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Nairo Quintana beim Giro : Der König von Blockhaus

  • -Aktualisiert am

„Victory“-Zeichen für die Fans: Quintana freut sich über seinen erfolgreichen Sololauf. Bild: AFP

Auf seiner furiosen Solofahrt den längsten Anstieg des Giro d’Italia hinauf kann keiner Quintana aufhalten. Der Parforceritt des Kolumbianers erinnert an Eddy Merckx. Wer soll seinen Freiheitsdrang noch aufhalten?

          Kondor des Apennin“ nennen die kolumbianischen Bewunderer Nairo Quintanas ihren Landsmann seit dem vergangenen Sonntag. Die grünen Hänge des zentralen Gebirgszugs Italiens wurden zur Kulisse für eine abermalige Großtat des kleinen Kletterers. Auf dem längsten Anstieg dieses 100. Giro d’Italia – der 13 Kilometer langen Auffahrt zum Etappenziel Blockhaus war ein 12 Kilometer langer Aufstieg zum „Warmfahren“ vorgespannt – spielte der Movistar-Kapitän erstmals seine Karten aus.

          Viermal attackierte er, jeweils an den steilsten Stellen mit mehr als zehn Prozent Steigung. Dreimal konnte Titelverteidiger Vincenzo Nibali gegenhalten. Beim vierten Mal musste der Sizilianer seinen Gegner ziehen lassen. „Quintana sucht die Freiheit“, rief ein begeisterter kolumbianischer TV-Kommentator aus, als sich der Movistar-Kapitän im blauen Trikot immer mehr von seinen Rivalen entfernte. „König von Blockhaus“ wurde er genannt, und Parallelen zu Eddy Merckx gesucht. Der hatte vor genau 50 Jahren bei der Erstbefahrung des Anstiegs im Rahmen des Giro d’Italia triumphiert.

          Zu viel in Superlativen schwelgen wollte der Gefeierte aber nicht. Das mag daran liegen, dass er auch in Radsportgeschichte bewandert ist. Merckx gewann damals zwar die Etappe, wurde später aber, durch eine Bronchitis geschwächt, nur Gesamt-Neunter. Der erste Giro-Gesamtsieg kam im Folgejahr, das erste Double aus Giro und Tour zwei weitere Jahre später.

          Gute Gelegenheit für neue Klassement-Konturen

          Quintana, der in dieser Saison ebenfalls das Double vorhat, dürfte sich als Merckx-Referenzen eher die Jahre 1970, 1972 und 1974 aussuchen, in denen dem „Kannibalen“ aus Belgien jeweils das Rundfahrtdoppel gelang. Nach kurzem Jubel machte Quintana gleich wieder einen hoch konzentrierten Eindruck. „Das war eine gute Gelegenheit, um Abstand herauszufahren und für Konturen im Klassement zu sorgen“, sagte er. Das Tagesziel des Sonntags war, vor dem anspruchsvollen Einzelzeitfahren an diesem Dienstag über 39,8 Kilometer durch das Sagrantino-Weinrevier etwas vorzulegen. Der Kampf gegen die Uhr ist die wohl einzige Schwachstelle des Kolumbianers, selbst wenn er auch dort nicht ganz schwach ist, wie ein Landesmeistertitel bei den Junioren in dieser Disziplin beweist.

          Der Sieg am Blockhaus war allerdings auch ein Sieg mit Ansage. Das ist ein Zeichen für unerschütterliches Selbstvertrauen. Noch am Vortag hatte Quintana seiner Mutter ein Geschenk zum Muttertag angekündigt – und sie so auf den Coup am Sonntag vorbereitet. Das kolumbianische Fernsehen war sogar bei den Quintanas zu Hause und blendete immer wieder in die Direktübertragung ein, mit welch stoischem Stolz die Eltern die Leistungen ihres ältesten Sohnes verfolgten.

          Großbritanniens Geraint Thomas: An Trikot und Körper sind die Verletzungen durch den Sturz zu sehen. Der Skyprofi quälte sich dennoch den Blockhaus hinauf, hat nun aber über fünf Minuten Rückstand auf Quintana. Der Traum vom Giro-Sieg dürfte vorbei sein. Bilderstrecke
          Großbritanniens Geraint Thomas: An Trikot und Körper sind die Verletzungen durch den Sturz zu sehen. Der Skyprofi quälte sich dennoch den Blockhaus hinauf, hat nun aber über fünf Minuten Rückstand auf Quintana. Der Traum vom Giro-Sieg dürfte vorbei sein. :

          Die Rivalen im Rennen wussten ebenfalls, dass der große Favorit dieses Giro sich für den Tag einiges vorgenommen hatte. Schon in der Vorbereitung inspizierte er Teile des Anstiegs. Hatte er sich am Dienstag beim Ritt über den Vulkan Ätna noch zurückgehalten und Attacken vor allem wegen des starken Gegenwindes unterlassen, so bereitete seine Movistar-Mannschaft am Sonntag mit einem brutalen Tempo über zwei Drittel des Anstiegs die Attacke ihres Anführers vor.

          Pech für die Sky-Mannschaft

          Es war eine Taktik wie aus dem Lehrbuch, wie sich die Helfer vors Feld spannten und es von 80 Mann auf weniger als 30 reduzierten. Ihnen spielte natürlich auch das Missgeschick von Team Sky in die Karten. Die beiden Sky-Kapitäne Geraint Thomas und Mikel Landa wurden in einen Massensturz verwickelt, der durch ein am Straßenrand abgestelltes Polizeimotorrad ausgelöst worden war.

          Ob sie ohne Sturz für ein anderes Finale gesorgt hätten, bleibt Spekulation. Nach exzellenter Vorarbeit seines Teams attackierte Quintana dort, wo der Parcours es diktierte. Zwar könnte er beim heutigen Zeitfahren das rosa Trikot an den starken Sunweb-Kapitän Tom Dumoulin verlieren. Aber er hat die Konkurrentenschar mit seinem frühen Angriff bereits beträchtlich ausgedünnt. Das ist ebenfalls Teil des Masterplans Double. Denn Quintana kann Kräfte sparen. Er muss nicht jeden Angriff parieren. Und er kann darauf hoffen, dass die Männer, die auf die Podiumsplätze hinter ihm aus sind, sich gegenseitig neutralisieren.

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          Im romanischen Sprachraum ist schon jetzt klar, wer diesen 100. Giro d’Italia prägt. Der Centenario wurde bereits in den CenteNAIRO umgetauft. Quintana muss jetzt nur noch abholen, was für ihn reserviert scheint. Als Kletterer ist er bei diesem Giro eine Klasse für sich. Und er hat auch das stärkste Team.

          Die neu zusammengestellte Bahrain-Merida-Truppe vom Hauptrivalen Nibali konnte zumindest am Sonntag ihrem Kapitän keine nennenswerte Hilfe leisten. Auch Pinot war schnell allein. Und Dumoulin muss auf die Unterstützung des talentierten Wilco Kelderman verzichten. Der Sunweb-Profi war der Erste, der mit dem Polizeimotorrad kollidierte und sogar das Rennen verlassen musste. Es ist niemand in Sicht, der stark genug erscheint, den Freiheitsdrang Quintanas einzuschränken.

          Quelle: F.A.Z.

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