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Garri Kasparow : „Iljumschinow fügt dem Schach Schaden zu“

  • -Aktualisiert am

Garri Kasparow: „Dieses Mal werden wir nicht scheitern“ Bild: dpa

Der frühere Schach-Weltmeister Garri Kasparow will den diktatorenfreundlichen Fide-Präsidenten Kirsan Iljumschinow ablösen. „Dieses Mal werden wir nicht scheitern“, verspricht Kasparow.

          Garri Kasparow strebt die Führung im Weltschachbund (Fide) an. Bei der nächsten Wahl im August 2014 werde er wahrscheinlich selbst für die Präsidentschaft kandidieren, kündigt der 49 Jahre alte frühere Weltmeister im Gespräch mit dieser Zeitung erstmals öffentlich an. Denkbar sei auch ein von ihm unterstützter Bewerber. Entscheidend sei, dass Amtsinhaber Kirsan Iljumschinow abgelöst werde.

          „Iljumschinow fügt dem Schach riesigen Schaden zu. Kein internationales Unternehmen wird sich mit der Fide einlassen, solange man ihren Präsidenten googelt und sofort auf Assad, Gaddafi und Saddam Hussein stößt“, sagt Kasparow zu den belastenden Beziehungen des Fide- Präsidenten zu international geächteten Diktatoren. Ende April besuchte Iljumschinow den syrischen Staatschef Baschar al Assad in Damaskus und vereinbarte mit ihm Jugendschachprojekte. Vor einem Jahr flog Iljumschinow nach Tripolis und spielte mit Muammar al Gaddafi vor Fernsehkameras Schach, während dessen Truppen mit von der Nato unterstützten Rebellen kämpften. Negativschlagzeilen machte Iljumschinow bereits 1996, als er die Fide-WM nach Bagdad vergab. Nach Protesten holte er den Titelkampf damals in seine im Süden Russlands gelegene Heimat Kalmückien. Doch auch später fiel sein Name immer wieder im Zusammenhang mit Saddam Hussein.

          Iljumschinows Welt: Schach mit Diktator Gaddafi vor Fernsehkameras Bilderstrecke

          Iljumschinows Ablösung betrieb Kasparow schon 2010. Damals unterstützte er die Kandidatur von Anatoli Karpow, ohne selbst einen Posten anzustreben. Karpow unterlag mit 55:95 Stimmen. „Damals hatten wir nur sechs Monate Zeit. Jetzt sind wir besser vorbereitet. Und dieses Mal werden wir nicht scheitern“, sagt Kasparow. Entscheidend habe bei der vergangenen Fide-Wahl in der westsibirischen Stadt Chanty-Mansijsk ausgewirkt, dass sich die Führung des gastgebenden russischen Schachverbands hinter Iljumschinow stellte. „In Chanty-Mansijsk hätten wir wahrscheinlich sogar verloren, wenn wir fünf Millionen Dollar unter den Delegierten verteilt hätten. Aber 2014 wird in Tromsö gewählt. In Norwegen wird es keine Manipulationen geben“, so Kasparow.

          Viele Delegierte stimmen mit dem mächtigsten nationalen Verband. Russisches Geld gilt als Schmiermittel der Fide. Laut einem hohen Funktionär, der namentlich nicht genannt werden will, halten viele in der Fide eine Kandidatur Kasparows für das Beste, was ihnen passieren könne, weil sie erwarten, dass der Kreml Schmiergelder in Millionenhöhe mobilisieren werde, um einen Erfolg des erklärten Putin-Gegners zu verhindern.

          Kasparow lacht, als er damit konfrontiert wird: „Die Denkweise dieser Leute ist nicht schwer vorherzusagen.“ Dann meldet er Zweifel an, ob Putin Russland in zwei Jahren noch regiere. Außerdem herrsche inzwischen offener Streit zwischen den Führungen der Fide und des russischen Verbands. Seine eigenen Beziehungen zum russischen Verband seien verbessert und inzwischen neutral. So beurteilt Kasparow die Tatsache, dass er eingeladen wurde, beim kürzlich in Moskau ausgetragenen WM-Kampf Anand - Gelfand zu kommentieren und eine Pressekonferenz zu geben: „Sie haben mir einen Vertrag angeboten und meinen Preis bezahlt.“

          Frau und Tochter wohnen in Amerika

          Die politische Oppositionsarbeit, deretwegen er 2005 seine Profikarriere beendete, spielt nicht mehr die Hauptrolle in seinem Leben. Seine Aufenthalte in Moskau hält er kurz. Seine Frau und die sechs Jahre alte Tochter wohnen in den Vereinigten Staaten. Schach ist auch ein familiäres Projekt: Dascha Kasparowa koordiniert Schulprojekte zwischen New York und St. Louis. Kasparow leistete Lobbyarbeit in Brüssel und Strasbourg und erreichte, dass sich das Europäische Parlament für die Einführung von Schach in den Schulen ausgesprochen hat. Dieser Erfolg habe ihn für seinen Kampf um die Fide-Präsidentschaft motiviert. Der Weltverband sei zu sehr darauf fixiert, Schach als Sport zu etablieren, bis hin zum aussichtslosen Ansinnen, olympische Disziplin zu werden. „Die sportliche Seite genügt nicht. Wir müssen die Priorität des Spiels auf seinen erzieherischen Wert und den gesellschaftlichen Nutzen verschieben. Wir müssen Schach ein neues Image geben.“

          Hinter seiner Kampagne stehen Geldgeber aus Amerika, England und Belgien. Seine „Kasparov Chess Foundation“ ist inzwischen auf fünf Kontinenten vertreten und unterhält Büros in New Jersey, Brüssel, Sao Paulo, Johannesburg und Abu Dhabi. Über seine Stiftungen spricht Kasparow Schulverwaltungen an und sucht auch die Zusammenarbeit mit Schachverbänden. Ein Land nach dem anderen will er so auf seine Seite kriegen. Schon beim Fide-Kongress während der Schacholympiade im September in Istanbul will er mindestens ein Drittel der Delegierten hinter sich bringen. Es gelte, eine Erleichterung von Stimmvollmachten zu verhindern und so dem Handel mit Stimmen vorzubeugen. Dass es vorher Krach gibt, weil Veranstalter Ali Nihat Yacizi, einer von Iljumschinows wichtigsten Verbündeten, immense Zimmerpreise verlangt und Schiedsrichter aus sieben Ländern, darunter Deutschland, ausgeschlossen hat, dürfte Kasparows Sache nützen. Als Schachpolitiker hat er sich allerdings selbst viele Feinde gemacht. Aus der Spielervereinigung GMA schied er 1990 im Streit, weil diese eine Zusammenarbeit mit der Fide suchte. Ab 1993 vermarktete er seinen WM-Titel außerhalb der Fide. Das brachte den Weltverband um Lizenzeinnahmen und trieb ihn in der Konsequenz zwei Jahre später in die Hände des Multimillionärs Iljumschinow, der die Fide eher durch schlechte Zeiten bringen als sich wie sein Vorgänger an ihrer Kasse vergreifen würde. Kasparow wurde bald einer seiner lautstärksten Kritiker. Doch als er seinen WM-Titel verlor und Kramnik ihm eine direkte Revanche verweigerte, suchte er 2002 selbst ein Bündnis mit Iljumschinow. Die erhoffte Chance, wieder Weltmeister zu werden, kam allerdings nie.

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