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Garri Kasparow im Gespräch „Magnus Carlsen ist die Zukunft des Schachs“

Garri Kasparow hat Magnus Carlsen ein Jahr lang betreut. Im F.A.Z.-Interview spricht der frühere Weltmeister über den neuen Star der Schachwelt, weltfremde Regelsetzer und einfallslose Eröffnungen beim Kandidatenturnier.

© dpa Gari Kasparow im Interview: „Fürs Schach ist Carlsens Sieg eine gute Nachricht“

Wie hat Ihnen das in London gebotene Schach gefallen?

Großartig. Das Kandidatenturnier hat bewiesen, dass es dem Schach prima geht. Die Geschichte vom Tod des klassischen Schachs ist widerlegt. Wir hören so viel über eine Remiskrise. Das Problem ist nicht das Remis, sondern die psychologische Einstellung. Wenn die Spieler kämpfen wollen, tun sie es. Natürlich erst recht, wenn ein Kämpfer wie Magnus Carlsen den Ton angibt.

Fast die Hälfte der Partien hatte einen Sieger. Beim vorigen Kandidatenturnier vor zwei Jahren wurden nur zehn Prozent der Partien entschieden, und neunzig Prozent endeten remis.

Damals wurden Zweikämpfe gespielt. In Zweikämpfen ist es wichtiger, nicht zu verlieren, als zu gewinnen. Man sollte den Spielern nicht vorwerfen, wenn sie unter dem Druck des Formats solide spielen. Ein Rundenturnier ist natürlich aufregender.

Wie erklären Sie sich, dass Magnus Carlsen und Wladimir Kramnik beide in der letzten Runde verloren?

Das kommt eben heraus, wenn am Ende alles davon abhängt, ob Wassili Iwantschuk wieder die Bedenkzeit überschreitet . . .

. . . wie es dem Ukrainer fünfmal in diesem Turnier passiert ist.

Wäre ihm das auch gegen Kramnik passiert, hätte Carlsen gewinnen müssen.

Sein letztes Spiel gegen Peter Swidler hätte Carlsen fast selbst durch Zeitüberschreitung verloren. Er musste zehn Züge binnen einer Minute schaffen, fünf davon sogar in zehn Sekunden. Wie erklären Sie sich diese horrende, für ihn völlig untypische Zeitnot?

Er hatte noch nie eine Partie, in der so viel auf dem Spiel stand, und er war nicht sicher, auf welches Resultat er spielen sollte.

Hätte Magnus Carlsen im 30. Zug seinen Läufer in die gegnerische Ecke gezogen, wäre er im Vorteil gewesen. Er sah den Zug. Warum hat er ihn nicht gespielt?

Er kam nicht mit dem Zeitmodus zurecht. Das galt in den früheren Runden für Iwantschuk. Heute gibt es kaum noch ein Turnier ohne 30-Sekunden-Bonus pro Zug. Ausgerechnet das wichtigste Turnier des Jahres wurde ohne Bonus gespielt. Das zeigt, wie weltfremd die Leute im Weltverband sind, die über die Regeln bestimmen.

Ist das Ihre einzige Kritik am Modus des Kandidatenturniers?

Eigentlich müssten wir jetzt einen Stichkampf zwischen Carlsen und Kramnik über mindestens vier Partien sehen. Wenn niemand mit mehr als einem Punkt Vorsprung gewinnt, müsste so ein Turnier grundsätzlich mit einem Wettkampf zwischen den ersten zwei enden. Es darf am Ende nicht auf Spieler ankommen, die sich nicht mehr qualifizieren können. Nun hat man Carlsen zum Herausforderer erklärt, weil er eine Partie mehr als Kramnik gewonnen hat. Oder - was nämlich aufs Gleiche herauskommt - weil er eine mehr verloren hat?

Magnus Carlsen © dpa Vergrößern Attraktiv für Sponsoren: Weltmeister-Herausforderer Magnus Carlsen

Wer hätte den Sieg am meisten verdient?

Wenn man nur das Turnier anschaut: Kramnik. Abgesehen von der letzten Runde hat er das vielleicht beste Turnier seines Lebens gespielt. Er hat stark gekämpft und viele interessante Ideen gezeigt. Bei Carlsen war auch etwas Glück im Spiel. Aber für das Schach ist er natürlich besser.

Auf Ihrer Facebook-Seite haben Sie aber Ihren russischen Landsleuten die Daumen gehalten.

Fürs Schach ist Carlsens Sieg eine gute Nachricht. Glauben Sie mir: Ich bin in bester Stimmung.

Versprechen Sie sich persönlich etwas davon, wenn Carlsen nun auch Weltmeister wird?

Die ganze Schachwelt hat etwas davon. Als Mitglied der Schachwelt auch ich. Magnus ist die Zukunft des Schachs. Er ist attraktiv für Sponsoren.

In London trat als Geldgeber nur eine staatliche aserbaidschanische Ölgesellschaft in Erscheinung, die ihren Schützling im Kandidatenturnier haben wollte. Wird es nun leichter, für offizielle Wettbewerbe unterhalb des WM-Kampfs Sponsoren zu finden?

Nicht unter der jetzigen Führung des Weltverbands und solange wir einen Präsidenten (Kirsan Iljumschinow; d. Red.) haben, der Gaddafi und Assad besucht.

Wie hoch schätzen Sie Carlsens Gewinnchancen im Titelkampf gegen Viswanathan Anand?

Definitiv höher als fünfzig Prozent - vorausgesetzt, dass er hart an seinem Spiel arbeitet. Aber das wird kein Spaziergang. Anand hat sehr viel Erfahrung. In London hat Carlsen seine letzten zwei Weißpartien verloren. Das zeugt von großem Verbesserungspotential.

In London gewann Carlsen fünf Partien, obwohl er in der Eröffnung keine neuen Ideen zeigte.

Genau davon rede ich. Ohne Eröffnungen ist ein WM-Kampf nicht zu gewinnen. Schauen Sie, gegen wen Carlsen bei fast jedem Wettbewerb seine Punkte holt: gegen die Spieler aus der unteren Tabellenhälfte. Das war auch in London so. gegen die Spieler der oberen Hälfte hatte er nur eine ausgeglichene Bilanz. Aber in einem WM-Match gibt es keine untere Hälfte.

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Das Gespräch führte Stefan Löffler.

Quelle: F.A.Z.

 
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