15.12.2007 · Der Film zum „Größten Spiel aller Zeiten“ mit Bayer Uerdingen, Dynamo Dresden und Klaus Sammer in den Hauptrollen kommt ins Fernsehen. Auch die Stasi war vor über zwei Jahrzehnten mit von der Partie bei dieser deutsch-deutschen Tragödie.
Von Richard Leipold, KrefeldDas letzte Wort hat Wolfgang Funkel. War es das Spiel Ihres Lebens? "Eindeutig ja", antwortet der frühere Vorstopper gut zwei Jahrzehnte später. Als dreimaliger Torschütze bekleidete Funkel auf der Rasenbühne die auffälligste Heldenrolle bei jenem 7:3, das eine Fachjury auf Initiative des Magazins "11 Freunde" zum größten Fußballspiel aller Zeiten gewählt hat.
Bayer Uerdingen hatte das Viertelfinal-Hinspiel im Europapokal der Pokalsieger 0:2 verloren und lag daheim gegen Dynamo Dresden - scheinbar aussichtslos - 1:3 zurück. Mit sechs Toren in der zweiten Halbzeit bahnte Uerdingen sich noch den Weg unter die letzten vier. "Es ist kaum zu glauben, fußballerisch auch nicht zu erklären", sagt der damalige Uerdinger Trainer Karl-Heinz Feldkamp. Doch die Dramatik dieses Spiels erschöpft sich nicht in einer großartigen Aufholjagd. Uerdingen gegen Dresden, das war ein Fußballkrimi, dessen Faszination über das schon fast surreale Geschehen auf dem Rasen des Krefelder Grotenburg-Stadions weit hinausgeht.
Studium von Stasi-Akten
Vollständig erschließt sich der Plot dieses deutsch-deutschen Politthrillers mitten aus der Wirklichkeit erst nach dem Studium von Stasi-Akten und allerlei Gesprächen mit den Protagonisten. Dieser Mühe hat sich der Journalist Bernhard Dreiner unterzogen. Nach langer Recherche fügt er die vielen Handlungsstränge, die auch die Flucht eines Dresdner Spielers umfassen, zu einer 45minütigen Fernsehdokumentation zusammen, die der Westdeutsche Rundfunk am 29. Dezember von 16.45 Uhr an ausstrahlt.
"Das Fußballwunder von Uerdingen" begnügt sich nicht damit, Siegernaturen wie den Uerdinger Kapitän Herget oder den nervenstarken, später vor Glück weinenden Elfmeterschützen Funkel hochleben zu lassen. Der "Sportschau"-Mitarbeiter widmet sich gerade den (politischen) Geschichten abseits des Rasens.
Der vielleicht größte Verlierer
Ein besonderes Verdienst liegt darin, dass es ihm gelungen ist, den damaligen Dynamo-Trainer Klaus Sammer zu einem Blick in die Vergangenheit zu bewegen. Sammer habe das Thema zunächst am Telefon "in ungefähr fünfzehn Sekunden abhandeln" und nur zwei Dinge sagen wollen: Der Schiedsrichter hat uns verpfiffen, und wir mussten den Torwart tauschen. Wäre es bei dieser dünnen Analyse geblieben und hätte der Autor Sammer nicht vor dessen Haus aufgelauert - der Trainer hätte den Zuschauern vieles vorenthalten.
Sammer ist der vielleicht größte Verlierer dieses sportiven deutsch-deutschen Dramas. Wenn der Fokus sich auf ihn richtet, bekommt das Spiel die Züge einer Tragödie - nicht nur wegen des kuriosen Verlaufs und der zweifelhaften Entscheidungen des ungarischen Referees Nemeth, die der Film leider nicht aufklärt. Natürlich verliert Sammer seinen Job. Aber es ist keine Trainerentlassung, wie sie das Publikum aus der Bundesliga kennt.
„Nach dem Westen abgehauen“
Nach dem Spiel gehört der Fußball-Lehrer zu jenen, über die es in einer Stasi-Akte heißt: "Die Arbeitsweise der genannten Genossen entspricht nicht mehr den Erfordernissen aus den ihnen übertragenen Aufgaben." Ein Spiel zu verlieren, das gewonnen schien, wäre vermutlich schlimm genug gewesen. Aber Sammer hatte auch einen Spieler verloren. "Wenn einer nach dem Westen abgehauen ist, dann hast du sowieso keine Chance gehabt", sagt der Fußball-Lehrer.
Linksaußen Frank Lippmann, der im Hin- und im Rückspiel getroffen hatte, nutzte die Dienstreise in den Westen zur Flucht. Hier bekommt der vielschichtige Plot einen komödiantischen Einschlag - nicht nur weil Lippmann den Weg in die Freiheit des Nachts durch den Hinterausgang im Untergeschoss des Hotels findet und seinen Zimmergenossen, Mannschaftskapitän Hans-Jürgen Dörner, allein zurücklässt. Um vier Uhr fünfzehn am Morgen nimmt die Stasi, nach dem vierten Kontrollgang, zu Protokoll: "Der Zimmernachbar Dörners, Frank Lippmann, ist weg."
Mit „Interflug“ in die Freiheit
Das Ironische an dieser Flucht ist, dass die DDR-Führung sie selbst ermöglicht hat. Sammer hatte den Stürmer, dem es zuweilen an Disziplin mangelte, schon aussortiert und wollte ihn gar nicht mitnehmen. Doch auf Geheiß von oben wurde Lippmann rehabilitiert. Sammer sagte vor versammelter Mannschaft: "Lippe, wenn ich hier was zu sagen hätte, wärst du rausgeflogen." Statt dessen flog "Lippe" mit der staatlichen Gesellschaft "Interflug" in die Freiheit.
Zwanzig Jahre später, im Film, spricht der Trainer die Version der Stasi aus. "Bei allem, was geschehen ist: Schuld ist der Sammer." Ein Schauspieler, der diese Rolle spielte, müsste den Satz lange einstudieren, um ihn mit dem ganzen Körper so überzeugend zu sprechen wie Sammer, der in Dreiners Film als die spannendste Figur von allen erscheint.
Feldkamp - ein selbstgefälliger Siegertyp
Dagegen wirkt der Bayer-Trainer Feldkamp als eher selbstgefälliger Siegertyp ein wenig blass. Er behauptet, der Mannschaft in der Pause auf die Sprünge geholfen zu haben. Das ZDF hatte sich nach langen Diskussionen durchgerungen, Uerdingen gegen Dresden "live" zu zeigen statt, wie sonst üblich, das Spiel des FC Bayern. Beim Stand von 1:3 häuften sich die Beschwerden erboster Zuschauer.
Feldkamp will seinen Spielern deutlich gemacht haben, vor einem derart großen Publikum aufzutreten sei eine besondere Verpflichtung. Hier liegt ein kleiner Schwachpunkt des Films. Erst bei der Premiere in einem Krefelder Kino stellt Kapitän Herget richtig, "dass Feldkamp in der Pause ziemlich ruhig war". Die Motivation, Werbung in eigener (Fernseh-)Sache zu machen, sei aus der Mannschaft gekommen.
Höchstdosis Schmerzmittel
Nicht nur die Krefelder hatten in der Pause ihre Sorgen. Dynamo sah sich gezwungen, den Torwart auszuwechseln. Bei einem Zusammenprall mit Wolfgang Funkel hatte sich Bernd Jakubowski verletzt. Sogar die DDR-Medizin stieß an ihre Grenzen. Eine höhere als die Höchstdosis Schmerzmittel wollte der Mannschaftsarzt nicht verabreichen. Ersatzwortwart Jens Rammer nimmt zwei der sechs Tore, die er zuließ, auf "meine Kappe", will sich die Schuld an der Niederlage aber nicht allein in die Schuhe schieben lassen.
Der Film zeigt Verlierer, die Größe zeigen, und Sieger, die das Publikum nicht in Sturzbächen von Freudentränen ertränken, auch wenn Funkel am Ende "völlig fertig war", wie Herget auf der Bühne des Kinos berichtet. Er habe "den Langen" mitnehmen müssen, irgendwohin.
An den weiteren Verlauf des Abends im Raum Düsseldorf könne er sich nicht mehr erinnern. Das unterscheidet ihn von Frank Lippmann, für den in jener Märznacht des Jahres 1986 ein neues Leben begann. Mit all seinen Facetten würde das Wunder von Uerdingen vielleicht sogar einen Spielfilm tragen.