Home
http://www.faz.net/-gub-15umt
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 11. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Galopprennsport Überdosis Vollblut

01.04.2010 ·  Für die Ungarn ist der Star-Galopper Overdose nicht nur eins der schnellsten Pferde der Welt, sondern auch identitätstiftend. Und das, obwohl er nun in Berlin trainiert wird. Ein Besuch bei einem tierischen Star.

Von Michael Reinsch, Berlin
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (1)

Dieser Galopper ist mehr als ein Pferd. Mit zwölf Siegen plus einem annullierten Erfolg ist Overdose zu einem Symbol Ungarns geworden. Sogar zum Sportler des Jahres wurde das vielleicht schnellste Rennpferd der Welt gewählt. Gerade hat ein Konsortium rund 2,5 Millionen Euro zusammengelegt, um den nationalen Anspruch Ungarns auf das Vollblut zu sichern. Trotzdem steht es neuerdings in Berlin. „Dass Overdose nach Hoppegarten gekommen ist“, sagt Gerhard Schöningh, der Eigentümer der Rennbahn. „Das ist, als würde Hertha BSC Lionel Messi verpflichten.“

Wer solche Schwärmerei übertrieben findet, sollte mal Sandor Peisch hören, den Botschafter Ungarns in Deutschland. „Overdose ist ein Wunderpferd, das unseren Ruf und unseren Ruhm in der Welt mehrt“, sagte er, als er in der vergangenen Woche in der Vertretung seines Landes, einen Steinwurf vom Brandenburger Tor entfernt, das Pferd willkommen hieß. Dem kleinen, muskelbepackten Hengst war zwar der Weg aus seiner Box nach Berlin-Mitte erspart geblieben. Doch sein Umzug nach Deutschland könnte sich als Politikum entpuppen – und Grund sein für eine Ochsentour. Am Ostersonntag, beim ersten Renntag der Saison, soll Overdose mit Trara dem Berliner Publikum vorgestellt werden. Starten wird er nicht.

Denn seit einem Jahr ist der Hengst verletzt. Sein letzter Auftritt war der vermeintliche Saisoneinstand im April 2009, als ihn sechs Husaren mit Flaggen auf die Bahn des Kincsem Park, der Rennbahn von Budapest, geleiteten. Mehr als 20.000 Besucher jubelten dem Pferd und seinem Jockey in den Nationalfarben zu; das ungarische Fernsehen übertrug direkt. In weniger als 55 Sekunden sprintete der Vierjährige die tausend Meter in seinem ungewöhnlichen Stil: Mal wirft er den rechten, mal den linken Huf nach vorn und erreicht damit scheinbar mühelos eine beeindruckende Geschwindigkeit.

So verlängerte er seine Siegesserie auf ein Dutzend, zu der das Esterhazy Memorial in Wien 2007 gehört und 2008 die Hamburg-Trophy, die Goldene Peitsche von Baden-Baden und der Premio Aloisi in Rom. Doch dann verlor Overdose ein Eisen. In der Folge wurde erst die Entzündung des linken, dann beider Vorderhufe festgestellt.

„Für mich war das wie ein Sechser im Lotto“

Das Unglück festigte das Bild von Overdose als Aschenputtel der Rennbahn, das sich den Ungarn zur Identifikation anbietet. Fühlen doch nicht wenige der einst stolzen Magyaren sich als Außenseiter im europäischen Wettbewerb um Erfolg und Wohlstand. Wie Overdose im Oktober 2008 beim Prix de l’Abbaye in Paris-Longchamps siegte und dann wegen eines Defekts der Startmaschine seines Erfolgs beraubt wurde, das war auch so ein Schicksalsschlag. Der Fernsehreporter und Biograph des Pferdes, Tivadar Farkasházy, fasste die Empörung und Enttäuschung des ungarischen Publikums zusammen, indem er die Annullierung des Rennens mit dem Trianon-Vertrag von Versailles verglich, in dem die Siegermächte des Ersten Weltkriegs Ungarn mehr als zwei Drittel seiner Fläche und mehr als drei Millionen seiner Einwohner nahmen.

Der unrunde Lauf und die anhaltende Verletzung von Overdose können dessen britischen Züchter Peter Player nicht überrascht haben. „In Auto-Sprache könnte man sagen, dass er einen Satz sehr schlechter Vorderräder hatte, mit platten Reifen und übel aus dem Gleichgewicht“, erinnert er sich an den jungen Hengst. „Er hatte ein großes Heck, aber ein schwaches Chassis.“ Auf der Auktion von Newmarket 2006 fand sich erst beim zweiten Aufruf ein Käufer für den Jährling: Zoltán Mikóczy, ein ungarischer Geschäftsmann mit slowenischem Pass, bekam den Zuschlag für 2500 Euro. „Für mich war das wie ein Sechser im Lotto“, sagt er. Zwar verspottete der ungarische Championtrainer Sándor Ribarszki das Pferd, als es bei ihm in Budapest eintraf, als „Mickymaus“. „Es sieht komisch aus“, sagt er heute noch, „ist aber schnell.“

Mit seinen Erfolgen weckte Overdose Erinnerungen an die ungarische Wunderstute Kincsem, die vor 130 Jahren eine ununterbrochene Serie von 54 Siegen hatte. Und an die märchenhafte Laufbahn von Seabiscuit, der das Amerika der Großen Depression mit seinen Rennen und seinen Preisgeldern in Bann schlug. Rund 180.000 Euro hat Overdose in seiner erst kurzen Karriere auf den Sprintstrecken bis 1200 Meter eingelaufen. Für 2,5 Millionen Euro beteiligte Mikóczy Anfang März eine Bank, eine Versicherung, einen Ölversorger, ein Bauunternehmen und einen Immobilienentwickler zur Hälfte an seiner Besitzgesellschaft für das Pferd.

Er hatte das Feld für die Transaktion bereitet, indem er ein Millionenangebot des Scheichs Raschid al Maktum für den Hengst lancierte. „Overdose ist mehr als sechs Millionen wert“, behauptet Mikóczy, „und sobald er wieder läuft, steigt sein Wert weiter.“ Der Eigentümer stand unter Druck, seit er im Oktober in Rumänien festgenommen worden war, weil er – so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft – die Einrichtung einer zahlungsunfähigen Fleischfabrik außer Landes bringen wollte. Mikóczy, seit Dezember auf freiem Fuß, sagt, er sei Opfer eines Komplotts geworden. Wichtiger als der Leumund des Eigentümers scheint der ungarischen Öffentlichkeit indes das Wohlergehen des Pferdes. Man habe einen nationalen Schatz zu retten versucht, sagt Gábor Preisinger von der beteiligten Versicherung Pannonia. „Wo Overdose gewinnt, wird die ungarische Flagge gehisst.“

„Das ist ein gordischer Knoten“

Doch gerade das ist ungewiss. Zum einen wird sich erst weisen müssen, ob das Pferd bei seiner Behandlung in Frankreich, England und Deutschland wieder in Tritt gekommen ist. Zum anderen ist Trainer Ribarszki zwischenzeitlich mit Frau, Kindern und ein paar Pferden nach Berlin gezogen. Nur ihm trauen die Eigentümer zu, ihr Pferd wieder in Form zu bringen.

„Das ist ein gordischer Knoten“, klagt Mikóczy. „Herr Ribarszki hat jetzt eine deutsche Lizenz, aber wir haben die Verpflichtung, dass Overdose ein ungarisches Pferd bleibt.“ Damit beim Royal Ascot, bei dem Overdose im Juni starten soll, im Erfolgsfall nicht die deutsche Flagge statt der ungarischen aufgezogen wird, erwägen die Eigentümer, das Tier ab und an zum Training nach Budapest zu transportieren. Ribarszki und das beste Pferd in seinem Stall werden in dieser Sache wohl nicht schweigen. „Das letzte Wort hat das Pferd“, sagt der Trainer.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

1899 Hoppenheim

Von Michael Horeni

Wer eine Viertelmilliarde in sein Hobby steckt, will mehr als den besten Platz im Stadion. Doch Dietmar Hopp wird derzeit zum Problem für seinen Klub TSG Hoffenheim. Mehr 1