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Gewichtheber-WM Ein ganz normales Mädchen

21.11.2003 ·  Die polnische Gewichtheberin Agata Wrobel bringt 120 Kilo auf die Waage und gilt als stärkste Frau der Welt.

Von Evi Simeoni
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Der Name ist nicht unbedingt Programm: Die Übersetzung von "Wrobel" lautet "Spatz". Die Person, die in der Nacht zum Samstag in Vancouver an die Gewichtheberhantel tritt, um ihren Weltmeistertitel zu verteidigen, hat allerdings nicht viel Ähnlichkeit mit einem zarten Vögelchen. Die 22 Jahre alte Polin Agata Wrobel wird seit ihrem Titelgewinn im vergangenen Jahr in Warschau von vielen als die "stärkste Frau der Welt" tituliert. Und sie wirft einen mächtigen Schatten.

Ihr Kampfgewicht bewegt sich auf 120 Kilogramm zu und ihre Leistung im Zweikampf auf 300. Mit 287,5 Kilo hat sie in ihrer Heimat die schwere Aufgabe gestemmt, Weltmeisterin zu werden und damit der chinesischen Vorherrschaft ein Ende zu setzen. In Kanada will sie mit ihren Teamkolleginnen so viele Punkte sammeln, daß es am Ende für das Maximum von vier polnischen Startplätzen beim Frauenturnier der Olympischen Spiele in Athen reicht. Und dort will sie das Gold. "Ich schätze, daß man dafür 320 bis 330 Kilo im Zweikampf schaffen muß", sagte sie vor einiger Zeit. "160 im Reißen, vielleicht sogar 180 im Stoßen, das ist schon möglich."

„Das ist mein Gefängnis"

Eigentlich stammt Agata Wrobel aus Zywiec in Südpolen, einer Gegend, in der es schon immer bärenstarke Frauen gegeben haben soll. Vielleicht geht sie deswegen so locker mit ihrer eigenen Körperlichkeit um. Manche figurbewußte Heber-Debütantin mag die Flucht ergreifen, wenn sie Agata Wrobels Endzustand sieht. Diese jedoch fiel zum Beispiel bei den Olympischen Spielen in Sydney nicht nur durch die gewaltige Leistung von 295 Kilo im Zweikampf auf, was ihr die Silbermedaille einbrachte, sondern auch durch unter dem Hebertrikot hervorblitzende Spitzenwäsche. Mittlerweile hat sie sich auch noch eine schillernde Rastafrisur zugelegt. Man tut eben, was man kann.

Das Olympische Trainingszentrum in Siedlce im Osten Polens ist schon seit einigen Jahren Agata Wrobels Zuhause. Dort sind mehrere Gewichtheberinnen kaserniert. "Das ist mein Gefängnis", sagt sie im Scherz. Dort trainiert sie dreimal am Tag und verbringt auch ihre Freizeit. Die Konzentration hat neben dem sportlichen Erfolg einen weiteren Vorteil: Im Mai bestand Agata Wrobel ihr Abitur mit der Note "gut" und will nun studieren. Vorrang hat aber Athen. Für die Spiele hat sie sich gewaltig unter Druck setzen lassen. Seit September wird sie auf dem Weg zu Olympia vom Fernsehsender Eurosport beobachtet. Ein Kameramann begleitet sie regelmäßig, filmt sie in allen Lebenslagen, beim Training, beim Wettkampf nun auch in Vancouver und sogar zu Hause. "Mein Privatleben?" fragt Agata Wrobel. "Welches Privatleben?" Dafür, erklärt sie, habe sie sowieso keine Zeit.

Nicht mit Spatzenarmen

Der Fernsehsender hat jüngst auch von Agata Wrobels Ausflug nach Spala berichtet, einem Trainingszentrum, 100 Kilometer von Warschau entfernt, das auch schon von den Leichtathleten Sergej Bubka und Wilson Kipketer genutzt wurde. Dort ging sie in eine Kältekammer, mit deren Hilfe Athleten ihre Reflexe verbessern und ihr Immunsystem stärken wollen. Die Temperatur in der Kammer ist mit minus 120 bis minus 140 Grad extrem niedrig. Erst nach einer Gewöhnungszeit in minus 70 Grad gehen die Athleten für wenige Minuten in den extrem kalten Raum. "Das ist zum Beispiel sehr gut, um sich von Verletzungen zu erholen", wird Agata Wrobel zitiert.

Um eines der acht Eurosport-Objekte unter dem Titel "Mission to Athens" zu werden, hat Agata Wrobel eine Reihe von negativen Dopingtests vorlegen müssen. Stemmer, die etwas auf sich halten, haben die Dokumentation ihrer Trainingstests sowieso immer in ihrer Sporttasche dabei. Wie der deutsche Superschwergewichtler Ronny Weller, der am letzten Tag der WM, am Samstag, an die Hantel gehen wird. Ob Weller oder Wrobel - beide haben in Kanada das gleiche Ziel: den Titel. Das schafft man nicht mit Spatzenarmen. Und doch behauptet Agata Wrobel von sich: "Ich bin ein ganz normales Mädchen."

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.11.2003, Nr. 271 / Seite 36
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Jahrgang 1958, Sportredakteurin.

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