Wie der Berliner Polizist mit Block und Stift auf der Wiese vor dem Reichstagsgebäude den Fußballspieler nach Name und Adresse fragt, da scheint die Lage eindeutig: Die Staatsgewalt greift durch, der Sport wird drangsaliert, und die Welt schaut zu, durch die Augen eines halben Dutzend Kameras.
Ganz so ist es nicht am Sonntagmittag in der strahlenden Sonne von Berlin. "Ich nehme nicht die Personalien auf", beeilt sich der Polizist zu sagen. Auch der Kicker ist nicht in der Stimmung für Demonstrationen. "Laßt uns hier verschwinden", ruft er seinen Kameraden zu. "Vielleicht können wir da hinten noch ein bißchen spielen." Kicker und Ordnungshüter sind in die von den Medien begeistert aufgenommene Chronik einer angekündigten Provokation geraten. Sie spielt vor großer Kulisse, dem Sitz des Deutschen Bundestages. Dennoch geht es nicht um Werte wie die Würde des Parlamentes. Die Demokratie werde nicht vom Fußballspielen gestört, hat Bundestagspräsident Wolfgang Thierse mitgeteilt und hält des weiteren den Ball flach: keine weiteren Äußerungen. Der Wert ist eine fünf Millionen Euro teure Fläche. Sie sei mit Zierrasen belegt, wiederholt die zuständige Bezirksrätin, Dorothee Dubrau, am Sonntag ständig. Fußball halte sie nicht aus.
Bundeskanzler Gerhard Schröder, auf der Westseite Anlieger des Platzes, äußert sich gar nicht. Er hatte einst, bestimmt nicht wegen rasenfreundlicher Spielweise, unter Fußballfreunden den Spitznamen Acker erworben. Im Garten des Kanzleramtes läßt er heute Rasen aus dem Olympiastadion und aus dem Wankdorfstadion von Bern pflegen, auf dem Deutschland 1954 zum ersten Mal Weltmeister wurde.
"Freie Flächen für freie Fußballer" verlangt, mit einigem Selbstbewußtsein und viel politischer Rückendeckung, die Spitze des Berliner Fußball-Verbandes. Sie ist unter Führung ihre 78 Jahre alten Präsidenten Otto Höhne angetreten, den Berliner Bezirk Mitte herauszufordern. Höhne hält für die Fotografen eine Rote Karte hoch. "Wir haben die Arschkarte gezogen", schimpft später ein Mitarbeiter des Gartenamtes Mitte. Sollte es Fußball erlauben und Rasenpflege betreiben müssen, würde die Hälfte seines Grünetats von 1,5 Millionen dafür draufgehen.
Jahrzehntelang war Fußball gespielt worden vor dem leeren Gebäude an der Mauer. Erst nach der Verhüllung des Reichstags durch Christo 1995 wurde der Platz wegen der Um- und Neubauten gesperrt. Anfang des Jahres hat der Bezirk den Rasen von Bund und Land zugeschoben bekommen wie einen Schwarzen Peter. Brav hat er Schilder aufstellen lassen, auf denen Hunde wie Fußballspieler abgebildet, rot umkreist und durchgestrichen sind: verboten. Damit ist er nun angeschmiert. Niemand hat Verständnis, und mit der Androhung einer Strafe von fünfzig Euro pro Kick macht sich das Amt lächerlich. Abgeordnete aller Fraktionen haben sich für Bürger am Ball am Sitz des Souveräns ausgesprochen; nur das Amt bleibt unsouverän und macht die Kicker für das schwindende Grün verantwortlich.
Als die Bezirksrätin am Sonntag nach unzähligen Interviews endlich dazu kommt, mitsamt der Polizei gegen Fußball einzuschreiten, hat Höhne längst das Ausgleichstor zum 1:1 geschossen und ist mitsamt seinem Team als Sieger des Tages gegangen. Am Tag des deutschen Pokalfinales, dem 31. Mai, will er wiederkommen, sollte das Fußballverbot aufrechterhalten bleiben. Dann will er zwanzigtausend Kicker mitbringen.