnierska kauert vor einem kleinen Tisch und hält in den Händen eine Klarsicht-Plastiktüte, die sie unten aufgeschnitten hat. Ein Kaffeefilter steckt darin, in den nun von oben heißes Wasser rinnt, während unten der Kaffee in die Plastiktasse tröpfelt. "Improvisieren", sagt sie und lacht, "ist essentiell hier."
Die Nacht hat sie im Auto verbracht, auf der großen Wiese vor der Oybele-Halle, auf der ringsum die Autos der Teilnehmer an den offenen deutschen Meisterschaften in Oberstdorf im Kreis stehen. "Nichts Ungewöhnliches", sagt Ewa Wisnierska zu den rustikalen Umständen. Nicht für sie jedenfalls.
Vorübergehend bewusstlos, mit Eis überzogen
Ungewöhnlich scheint vieles an der Geschichte der Ewa Wisnierska. Die Ironie beispielsweise, dass sie die beste deutsche Gleitschirmpilotin ist, vielfache Weltcup-Gewinnerin, Weltcup-Gesamtsiegerin und WM-Zweite 2005, nicht aber wegen ihrer vielen erfolgreichen Flüge bekannt wurde, sondern wegen eines einzigen missratenen Flugs. Im Februar dieses Jahres wurde Ewa Wisnierska beim Training für die WM in Australien in einem Gewittersturm binnen Minuten in 9950 Meter Höhe gesogen - eine Höhe, die sonst nur Flugpassagiere vom Blick aus dem vereisten Guckloch kennen.
Sie überlebte, vorübergehend bewusstlos, mit Eis überzogen. Auf einmal wollten alle möglichen Leute etwas von ihr wissen, es hagelte Anfragen von Talk-Shows, Fernsehmagazinen, Zeitungen, Zeitschriften. Sie versuchte, den Ansturm zu kanalisieren, Sensationslüsternheit von Sachinteresse zu trennen. Und das in den Vordergrund zu stellen, was ihr am meisten am Herzen liegt: den Sport. Ihren Sport. Das Gleitschirmfliegen.
„Wie ein Fisch im Wasser“
Es gibt kaum eine Sportart, die Menschen, die sie zum ersten Mal erleben, so in ihren Bann zieht wie das Gleitschirmfliegen. Ein Gurtzeug mit Notfallschirm und Tragegurten, eine Vielzahl dünner, weit verästelter Nylonleinen, eine Kappe aus Nylonstoff, dazu Helm, Höhenmesser und Funktionskleidung, eventuell ein GPS: Das ist die Basisausrüstung beim Gleitschirmfliegen. Den Rest übernimmt die Natur, die Thermik, der Aufwind. "Du löst dich von der Erde, körperlich und mental, du bist komplett weg", beschreibt die 35 Jahre alte Ewa Wisnierska das Gefühl beim Fliegen. "Alles andere bleibt am Boden, du bist mit dir allein, mit dir und mit der Natur." Mit den Linien, Farben und Strukturen der Landschaft, mit der Erfahrung, die Erde von oben zu sehen. "Am schönsten ist es, wenn du mit den Vögeln fliegst", sagt Ewa Wisnierska, Spitzname "Birdy". "Dann fühlst du dich wie ein Fisch im Wasser."
Es gab eine Zeit, da war das Gleitschirmfliegen alles für Ewa Wisnierska. Ganz am Anfang, nach ihrem ersten Höhenflug in den Bergen, hatte sie minutenlang Schmetterlinge im Bauch: "Ich kam gar nicht mehr runter." Bald flog sie, sooft sie konnte, jobbte bei Flugschulen, machte Videoanalysen bei Sicherheitstrainings, organisierte Reisen, legte die staatliche Prüfung als Fluglehrerin ab. Einen Sommer lang lebte sie nur in ihrem Opel Kombi, danach jahrelang im Camper. Eine Wohnung kostet Geld, Geld kostet Arbeit, Arbeit kostet Zeit, und Zeit, die hatte Ewa Wisnierska nicht. Sie wollte fliegen. Im Winter zog sie monatelang nach Australien oder Mexiko, immer mit dem Gleitschirm im Gepäck. Sie lebte ihre Träume. "Jahrelang war ich nur aufs Fliegen fixiert, ich dachte, das Fliegen sei die richtige Welt, ich hatte keinen Fernseher, kein Radio, hielt nur durch meine Schüler Verbindung mit der anderen Welt. Irgendwann hab ich gedacht: Hey, du verlierst langsam den Bezug zur Realität. Und hab trotzdem weitergemacht."
Beckenbruch, Kreuzbeinbruch, monatelange Pause
Das Leben als Gleitschirm-Junkie forderte Opfer, über ein festes Zuhause hinaus. "Ich musste viel aufgeben, auf vieles verzichten", sagt die gebürtige Polin. Das soziale Leben litt unter der Fixierung aufs Fliegen. Am schmerzhaftesten aber war eine andere Erfahrung. Jahrelang war "Birdy" von einem Erfolg zum nächsten geflogen, war in ihrer ersten Wettkampfsaison in die Nationalmannschaft vorgestoßen, hatte in ihrer ersten Weltcupsaison vier von fünf Wettbewerben gewonnen, war unter die besten Zwanzig der Welt bei den Männern vorgedrungen. "The sky was the limit", der Himmel war die Grenze, und auch der schien ihr weit offen zu stehen.
Dann, 2006, kam ein Unfall. Bei Bedingungen, die eigentlich, wie sie heute sagt, "nicht fliegbar" gewesen seien, stürzte sie mit dem Gleitschirm ab. Beckenbruch, Kreuzbeinbruch, monatelange Pause. Respekt habe sie da gelernt, sagt Ewa Wisnierska, die Einsicht, dass auch ihr so was passieren könne, und die Bereitschaft, nicht sehenden Auges in die Gefahr zu fliegen, bei unberechenbaren Bedingungen zurückzustecken, nein zu sagen. Auch dann, wenn die anderen weiterfliegen. "Ich fliege verhaltener seither", sagt sie. Deshalb hat es sie fast überrascht, dass sie nun schon wieder Zweite im aktuellen Weltcup-Klassement ist.
Jede vorzeitige Landung kostet Geld
Das Problem mit der Gefahr freilich ist, dass die Grenzen fließend sind. Wann ist es besser runterzugehen, wann, gar nicht erst raufzugehen? Es war nicht zuletzt ihr außergewöhnlicher Ehrgeiz, dem Ewa Wisnierska dieses Leben, die Verwirklichung vieler Träume verdankte, es waren ihre Zielstrebigkeit und ihre Konsequenz, ihre Unbeirrbarkeit und auch ihre Unerschrockenheit. Es ist schwierig, in jeder Situation die richtige Entscheidung zu treffen, das Risiko genau einzuschätzen, Vorwärtsdrang und Vernunft gegeneinander abzuwägen. Erst recht, wenn man auf Prämienbasis fliegt, jede vorzeitige Landung bares Geld kostet.
Damals im Februar, beim verhängnisvollen Trainingsflug vor der WM in Australien, dachte sie angesichts der schon drohenden Wolken, es ginge noch: "Die anderen fliegen ja auch noch." Dann packte sie der Sturm, mit einer Kraft, so berichtete sie später, die "unvorstellbar" gewesen sei. Sie wurde immer höher gesaugt, mit rasender Geschwindigkeit, fünfzehn, zwanzig Meter pro Sekunde. Irgendwann wurde sie ohnmächtig. Als sie wieder zu sich kam, stark unterkühlt und "erst noch benebelt", stellte sie fest, dass sie in rund 6900 Meter Höhe flog. Sie kreiselte nach unten, 5000 Meter weit, dann sah sie die Erde wieder, und darauf eine Farm, in deren Nähe sie schließlich landete. Ganz sanft.
Zehnmal nacheinander russisches Roulette
Sie hatte sich die Ohren erfroren und die Beine, die nur mit einer Dreiviertelhose bekleidet waren, aber sonst hatte ihr der Höllenflug wenig angehabt, wundersamerweise. Sie trug vom geringen Sauerstoffanteil in den fast 10 000 Meter Höhe, die auf ihrem GPS verzeichnet waren, keinerlei Schäden davon, die Nase, sonst einer der ersten Körperteile, die bei extremen Minustemperaturen erfrieren, blieb unversehrt, und sie selbst war, wie sie lächelnd sagt, "nicht mal erkältet". Das größte Wunder aber war, dass ihr Schirm die extremen Turbulenzen, den Sturm, den Regen, die Hagelschauer unversehrt überstanden hatte. Ewa Wisnierska weiß, warum sie diesen Flug überlebte, kann niemand so recht erklären. Es sei in etwa so, sagt sie, als spiele man zehnmal nacheinander russisches Roulette. Ein chinesischer Pilot, der in den gleichen Sturm geriet, war ums Leben gekommen.
In Oberstdorf, oben auf dem Nebelhorn, herrscht am ersten Tag der German Open strahlender Sonnenschein. Die Entscheidung über Fliegen oder Nichtfliegen fällt trotzdem nicht leicht, böige Winde erschweren die Streckenwahl. Lange brütet der Liga-Ausschuss, dem auch Ewa Wisnierska angehört, am Tisch vor der Gipfelhütte über eine mögliche Route. Streckenfliegen, das heißt, eine Reihe festgelegter Punkte, die den Piloten in einem Briefing vorgestellt werden, nacheinander abzufliegen. Mittels GPS-Koordinaten wird überprüft, ob die Piloten die Wendepunkte tatsächlich erreicht haben. Gelingt es mehreren Piloten, den gesamten Kurs zurückzulegen, entscheidet die Zeit über den Sieg. Die Kunst beim Gleitschirmfliegen ist, stets die Stellen mit der stärksten Thermik zu finden, so schnell wie möglich so hoch wie möglich aufzusteigen.
„Endlich eigene vier Wände“
Man kann sich da an den anderen Piloten orientieren, man kann sich an den Vögeln orientieren, an Bäumen, die sich im Wind wiegen oder an vom Wind abgeknickten Rauchfahnen. "Am besten, man hat die Augen überall", sagt Ewa Wisnierska. Gute Wahrnehmungsfähigkeit, Flexibilität und eine gewisse mentale Stärke sind wichtig, um sich in der Luft immer wieder selbst motivieren zu können. Vor allem aber: Improvisationskunst. "Du musst ständig neu disponieren, immer wieder neue Entscheidungen treffen. Und du musst das durchziehen, darfst nicht aufgeben, egal, wie aussichtslos die Lage scheint." Das Gleitschirmfliegen, sagt Ewa Wisnierska, sei auch eine Schule fürs Leben.
Ihre Lektionen jedenfalls hat sie gelernt. Sie verspüre immer mehr Lust auf das reine Hobbyfliegen, sagt sie, nicht mehr nur im Maximaltempo vorgegebene Kurse durchzuhetzen, sondern eigene Routen zu fliegen, dem Ursinn des Gleitschirmfliegens wieder näher zu kommen. Vor kurzem machte sie für den Film "Reise zum Horizont", der im Herbst in die Kinos kommen soll, Filmaufnahmen in den Dolomiten. Es sei eine Gänsehaut-Erfahrung gewesen, ein Erlebnis, das ihr immer noch fast unwirklich schön erscheint, der Flug um die gewaltigen Felsklötze, den Sella-Stock, den Passo Pordoi. "Ich empfand Dank für die Möglichkeit, das erleben zu dürfen." Seit diesem Jahr ist Ewa Wisnierska beim Gleitschirmhersteller Swing angestellt, womit sie erstmals nicht selbst für die ganzen Reisen und Startgelder aufkommen muss. Und zum ersten Mal seit Jahren hat sie deshalb nun auch eine eigene Wohnung, in der Nähe von München. "Für jeden anderen ist das wahrscheinlich selbstverständlich, aber für mich war es ein tolles Gefühl, endlich eigene vier Wände zu haben", sagt sie.
Der Tag in Oberstdorf endet mit der Absage der Aufgabe, aus Sicherheitsgründen. "Eine gute Entscheidung", sagt Ewa Wisnierska. Einige der Piloten starten trotzdem. Ewa Wisnierska nimmt die Gondelbahn ins Tal. "Das Leben ist viel zu schön, um es aufs Spiel zu setzen", sagt sie. Auch das hat sie das Gleitschirmfliegen gelehrt.