02.04.2010 · Tennis ist keine Herzenssache mehr, sondern ein Corona-Sport für Jedermann. Deutschlands schlafender Tennisriese, die German Open am Hamburger Rothenbaum, benötigt demzufolge Zweierlei: Bier und die breite Masse.
Von Thomas KlemmEin wenig wundern darf man sich schon, warum sich in Deutschland nicht mehr viel tut, während das Tennisspiel so populär ist in der Welt. Die Amerikaner rennen den Profiturnieren die Bude ein und greifen sogar selbst wieder vermehrt zum Schläger; hier in Europa sind wir umgeben von Ländern, in denen Tennis als Freizeitspaß beliebt und als Erwerbsquelle begehrt ist; und in Asien erlebt das Spiel erst recht einen Boom. Und in Deutschland?
Hier hat Turnierdirektor Michael Stich in der zurückliegenden Woche zwar wieder keinen Hauptsponsor für die German Open am Hamburger Rothenbaum präsentiert, dafür eine Umfrage. Mehr als achtzig Prozent der Hamburger, so das Ergebnis, halten das renommierteste deutsche Tennisturnier für einen „Gewinn für den Standort“. Aber wie lockt man die Leute, die den Rothenbaum irgendwie gut finden, hinterm Ofen hervor? Ganz einfach: Man macht's wie andere Tennisverbände und Turnierveranstalter - man setzt aufs Bier und die breite Masse.
Man höre und staune: Das Tennis ist aufs Bier gekommen. Vorbei sind die Zeiten, als die große Suzanne Lenglen zwischen den Ballwechseln eisgekühlten Cognac kippte und danach beschwingter (und womöglich beschwipster) weiterspielte. Vorbei auch die Zeiten, in denen das elitäre Tennispublikum auf der Klubterrasse Jahrgangschampagner schlürfte und eine noble Perlweinmarke zu den Geldgebern der ATP gehörte. Heute unterstützen nicht nur Düsseldorfer Bierbrauer das deutsche Tennis und einige Turniere, sondern die Profispieler-Organisation ATP hat nun sogar eine mexikanische Brauerei als Hauptsponsor. Tennis, für viele seit jeher eine Herzenssache, ist nun weltweit ein Corona-Sport.
Schlafender Tennisriese
Wie man vom Bier in die Breite geht, das zeigen vor allem die Amerikaner, die dick drin sind im Tennisgeschäft. Um sein sowieso schon erfolgreiches Grand-Slam-Turnier weit über New York hinaus massenwirksam zu machen, hat der amerikanische Tennisverband neuerdings allen Spielern ein Türchen geöffnet, um an den US Open teilzunehmen - zumindest theoretisch: Für 125 Dollar darf sich jeder Schlägerschwinger bei einem der 16 regionalen Play-offs melden. Die beste Dame und der beste Herr erhalten als Prämie eine Wildcard für die Qualifikation zu den US Open und damit ein Fünkchen Hoffnung, sich einmal im Leben mit den Besten der Welt messen zu dürfen. Auf die Weise werden die US Open wirklich „offen“ - auch für Amateure.
Wäre das nicht eine Idee für die German Open am Rothenbaum? Die Mobilmachung des schlafenden Tennisriesen würde nicht vor den Toren Hamburgs beginnen, sondern in Sachsen, Oberbayern und sonstwo. Wir wären dabei.