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Geschlechtstests im Sport Wer legt eigentlich fest, was als normal gilt?

15.02.2010 ·  Das Thema „Geschlechtstest in Vancouver“ war zu Beginn der Winterspiele für die Offiziellen ein Tabu. Das IOC verfolgt weiter das Zwei-Geschlechter-Modell. Doch Geschlechtstests werden die Sportwelt noch erheblich beschäftigen.

Von Oliver Tolmein
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Vor Eröffnung der Olympischen Winterspiele ist das Thema „Geschlechtstest in Vancouver“ für die Offiziellen ein Tabu gewesen. Auf Anfragen nach dem konkreten Vorgehen schwieg das Internationale Olympische Komitee (IOC). Kürzlich veröffentlichte die „Koalition von Athleten für Inklusion im Sport“, die in Kanada ihren Sitz hat, eine Pressemitteilung mit der Forderung, die Geschlechtsüberprüfungen für Frauen bei den Winterspielen zu verbieten. Auch darauf hat das IOC nicht reagiert.

Die Sonderausgabe des „British Journal of Sportmedicine“, die von der Medizinischen Kommission des IOC koordiniert wurde, enthält zwar einen Aufsatz über Doping-Kontrollen, aber keine einzige Auseinandersetzung mit den zunehmenden Problemen, die es mit Fällen uneindeutiger Geschlechtsmerkmale bei Sportlerinnen gibt. Nur in der offiziösen Broschüre für die Snowboarder findet sich auf Seite fünf ein kurzer Hinweis: „Geschlechtsüberprüfung: Die Poliklinik in den Olympischen Dörfern wird die Geschlechtsbestätigung für die Olympischen Winterspiele 2010 durchführen, wenn das von der Medizinischen Kommission des IOC verlangt wird.“

Was die Medizinische Kommission verlangt, sollte im Januar dieses Jahres auf einer wissenschaftlichen Tagung in Miami Beach festgelegt werden. Die Diskussion, zu der nur ein handverlesener Kreis von Medizinern, aber weder Sportler noch Vertreter von Organisationen Intersexueller oder Transsexueller geladen waren, verlief offenbar so kontrovers, dass konkrete Richtlinien, die bei den Winterspielen umgesetzt werden könnten, nicht verabschiedet wurden.

Hormonspiegel oft eng mit der Leistungsfähigkeit gekoppelt

Dabei entwickelt das Thema zusehends Brisanz. Der Medizinische Genetiker Eric Vilain von der Universität von Kalifornien in Los Angeles (UCLA), einer der Experten, derer sich das IOC bedient hat, stellte in einem Interview fest, dass „vermännlichende Störungen selten sind, aber sie kommen statistisch gesehen bei Elite-Athleten sehr viel häufiger vor als in anderen Teilen der Bevölkerung“.

Wie in den Auseinandersetzungen um Doping, die Verwendung von Hightech-Materialien bei Wettkämpfen oder die Klassifikation von Behinderungen bei den Paralympics, geht es auch bei der Frage nach der Zuordnung zu einem Geschlecht, zumindest vordergründig, um die Frage der Fairness im Sport: Der Hormonspiegel, besonders die Testosteron-Mengen, die ein Körper produziert und verarbeitet, sind in vielen Disziplinen eng mit der Leistungsfähigkeit gekoppelt.

Die Testosteron-Werte von Männern sind grundsätzlich erheblich höher als die von Frauen - allerdings gibt es beispielsweise sogenannte xy-Frauen, Menschen also, die einen männlichen Chromosomensatz haben, die aber aufgrund einer vollständigen oder teilweisen Androgenresistenz - oder weil ihre Hoden keine oder nur sehr geringe Mengen an Hormonen produzieren - minimale Testosteron-Werte aufweisen. Obwohl sie genetisch gesehen Männer sind, haben xy-Frauen daher im Vergleich zu xx-Frauen keinen hormonellen Vorteil. Es wäre also schwer zu begründen, warum sie nicht als Frauen antreten sollten.

Wie soll man mit besonders leistungsfähigen Frauen umgehen?

Menschen mit adrenogenitalem Syndrom (AGS oder in der englischen Abkürzung CAH) dagegen sind genetisch eindeutig Frauen, ihr Körper produziert aber einen höheren Level von Testosteron. Das ist offenbar der Befund, der bei der südafrikanischen Weltklasse-Läuferin Caster Semenya diagnostiziert wurde. Wie damit umzugehen ist, dass eine Frau aufgrund physischer Eigenheiten besonders leistungsfähig ist, wird derzeit kontrovers debattiert.

Die 2006 veröffentlichten Richtlinien des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) zur Überprüfung des Geschlechts sehen das adrenogenitale Syndrom zwar als Besonderheit an, die bei Frauen gewisse Vorteile verschafft, die aber dennoch hinzunehmen ist und niemanden von Wettkämpfen ausschließen soll. Dass heute, nahezu ein halbes Jahr nach dem spektakulären Erfolg im 800-Meter-Lauf bei der WM in Berlin, IAAF und Caster Semenyas Anwälte immer noch über die Startmöglichkeiten der jungen Südafrikanerin sowie über eventuelle Schadenersatz- und Schmerzensgeldzahlungen streiten, führt vor Augen, wie schwierig die Umsetzung auch konkreter Richtlinien in der Praxis ist, wenn es in internationalen Wettkämpfen um Medaillen und damit auch um viel Geld geht.

„Kräftige Frau wird sofort unter Betrugsverdacht gestellt

Erschwerend kommt hinzu, dass der in Fällen von „Geschlechtsüberprüfungen“ gegen die Sportlerinnen erhobene Vorwurf, sie seien keine „richtigen“ Frauen, intime Bereiche ihrer Persönlichkeit betrifft und Auswirkungen weit über ihr Wettkampfleben hinaus hat. Ein besonders dramatisches Beispiel ist der Suizidversuch der indischen Weltklasseläuferin Santhi Soundarajan, der nach einem intransparenten Verfahren aufgrund eines Gentests die Silbermedaille aberkannt wurde, die sie im 800-Meter-Lauf der Asienspiele in Doha gewonnen hatte.

Die kanadische transsexuelle Radsportlerin Kristen Worley, die eine der maßgeblichen Kritikerinnen der Politik der Geschlechtstests ist, wie sie das IOC nach wie vor befürwortet, sieht hier auch ein Element von Geschlechterdiskriminierung: „Eine Frau, die einen kräftigen Körper hat, der äußerlich weniger weiblich und attraktiv aussieht, wird sofort unter Betrugsverdacht gestellt, ihre Identität als Frau wird in Zweifel gezogen; dagegen stellt niemand die genetischen Besonderheiten eines Mannes, der Höchstleistungen bringt, wie Usain Bolt, in Frage.“

„Geschlechtsüberprüfung“ wird die Sportwelt noch beschäftigen

Worley hat mit anderen Sportlerinnen und Sportwissenschaftlern ein System vorgeschlagen, in dem an die Stelle von Geschlechtstests für Frauen, die in Verdacht geraten sind, eine regelmäßige Überprüfung von Androgenleveln im Blut bei allen Sportlern in Zusammenhang mit Doping-Kontrollen stattfinden und in einem biologischen Pass dokumentiert werden soll. Sie stellt sich vor, dass dann an die Stelle von Wettkämpfen, in denen Frauen und Männer getrennt starten, neue, differenziertere Klassifikationen treten, wie es sie heute schon im Behindertensport gibt.

Das IOC allerdings hat ganz andere Vorstellungen. Die wenigen Informationen, die nach dem Expertentreffen im Januar 2010 veröffentlicht wurden, signalisieren, dass versucht werden soll, das Zwei-Geschlechter-Modell durch Zugrundelegung strikter medizinischer Indikatoren zu erhalten. Weltweit sollen dafür spezialisierte Diagnosezentren gegründet werden. Die Entscheidung über Verbot oder Erlaubnis von Starts soll auf Basis einer umfassenden Einzelfallanalyse fallen. Dabei soll grundsätzlich athletenfreundlich entschieden werden - vorausgesetzt, die Sportlerinnen sind bereit, zu kooperieren und ihre als Störung klassifizierte Besonderheit behandeln zu lassen.

Die Probleme sind aber erheblich - denn wie soll eine Behandlung aussehen? Muss eine Athletin, die über einen ungewöhnlich hohen Androgenspiegel verfügt, so behandelt werden, dass ihr Androgenspiegel hinterher dem von durchschnittlichen Frauen entspricht? Oder darf sie so behandelt werden, dass er dem oberen noch für „normal“ gehaltenen Niveau entspricht? Und wer legt fest, was als normal gilt? Das Thema „Geschlechtsüberprüfung“ wird die Sportwelt noch in erheblichem Maße beschäftigen.

Der Autor ist Rechtsanwalt und Mitbegründer der Kanzlei Menschen und Rechte in Hamburg. Er befasst sich vor allem mit den Themen Bioethik, Recht und Politik und schreibt darüber in seinem F.A.Z.-Blog „Biopolitik”.

Quelle: F.A.Z.
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