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G8 und Sport „Mir ist der Spaß verloren gegangen“

 ·  Der Deutsche Olympische Sportbund sieht kein Grundproblem - aber schon an der Basis beginnt das Übel: Den Vereinen sind Kinder abhandengekommen. Und jungen Spitzensportlern nimmt das Turbo-Abitur G8 den Schwung.

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Das Mädchen auf der Bühne kämpft. Mit ihrem Auftritt bei der Sportlerehrung, mit den Vorwürfen, die sie treffen könnten, und mit der Frage, ob es nicht einen anderen Ausweg gegeben hätte. Dann hebt Katharina Leidgschwendner nicht mal das tränennasse Gesicht, als sie sagt: „Mir ist der Spaß verloren gegangen. Der Druck war einfach zu groß.“ Die Skirennläuferin ist zerbrochen an der Doppelbelastung von Sport und Schule. Ein Toptalent, das 2009 die Weltbeste des Jahrgangs 1993 im Riesenslalom war. Zwei Jahre später, mit 17 Jahren, tritt sie zurück.

Auch László Elbl will nichts wie weg. Dorthin, wo er eine bessere Zukunft vermutet: in einem Zweibettzimmer im Potsdamer Sportinternat. Gerne verzichtet der junge Schwimmer, der bei der deutschen Jahrgangsmeisterschaft 2010 im Freiwasser Rang drei belegte, auf den Luxus im Hotel „Mama“, damit der Traum von der Sportkarriere fern der Heimat Wirklichkeit werden kann: „Bayern ist einfach taff, mit dem G8 hätte ich Abi und Training nie gepackt. In Brandenburg hat der Sport einen größeren Stellenwert.“

Dem Sport gehen Talente verloren

Der Leistungssport in weiten Teilen Deutschlands scheint ein Problem zu bekommen: Ihm gehen Talente verloren, weil die jungen Menschen ihr Trainingspensum und die Anforderungen für das neue „Turbo“-Abitur G8 nicht gleichzeitig bewältigen können. Viel wird über das achtstufige Gymnasium geredet, in das der Stoff von neun Jahren gepresst wird, vor allem in Bayern, wo in diesem Jahr der erste G8-Jahrgang die Schule verlassen hat. Auch Katharina Leidgschwendner und László Elbl drücken im Freistaat die Schulbank. Inzwischen sind es nicht mehr nur die Kinder und Eltern, die den Verlust der Kindheit beklagen. Auch der organisierte Sport begehrt auf, weil die Ausweitung der Schulzeiten in den Nachmittag den Spielraum der Schüler einschränkt. Sie haben weniger Zeit für ihren Sport.

Seit rund zehn Jahren krempeln Kultusminister die Gymnasien um, damit deutsche Abiturienten früher ins Berufsleben starten können. Bis 2008 stellten alle Länder ganz oder teilweise auf das G8-Modell um. Einige ostdeutsche Länder waren nach der Wende bei der in der DDR üblichen zwölfjährigen Schulzeit geblieben. Deshalb sieht der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) keinen Grund, Alarm zu schlagen: „G8 ist eine Herausforderung, aber man kann nicht sagen, dass Deutschland ein Problem hat. Die Länder sind unterschiedlich weit, haben aber alle Strategien entwickelt, um mit den Veränderungen umgehen zu können“, sagt Barbara Lischka, Referentin im Geschäftsbereich Leistungssport des DOSB.

Spagat zwischen Schule und Spitzensport

In Bayern beginnt das Übel schon an der Basis, im Breitensport. Sogar dem Fußball sind Kinder abhandengekommen. Vereine fusionieren, um bei den E-Junioren ein Team aufs Feld schicken zu können. Im Tennis, wo früher die Kinder nur bis 17 Uhr die Schläger schwangen, sieht man, wie das Büffeln bis in den Abend zu Engpässen bei den Trainingskapazitäten führt. „Heute können die Kinder nur noch wie die Berufstätigen in den Abendstunden trainieren“, sagt Jochen Laass, Präsident des Münchner Damen-Zweitligavereins GW Luitpoldpark. Thomas Kern, Geschäftsführer des Bayerischen Landes-Sportverbands, fordert deshalb einen Bewusstseinswandel im organisierten Sport: „Die Vereine werden in Zukunft nicht daran vorbeikommen, sich wie ein 24-Stunden-Fitnessstudio aufzustellen.“ Der Vereinssport müsse zudem fest in die Schule integriert werden, etwa in Form von Arbeitsgemeinschaften.

Wenn junge Menschen den Spagat zwischen Schule und Spitzensport schaffen sollen, brauchen sie optimale Bedingungen. Zeit ist dabei eine kostbare Währung. Sportler wie Katharina Leidgschwendner bezahlen die Schulreform deshalb teuer: „Wie soll ich das schaffen, wenn immer mehr Stoff in kürzerer Zeit durchgenommen wird - und ich noch dazu so viel fehle?“, fragt die Siebzehnjährige aus der Nähe von München: „Da ist die Chance, alles nachholen zu können, gleich null.“ Mit neun Schuljahren bis zur Hochschulreife hätte es besser funktioniert, glaubt sie. Über fünfzig Fehltage standen in ihrem Zeugnis. Skirennläufer sind im Winter dauernd zu Wettkämpfen unterwegs.

Eliteschulen des Sports als Allheilmittel

Der DOSB spricht von Herausforderungen statt von Problemen, weil es für ihn eine Art Allheilmittel im Kampf gegen das Turbo-Abitur gibt: die Eliteschulen des Sports. 39 sind es bundesweit, sie werden von mehr als 10.000 Talenten besucht, denen die Kombination von Sport, Schule und Wohnen erleichtert wird. Am Olympiastützpunkt Bayern soll Klaus Sarsky als Laufbahnberater die Doppelbelastung unter einen Hut bekommen: „G8 muss nicht zum Massenexodus für den Sport werden, die Schüler müssen nur die Möglichkeiten annehmen, die wir ihnen bieten.“ Auch die Zahlen, die DOSB-Referentin Lischka über die Verbundsysteme liefert, machen zumindest beim Lesen Eindruck: 82 der 153 bei den Winterspielen in Vancouver gestarteten deutschen Athleten gingen auf Eliteschulen.

Die Eliteschulen in Deutschland bieten aber nicht alle das gleiche Programm. Elbl wird in Brandenburg für sein Abitur künftig länger Zeit haben als seine bisherigen Mitschüler in Bayern. Schulzeitstreckung heißt diese sportlerfreundliche Umstrukturierung der Oberstufe. Das Brandenburger Modell ermöglicht eine Schulkarriere bis zum Abitur in 15 Jahren. „In Bayern kenne ich nur eine Sportlerin, die beides macht, Schule und Karriere, und das war wirklich sehr schwierig“, sagt Elbl. Er hat in München zwar auch ein sportbetontes Gymnasium besucht, saß wegen der Pendelei zwischen Zuhause, Schule und Schwimmhalle aber täglich bis zu vier Stunden in U-Bahn, S-Bahn und Bus. In Potsdam kann er zu Fuß gehen. Schule, Mensa, Internat und Sportstätte befinden sich auf einem Campus.

Ein Umzug muss drin sein

Die verlockende Komprimierung hat allerdings immer wieder Kritiker animiert, das Niveau der Eliteschulen in Frage zu stellen. Angeblich komme die Bildung der Schüler abseits des Sports zu kurz. Der DOSB weist diese Behauptung zurück: „Die Abiturprüfungen müssen wie an jeder anderen Schule abgelegt werden. Dies ist keine Ausbildung ,light'. Wir setzen nur auf eine gewisse Flexibilisierung in der Organisation“, sagt Frau Lischka. Flexibel aber müssen auch die Schüler sein. Weil sich die Eliteschulen auf wenige Sportarten konzentrieren, kommen viele Athleten an einem Umzug oder dem Internatsbesuch nicht vorbei.

Katharina Leidgschwendner aus Hausham in Oberbayern wollte ihr Umfeld nicht verlassen. Der Deutsche Skiverband reagierte wenig erfreut: „Sie haben mir schon das Gefühl gegeben, ,wir haben euch das (Skigymnasium in Berchtesgaden) dahin gebaut, also geht da gefälligst hin'.“ Laufbahnberater Sarsky schließt sich dieser Aufforderung an: „Wer nicht bereit ist, für seinen Sport umzuziehen, sollte überlegen, ob seine Einstellung zum Leistungssport stimmt.“

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