http://www.faz.net/-gtl-9d03g

Finale des Fifa eWorld Cup : E-Sport ist viel mehr als nur ein Hype

  • -Aktualisiert am

Der Weltmeister: Mosaad „Msdossary“ Aldossary aus Saudi-Arabien Bild: EPA

Die Fußball-Simulation „Fifa 18“ hat auf der ganzen Welt Millionen Fans. Der neue Weltmeister kommt aus Saudi-Arabien. In Deutschland steht der professionelle E-Sport dagegen noch am Anfang – und hat ein großes Ziel.

          Theoretisch hätte es jeder der 20 Millionen Anwärter bis nach London schaffen können. Mit dabei waren am Ende aber nur die 32 besten Spieler der Welt. In der O2-Arena, wo sonst die Stars der Musikindustrie auftreten, haben sie vom vergangenen Donnerstag bis zum Samstag den neuen Weltmeister in der Fußball-Simulation „Fifa 18“ ausgespielt. Das „FIFA eWorld Cup Grand Final“ war dabei in jeder Hinsicht die bislang größte Auflage des seit 2004 vom Fußball-Weltverband ausgerichteten Turniers: Auf dem Spiel stand mit Preisgeldern von insgesamt 400.000 Dollar so viel wie noch nie.

          Der 18-jährige Mosaad „Msdossary“ Aldossary aus Saudi-Arabien durfte als Weltmeister allein 250.000 Dollar mit nach Hause nehmen. Im großen Finale bezwang er souverän den 20-jährigen Stefano Pinna („StefanoPinna“) aus Belgien mit 4:0 (je 2:0 auf der Playstation und der Xbox). Der Sieger ließ seinen Gegner auf beiden Konsolen keine Chancen. Zuvor hatte „Msdossary“ den deutschen Titelfavoriten Michael „MegaBit“ Bittner vom VfL Bochum im Xbox-Viertelfinale mit 9:4 besiegt. Bittner sagte der Deutschen Presse-Agentur über seinen Gegner: „Er spielt in der Defensive einfach überragend. So kassiert er immer ein Tor weniger als andere Profis.“

          Alle acht Deutschen scheiterten vor dem Halbfinale

          Unter den 32 Finalisten aus 19 verschiedenen Ländern waren auch acht Deutsche. Deutschland war damit das mit Abstand am stärksten vertretene Land bei der Endrunde der digitalen WM. Alle acht Teilnehmer scheiterten jedoch schon vor dem Halbfinale.

          Aber warum ist Deutschland überhaupt eine so starke „Fifa“-Nation? „In Deutschland ist die ,Fifa‘-Community über die Jahre hinweg sehr stark gewachsen“, sagt Konni Winkler, E-Sport-Experte und Moderator beim Sender „Sport1“, der die Entscheidungsspiele am Freitag und Samstag live im Fernsehen übertragen hat. „In der Szene kennen sich die Leute schon lange Zeit und haben sich teilweise schon selber organisiert.“ Mit der „Virtuellen Bundesliga“ gab es in Deutschland schon früh eine zentral verwaltete Form des „Fifa“-Wettbewerbs. Und mit dem Betreiber der „Electronic Sports League“ ist eine der weltweit wichtigsten Institutionen des E-Sports in Deutschland zu Hause.

          Trotzdem: Die professionelle E-Sport-Bewegung steht gerade mal am Anfang ihrer Entwicklung. Und sie hat durchaus mit Widerstand zu kämpfen, denn nicht jeder ist der Meinung, dass das wettbewerbsmäßige Spielen von Videospielen die Kriterien einer Sportart erfüllt. DFB-Präsident Reinhard Grindel sagte im März dieses Jahres: „Fußball gehört auf den grünen Rasen und hat mit anderen Dingen, die computermäßig sind, nichts zu tun.“

          Ziel der E-Sportler in Deutschland ist die rechtliche Anerkennung als Sport, um die Strukturen unter anderem durch die Sportförderung der Länder weiter zu professionalisieren. Hans Jagnow ist Präsident des jungen E-Sport-Bunds Deutschland (ESBD). Er sagt: „E-Sport hat einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft und bringt sportliche Gedanken ins Gaming. Jetzt geht es uns darum, auch eine rechtliche Gleichstellung mit dem traditionellen Sport zu erreichen. Die Anerkennung der Gemeinnützigkeit für Breitensportvereine mit E-Sport-Angebot ist längst überfällig.“

          Auf höchster politischer Ebene scheint man ihm da zuzustimmen. Die Bundesregierung hat in ihrem Koalitionsvertrag festgelegt, „die wachsende Bedeutung der E-Sport-Landschaft in Deutschland“ anerkennen zu wollen. Man werde „E-Sport künftig vollständig als eigene Sportart mit Vereins- und Verbandsrecht“ aufnehmen, heißt es in dem Papier. Darüber hinaus wolle man die Szene bei der Schaffung einer olympischen Perspektive unterstützen.

          Spielszene im Halbfinale: Mosaad „MSDossary“ Aldossary gegen Kurt „Kurto411“ Fenech

          Auch viele Vereine im deutschen und internationalen Fußball haben die Relevanz des elektronischen Sports erkannt und beschäftigen heute einen oder mehrere Pro-Gamer. Den Anfang hat in Deutschland 2015 der VfL Wolfsburg gemacht, es folgten unter anderem Schalke 04, Bayer Leverkusen, der VfB Stuttgart, RB Leipzig und zuletzt Werder Bremen. Der VfL Bochum stellte mit dem 20 Jahre alten Michael Bittner sogar einen Favoriten auf den WM-Titel in London. Florian Dederichs, Leiter des Marken- und Vertriebsmanagements bei Bayer Leverkusen, sagt: „Wir sehen den E-Sport in erster Linie als Marketing-Asset, da wir so nah wie nur möglich an unserem Kernprodukt bleiben möchten. Anders als zum Beispiel bei Schalke ist das bei uns keine eigene Abteilung. Was aber nicht bedeutet, dass wir damit nicht erfolgreich sein wollen.“ Das wirtschaftliche Interesse liegt auf der Hand: Die Vereine können mit vergleichsweise kleinen Investitionen ihren Hut in einen Ring werfen, der sich in den kommenden Jahren immer weiter mit Geld füllen dürfte. „Hinsichtlich der Zuschauerzahlen hat E-Sport heute schon häufig die Nase vorn und Sportarten wie Basketball, Handball oder Eishockey oft längst überholt“, sagt Felix Falk, Geschäftsführer des Verbands der deutschen Games-Branche. Das wachsende Interesse der Zuschauer am digitalen Sport zeige sich auch beim Umsatz: „Bis 2020 erwarten Analysten, dass weltweit die Marke von einer Milliarde Dollar geknackt wird.“

          „Fifa“ ist dabei nicht einmal der Titel, bei dem es in der Gaming-Szene um das meiste Geld geht. Bei Top-Titeln wie „League of Legends“, „Dota 2“ oder „Counterstrike“ können die Preisgelder auch leicht in die Millionen gehen. Auch das Zuschaueraufkommen bei den diversen Streaming-Diensten im Internet ist hier noch einmal höher – insbesondere in Asien und den Vereinigten Staaten. E-Sport-Übertragungen zu schauen werde bald so normal sein wie das Verfolgen von Fußballspielen oder Biathlon, glaubt Falk: „Der digitale Sport ist kein kurzlebiger Hype, sondern wird sich in der eingeschlagenen Richtung weiter entwickeln.“

          Weitere Themen

          Fanenergie sichtbar machen Video-Seite öffnen

          Neues Spielzeug im Stadion : Fanenergie sichtbar machen

          Wenn die Fans besonders laut schreien, trifft Robert Lewandowski häufiger - könnte eine These lauten, die man mit den neuen Daten überprüfen könnte. Dem Unternehmen Siemens nach geht es aber primär um die Fans - und dass sie noch lauter schreien, als sie es vielleicht ohnehin schon tun.

          „Alexa, hau ab!“

          Gegenwind für Amazon und Co : „Alexa, hau ab!“

          Amazon, Google, Facebook & Co verdienen Milliarden, gehören zu den wertvollsten Konzernen der Welt und ziehen rund um den Globus Toptalente an. Doch etwas hat sich geändert.

          Sie nennen es Sport

          Debatte um E-Sport : Sie nennen es Sport

          Die Regierung und der Deutsche Olympische Sportbund streiten über die Einordnung des sogenannten E-Sports. Zählt er zum Sport? Der Autor dieses Gastbeitrags hat einen eindeutigen Befund.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.