Der stärkste Mann der Welt wankt. Schon wieder hat sein Körper ihm eine Gelbe Karte gezeigt, diesmal im Trainingslager im Schwarzwald, an einem vollkommen harmlos wirkenden Dienstag Ende Mai: Matthias Steiner warf mitten in der Kniebeuge die Hantel von sich, fiel um und konnte sich nicht mehr bewegen. „Es gab kein Warnsignal“, sagt er. Sein Rücken bereitete ihm so schreckliche Schmerzen, dass ihn eine Stunde lang niemand auch nur berühren durfte.
Vier Stunden lang quälte er sich in dem Trainingsraum, hing schließlich über einer Massageliege, bis der Notarzt kam. Er wurde auf einer Trage immobilisiert und mühsam durch das Kellerfenster hinausgeschafft. Acht Leute mussten helfen, den mehr als 140 Kilo schweren Körper hindurchzuschieben. Er kam sofort in die Uniklinik Freiburg, wo er zwei Tage bleiben musste. Zur allgemeinen Erleichterung stellte sich heraus, dass er keinen Bandscheibenvorfall erlitten hatte. „Die Muskulatur hat dicht gemacht“, sagt der Superschwergewichtler. Es sei eine Schutzreaktion seines Körpers nach einem Infekt gewesen.
Matthias Steiners Körper schützt sich. Wovor? Vor Lasten von bis zu 100 Tonnen die Woche, die der Olympiasieger von 2008 bewegen muss, um wenigstens notdürftig im Plan zu bleiben? Acht Tage musste der 29 Jahre alte Schwerathlet mit dem Training aussetzen, und die Folgen des Schocks vom Herzogenhorn hat er noch nicht hinter sich gelassen. 424 Kilogramm hat er noch bei den Europameisterschaften in Antalya Mitte April im Zweikampf gehoben und damit die Silbermedaille gewonnen.
Das schafft er jetzt nicht mehr. Mit 410 Kilogramm musste er bei der Olympiaqualifikation am Samstag in Heidelberg zufrieden sein. Zwar hatte er die Norm (399 Kilo) schon in Antalya um 25 Kilogramm überboten und keine Probleme mehr, seinen Startplatz in London zu verteidigen. Aber Rückschritt statt Fortschritt - das darf eigentlich nicht sein acht Wochen vor dem entscheidenden Wettkampf. Von Gold spricht niemand mehr. Und: „Eine Medaille wäre ein Wunder“, sagt Steiner.
Steiner lauscht auf neue Warnzeichen
Ein Wunder. Genau das wird von ihm erwartet. Schließlich hat er schon einmal eines vollbracht, 2008 in Peking, als er die Goldmedaille mit einem so gewaltigen letzten Versuch gewann, dass Augenzeugen heute noch der Atem stockt, wenn sie daran denken. Doch Steiner spürt kein neues Wunder mehr heranwachsen, wenn er in seinen gewaltigen Leib hineinhorcht. Auch das Handgelenk und die Schulter haben ihm in diesem Jahr schon Probleme bereitet. Nun lauscht er auf neue Warnzeichen. Wenigstens das operierte linke Knie scheint Ruhe zu geben: Im September vergangenen Jahres erlitt er einen Anriss der Quadrizepssehne, der ihn bereits da in der Olympiavorbereitung weit zurückwarf. Seinen ersten Comebackversuch im März bei einem Bundesligakampf seines Vereins AC Chemnitz musste er dann wegen plötzlicher Übelkeit absagen. Immer wieder Rückschläge. „Mir fehlt das Fundament.“
Am Samstag, beim Auftritt des deutschen Kaders zusammen mit dem französischen Nationalteam im Stützpunkt Rhein-Neckar, wurde er relativ zum Körpergewicht nur Fünfter. Erstmals besiegte ihn sein Gewichtsklassen-Partner Almir Velagic aus Speyer im Zweikampf. Der feierte seinen Sieg mit Triumphgesten. Steiner registrierte es resigniert: „Sie sind alle besser drauf als ich.“ Der Fokus bei diesem Wettkampf, erklärte Steiner, liege diesmal auf seinen Kollegen.
„Lasst ihn Mensch sein“
Und tatsächlich lieferten die sich einen nervenzerfetzenden Kampf und den dritten Olympia-Startplatz neben Steiner und Velagic. Am Ende triumphierte der frühere Europameister Jürgen Spieß mit 388 Kilogramm und damit sieben Kilo über der geforderten Norm. Der Chemnitzer Tom Schwarzbach mit sechs Kilo über der Norm konnte den Angriff nicht parieren. „Es war der wichtigste Wettkampf meines Lebens“, sagte Schwarzbach hinterher betrübt und dachte über das Ende seiner Karriere nach. Und auch Spieß, der glückliche Sieger, hatte Mitgefühl: „Für ihn bricht wegen 1000 Gramm eine Welt zusammen.“ Aber selbst solch ein Drama kann Steiner nicht aus dem Mittelpunkt des Geschehens verdrängen.
„Lasst ihn Mensch sein“, bat Cheftrainer Frank Mantek. „Er ist nur aus Fleisch und Blut.“ Doch auch für kühle Rechner stellt sich die Lage kritisch dar. „Man kann damit rechnen, dass es immer drei Leute gibt, die mehr als 450 Kilo heben“, sagt Steiner, der in Peking mit 461 Kilo Gold gewann. In diesen Bereich kann er realistisch gesehen in zwei Monaten nicht mehr kommen. „Trainieren wie ein Bekloppter reicht jetzt auch nicht mehr“, sagt Steiner. „Das ist kein Tiefstapeln, das sind einfache Fakten.“ Mantek bemüht zur Illustration gar die Fußball-EM: „Wer 460 Kilo von uns verlangt, der verlangt auch, dass wir das Endspiel 11:0 gewinnen.“