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Fußball in Südafrika Die schönen Seiten des Lebens

29.12.2006 ·  Für die Menschen in den Townships im künftigen WM-Gastgeberland Südafrika ist Fußball mehr als nur ein Spiel. Kinder zaubern mit dem Ball, ohne sich groß zu bewegen. Gespielt wird, wo Platz ist. Von Achim Dreis.

Von Achim Dreis, Johannesburg
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Die Straße ist abschüssig, der Ball nicht wirklich rund, und viele Kinder haben keine Schuhe an. Ihr Spiel kennt weder Tor noch Ziel. Aber Spaß. Sie jagen der Kugel nach und schreien. Dribbeln, steigen drüber, fallen hin, rappeln sich wieder auf. Echte Straßenfußballer im Land des künftigen WM-Gastgebers Südafrika.

Selten stört ein Auto, und allzu viele Fensterscheiben können die Buben auch nicht kaputtschießen. Hier ist schon fast alles kaputt. In Alexandra, genannt Alex, einer übervölkerten Township bei Johannesburg, leben 350.000 Menschen unter widrigsten Bedingungen in Wellblechhütten und Sperrholzbuden. Alle Bewohner sind schwarz, viele sind krank, die Hälfte ist arbeitslos. Fußball ist eine Form, dem Leben seine schönen Seiten abzuringen.

Die Kriminalitätsrate ist atemraubend

Ein deutscher Reporter, erkennbar fremd hier, fährt mit einem südafrikanischen Kameramann durch das Viertel. Auf der Suche nach Szenen für eine Fernsehreportage über das Fußball-Land Südafrika. Die spielenden Kinder kommen gerade recht. Der Kameramann, ein großer, stämmiger Weißer mit Baseballkappe und Shorts, spricht mit den Jungs. Er kann ein paar Brocken Zulu, was gut ankommt. Die Kids kicken für die Kamera, und als Belohnung gibt's Cola vom Kiosk an der Ecke. Zwanzig Rand, gut zwei Euro, reichen für drei Liter.

Der Gast aus Deutschland sitzt währenddessen im Auto, bei gut 30 Grad im Schatten: Knöpfchen runter, Fenster zu und ernst gucken - auf Anweisung des Insiders. Man weiß nie, wer sich für den Wagen interessieren könnte. Es ist eine Gegend, in die man sich als Europäer nicht unbedingt hineinwagen sollte. Die Kriminalitätsrate ist atemraubend. In der Gauteng-Provinz, in der Johannesburg liegt, werden täglich zehn Morde, 30 Vergewaltigungen und 150 schwere Raubüberfälle registriert.

Schlechte Bedingungen für Public Viewing

In „Joburg“, wie die Einheimischen sagen, einer ehemaligen Goldgräberstadt, die ohne Anbindung an einen Fluß, einen See oder das Meer wie eine riesige urbane Insel im Land liegt, ist die Dritte Welt nur durch die Stadtautobahn von der Ersten Welt getrennt. Traurige Hinterlassenschaft der Apartheid: hier das schwarze Elend in Alex, dort der weiße Luxus in Sandton City. Dazwischen aufdringlich erscheinende Autofensterputzer, die an der Straßenkreuzung ein paar Krümel vom schönen Leben abschöpfen wollen. Schlechte Bedingungen für Public Viewing, zumal die WM im südafrikanischen Winter ausgetragen wird. Da kann es in der 1800 Meter hoch gelegenen Metropole empfindlich kalt werden.

Kapstadt liegt zwei Flugstunden südlich von Johannesburg und hat den Vorteil, am Meer zu liegen. Am Strand von Camps Bay, einem schicken Vorort mit edler Promenade, herrscht entspannte Strandsportatmosphäre. Surfer kämpfen mit den Wellen, ein Rugby-Team studiert Spielzüge ein, Hobbyvolleyballer hechten durch den Sand, weiße Models posieren für Strandmode. Am Rande der Szenerie spielt ein schwarzes Pärchen Fußball. Zwei dicke schwarze Frauen tanzen zu Kweito-Musik auf dem Gehsteig. Sie tragen bunte Kleider und halten Bierflaschen in den Händen. Ihr fröhliches Lachen entblößt Lücken im Gebiß. Es wird gegrillt, gefeiert und aufs Meer geschaut. Die Gruppe kommt aus dem Hinterland. Ein karitatives Unternehmen bringt die Menschen einmal in der Woche an den Strand. Eine Frau trägt Socken mit einem Fußball drauf und dem Schriftzug 2010. Sie hat keine rechte Idee, was eine WM bringen soll, aber sie sieht sehr zufrieden aus.

„Die WM wird uns guttun“

Wenn man in einer Township aufwächst, ist das Leben auch im mondän erscheinenden Cape Town ganz anders. Im Kinderhaus Baphumelele in Khayelitsha, der größten Armensiedlung am Kap der Guten Hoffnung, sind Gäste dennoch willkommen. In der Dabula Street unterhält Rosie Machahle, 43 Jahre alt, ein Waisenhaus. 250 Kinder leben hier, viele von ihnen sind mit dem Aids-Virus infiziert. Rosie, eine kräftige schwarze Frau mit scheppernder Stimme, hat den Status einer Heiligen. Ihr Porträt grüßt von einer Plakatwand am Stadtrand. Auch wenn es ihr peinlich ist. Seit 22 Jahren kümmert sie sich um Kinder. Elton John hat sie schon besucht, deutsche Waldorf-Pädagogen bauten eine Schreinerwerkstatt für die Heranwachsenden.

Im Hof balgen zwanzig Jungs um einen Ball. „Alles meine Kinder“, kräht sie. Obwohl sie offensichtlich andere Probleme hat als die Ausrichtung einer Fußball-WM, freut sich Rosie auf das Ereignis. „Die WM wird uns guttun“, ist sie sich sicher. „Alle Leute, die nach Südafrika kommen, wollen Kapstadt sehen. Und alle, die Kapstadt sehen, wollen uns in den Townships besuchen und wissen, was wir machen und wie wir leben.“

Sie zaubern mit dem Ball, ohne sich groß zu bewegen

Auch in Alex, der Township in Johannesburg, hat man als Fremder bessere Karten, wenn man im Auftrag des Fußballs unterwegs ist. Während in der weißen Bevölkerung Rugby noch immer einen etwas höheren Stellenwert hat, ist und bleibt Fußball bei den jungen Schwarzen die Nummer eins. Nicht nur als Sportart, sondern als Lebensziel schlechthin. Doch wer sich fragt, warum der afrikanische Fußball bei Weltmeisterschaften trotz guter Spielanlagen noch immer auf den Durchbruch wartet, sollte wissen, wie die Trainingsbedingungen aussehen.

In den Townships sind die Räume so eng, daß es praktisch keine Sportanlagen gibt. Nicht mal die Schulen haben genügend Platz, um den Jungs Auslauf zu bieten. Deshalb wird in den Straßen gespielt, auf den „Freedom Fields of Football“. Fünfzehn-, Sechzehnjährige, die so cool sind, daß es fast fröstelt in der Dezemberhitze, zaubern mit dem Ball, ohne sich groß zu bewegen. Spielen im Kreis, mit dem Kopf, mit der Brust. Hacke, Spitze, eins, zwei, drei. Sie spielen ihr Spiel. Stolz, kein Spaß. „Aber sie lernen nicht, daß das Ziel beim Fußball ist, den Ball ins Tor zu schießen“, klagt der deutsche Fußball-Lehrer Ernst Middendorp, der in Johannesburg die Kaizer Chiefs trainiert, den wichtigsten Klub Südafrikas neben den Orlando Pirates.

„Das Leben der Kinder berühren“

Beide Teams haben ihre Wurzeln in Soweto, den South Western Townships, einem Millionen-Moloch, aus dem auch Nelson Mandela stammt. Wer besonders gut ist, träumt vom Sprung zu den Chiefs oder den Pirates. Lucas Radebe ist dabei das Vorbild der Fußballjugend. Radebe, 37 Jahre alt, kam aus Soweto und schaffte es zu den Chiefs. Sein Talent führte ihn sogar nach England, wo er für Leeds United spielte, und in die Nationalmannschaft. 1998 und 2002 trug er die Kapitänsbinde der „Bafana Bafana“ bei zwei Fußball-Weltmeisterschaften.

Radebe ist mittlerweile Fußball-Botschafter für SOS-Kinderdörfer. Bei der Fifa-Initiative „6 Dörfer für 2006“ setzte er den ersten Spatenstich für ein Dorf im Nordwesten Südafrikas. „Man muß das Leben der Kinder berühren“, erklärte er einmal seine Motivation, zu helfen. „Ich muß sie wissen lassen, daß ich so war wie sie und daß sie ihr von Gott gegebenes Talent nutzen können, um ein gutes Leben zu führen. Ich möchte, daß sie glauben, daß sie es können.“

Quelle: F.A.S. vom 24.12.2006, Nr. 51 / Seite 19
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Jahrgang 1969, Sportredakteur.

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