Eigentlich dürfte Wouter Weylandt kein sehr ängstlicher Mensch gewesen sein. Er war ja Radprofi, und als Sprinter hatte er lernen müssen, seine Ellenbogen im Nahkampf auf dem Rad einzusetzen. Und doch hatte Weylandt nun vor dem Giro d'Italia, der ihn sein Leben gekostet hat, eine düstere Ahnung, er schien um seine Gesundheit gefürchtet zu haben. Kurz nach Beginn der Rundfahrt bereits hatte Weylandt seinem Manager eine SMS geschickt. Er schrieb, dass das Rennen sehr gefährlich sei und nervös. „Das bereitet mir Sorgen.“ Am Montag starb Weylandt während des Giro, er war nur 26 Jahre alt geworden. Im Herbst wäre der Belgier erstmals Vater geworden. Weylandt hatte bei der Abfahrt vom Passo del Bocco etwa bei Tempo 70 mit dem Vorderrad eine Betonmauer touchiert, als er sich umgeschaut hatte. Ein Fahrfehler? Weylandt soll zuerst mit dem Gesicht auf die Mauer gestürzt sein, dann auf den Asphalt. Bereits 30 Sekunden später sei er am Unfallort ärztlich versorgt worden, hieß es. Für Weylandt aber kam jede Hilfe zu spät. Er hatte sich einen Schädelbasisbruch zugezogen.
Der Radsport reagierte schockiert auf diesen Todesfall, aber die Karawane zog weiter. Auch Weylandts Rennstall, das Team Leopard-Trek, setzte seine Fahrt in Italien fort, „aus Respekt gegenüber der Familie Weylandt“. Am Dienstagvormittag hatte in Genua zunächst eine Militärkapelle einen Trauermarsch für Weylandt gespielt, danach gab es eine stille Gedenkfahrt ohne Wertung. Im Ziel in Livorno fuhr das Team des Verunglückten - gefolgt vom Träger des Rosa Trikots, David Millar - nach 216 Kilometern geschlossen über die Ziellinie. Von jetzt an soll aber wieder gefahren werden wie eh und je.
Das gleiche Szenario hatte es 1995 bei der Tour de France nach dem Tod des italienischen Olympiasiegers Fabio Casartelli gegeben, der in den Pyrenäen bei der Abfahrt vom Portet d‘Aspet tödlich verunglückt war. Casartelli hatte - im Gegensatz zu Weylandt - keinen Helm getragen. „Ich fuhr im vierten Wagen hinter Weylandt. Ich sah ihn durch die Luft fliegen. Dann lag er in seinem schwarzen Trikot auf dem Asphalt. Sein Gesicht war voller Blut. Es war furchtbar.“ So schilderte Pietro Algeri, Sportlicher Leiter des Teams Movistar, am Dienstag die tragischen Vorgänge vom Vortag. „Es ist ein dunkler Tag für den Radsport“, sagte Tour-Sieger Alberto Contador, der ebenfalls am Giro teilnimmt.
Der Giro kämpft Jahr für Jahr um Beachtung
Der Passo del Bocco gilt nicht als ungewöhnlich schwierig, er sollte für die Profis keine allzu große Herausforderung darstellen. Und doch setzte nach dem Tod von Weylandt wieder eine Sicherheitsdiskussion im Radsport ein. Dabei wurde - im allgemeinen - auch Kritik an den Veranstaltern laut, die bei der Streckenplanung mehr und mehr auf Nervenkitzel setzen würden. Gerade der Giro kämpft Jahr für Jahr um Beachtung - er versucht, sich damit gegen die Tour zu behaupten.
„In den letzten Jahren gibt es die Tendenz, für immer mehr Spektakel zu sorgen. Vor 40 Jahren sind die Profis auf normalen Straßen gefahren und nicht wie wir in den Dolomiten über Schotterpisten. Ich habe nichts gegen schwere Etappen, aber die Sicherheit der Fahrer muss gewährleistet sein“, sagte der italienische Fahrer Marco Pinotti. Die spanische Zeitung „Sport“ schrieb: „Schmerz, Angst und extreme Leistung verkaufen sich gut. Für die Routen werden immer steilere Anstiege und gefährlichere Abfahrten ausgesucht.“ Weylandt sei das Opfer „einer brutalen Streckenführung“ geworden, befand das Blatt „El Mundo“. Giro-Chef Angelo Zomegnan kündigte immerhin verstärkte Sicherheitsmaßnahmen an, ohne dabei jedoch konkret zu werden.
Vergleichsweise wenig schwere Unglücke
Radprofis rasen immer wieder mit sehr hohen Geschwindigkeiten zu Tal, die Wagemutigsten unter ihnen können auf solchen Passagen große Rückstände wettmachen und auch Rennen gewinnen - das gehört zum Reiz ihres Sports. Und es ist erstaunlich, dass sich trotz dieser halsbrecherischen Fahrten vergleichsweise wenig schwere Unglücke ereignen. Im Jahr 2009 war beim Giro der Spanier Pedro Horrillo über eine Leitplanke etwa 60, 70 Meter tief in eine Schlucht gestürzt. Er wurde schwer verletzt. Der Helm dürfte ihn ebenso vor dem Tod bewahrt haben wie Jens Voigt, der 2009 bei der Tour de France bei der rasenden Abfahrt vom Sankt-Bernhard-Pass einen entsetzlichen Crash erlebte. Die Risiken seines Sports scheinen dem Berliner bewusst zu sein, aber wie so viele Radprofis neigt er offenbar dazu, die Gefahren des Metiers zu verdrängen. Noch aus der Klinik hatte Voigt seinen Teamgefährten die Botschaft übermittelt, dass sie sich doch gleich wieder auf das Rennen konzentrieren sollten.
Weylandts Tod veranlasste das Peloton zu Schweigeminute und Trauerflor. Der Belgier war dem Vernehmen nach gar nicht für den Giro vorgesehen. Er hatte aber einspringen müssen, nachdem der Italiener Daniele Bennati ausgefallen war. Bennati war bei der Tour de Romandie gestürzt. Er hatte Rippenbrüche, einen Schlüsselbeinbruch sowie eine Lungenquetschung erlitten. Weylandt musste am Dienstag in Levagna von seinem Vater identifiziert werden. Er soll das Team Leopard-Trek gebeten haben, beim Giro weiterzumachen, zu Ehren seines Sohnes. Am späten Dienstagabend haben sich die Teamkollegen dann aber doh für den Ausstieg entscheiden.
Eine große Geste
Andreas Zaum (Ferdinandez2)
- 10.05.2011, 13:53 Uhr
Und er trug einen Helm...
Lüko Willms (l.willms)
- 10.05.2011, 15:10 Uhr
@Lüko Willms:
steffen krill (skrillmatic)
- 10.05.2011, 23:51 Uhr
Daniele Bennati
Patrick Vandendries (fancycolours01)
- 11.05.2011, 02:41 Uhr
"Natürlich kann ein Helm nicht alle Risiken abfangen."
Lüko Willms (l.willms)
- 11.05.2011, 02:48 Uhr