Home
http://www.faz.net/-gub-10ey0
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fußball-EM 2012 Keine Straßen, keine Stadien - aber Hooligans

25.09.2008 ·  In Bordeaux berät die Uefa-Exekutive über die Fußball-EM 2012 - weil sich in Polen, vor allem aber in der Ukraine nichts tut. Stadien stehen nur auf dem Reißbrett, Autobahnen sind Utopie - nur die Hooligans sind ganz real.

Von Olaf Sundermeyer, Lemberg
Artikel Bilder (9) Lesermeinungen (3)

Ostap Protsyk steht auf einer Wiese am Lemberger Stadtrand und redet von der Zuversicht, die ihn erfülle, wenn es um die Finanzierung des künftigen Europameisterschafts-Stadions geht. „Wo wir hier stehen, können in vier Jahren Mannschaften aus ganz Europa spielen“, sagt der Büroleiter des Bürgermeisters. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) nährt hier, in der westlichen Ukraine, die Hoffnung auf fehlendes Kapital. Dabei steckt die Bank selbst in einer Krise, seit sie den schon insolventen Lehmann Brothers noch Hunderte Millionen Euro überwiesen hat.

Über Protsyks Kopf durchzieht ein Jet im Steigflug den blauen galizischen Himmel. Der Schriftzug auf dem Rumpf kündet von dem ungarischen Billigflieger Wizzair. Der soll das riesige Verkehrsproblem lösen. Während Protsyk davon träumt, dass sich eine Hundert-Millionen-Euro-Frage vergleichsweise einfach lösen lasse – immerhin soll das Stadion von dem Baukonzern errichtet werden, der in Österreich für EM-taugliche Verhältnisse gesorgt hat –, schwelgt Oleksandr Sahrewa in eigenen Träumen.

Stadien, Straßen, Hooligans

Der Flughafendirektor steht auf dem Beton seines Rollfeldes und redet über eine verlängerte Landebahn und ein zusätzliches Terminal. „Auf ihrer Reise haben die Inspekteure der Europäischen Fußball-Union (Uefa) auch unseren Flughafen besucht. Unser Programm zum Flughafenausbau genügte ihren Ansprüchen.“ 200 Millionen Euro würde das kosten. Das Geld ist nicht da.

Weil Uefa-Präsident Michel Platini an den beiden Austragungsländern Polen und (vor allem) Ukraine zu zweifeln begann, unternahm er im Juli selbst eine Kontrollfahrt nach Warschau und Kiew. An diesem Donnerstag und Freitag nun tagt das Exekutivkomitee der Uefa in Bordeaux, auch um über die Probleme mit der EM 2012 zu beraten. Neben den Themen Stadien und Infrastruktur treibt den Verband vor allem die Frage der Sicherheit um. Beide Länder haben ein massives Hooliganproblem.

„Wenn die EM 2016 stattfände, hätten wir kein Problem“

Nach dem Lokalderby in Warschau zwischen Polonia und Legia vor drei Wochen verhaftete die Polizei 741 mutmaßliche Randalierer, die sich in der Altstadt eine Straßenschlacht geliefert hatten. Fast alle sind längst wieder auf freiem Fuß. „Was uns fehlt, sind andere Gesetze“, heißt es im Justizministerium. Auch eine sogenannte Hooligandatei nach westeuropäischem Vorbild, wo auffällige Fußballrowdys zentral erfasst werden, gibt es nicht. „Wir haben nur die Daten bereits verurteilter Gewalttäter.“

Auch im Hausflur des polnischen Fußballverbandes (PZPN) blättert der Putz von den Wänden. Präsident Michal Listkiewicz wünscht sich vor allem mehr Zeit. „Wenn die EM erst 2016 stattfände, hätten wir überhaupt kein Problem.“ Listkiewicz hatte – wie sein ukrainischer Kollege Grigorij Surkis – Platini bei dessen Wahl zum Uefa-Präsidenten im Januar des vergangenen Jahres unterstützt. Drei Monate später fiel die Entscheidung zugunsten Polens und der Ukraine für 2012.

Die „Baltic Arena“ in Danzig: keine Finanzierung und Ärger mit Kleingärtnern

Bei der Bekanntgabe in Cardiff tanzte Listkiewicz durch den Bankettsaal, umarmt von dem damaligen polnischen Sportminister Tomasz Lipiec, der kurz darauf wegen einer Korruptionsaffäre verhaftet wurde. Er soll bei der Auftragsvergabe zum Bau von Sportstätten bestochen worden sein. Und dann ist da auch noch der Korruptionsskandal in den polnischen Ligen, in den Dutzende Trainer, Schiedsrichter und Funktionäre verwickelt sind. Es geht um zig verkaufte Spiele. Aber Listkiewicz sucht die Schuldigen für die Probleme mit der EM 2012 lieber woanders.

„In Danzig etwa gibt es beim Stadionbau Schwierigkeiten mit den Kleingärten“, sagt er und denkt an den Stadtteil Letnica, wo die Hobbygärtner auf Entschädigung klagen. Witold Baginski kommen fast die Tränen, wenn er von den schönen Wochenenden auf seiner Datscha erzählt. Seit die Bagger kamen, hat sich sein Leben geändert. Die EM 2012 ist ihm egal, die „Baltic Arena“, die auf dem Boden seines Kleingartens entstehen soll, sowieso, er will nur noch sein Geld. Aber das fehlt auch dem Bürgermeister Pawel Adamowicz. Denn private Investoren gibt es für das Danziger Stadion nicht. „Bis zum eigentlichen Stadionbau müssen wir noch Anleihen herausgeben, oder wir nehmen einen Kredit auf.“ Rund 230 Millionen Euro soll das Projekt kosten.

Von Autobahnen ist in der Ukraine gar nicht erst die Rede

„Das größte Problem aber ist der Verkehr“, fährt Listkiewicz fort. „Von Danzig nach Donezk sind es schließlich über 1500 Kilometer! Das ist nicht wie in Österreich und der Schweiz, wo alles beieinander liegt“, stellt Listkiewicz fest, der seit Platinis Kontrollfahrt längst dazu übergegangen ist, sämtliche Probleme zuzugeben statt zu dementieren. „Realistisch betrachtet, werden wir bis 2012 keine guten Straßen haben.“ Erst vor wenigen Tagen hat das Verkehrsministerium eingeräumt, dass es bis zur EM nichts werde mit dem Ausbau der A4 in Richtung Ukraine.

Dort ist von Autobahnen erst gar nicht die Rede. Die Fahrt von Lemberg in die 500 Kilometer entfernte Hauptstadt Kiew dauert auf kaputten Landstraßen einen ganzen Tag. Wegen der anhaltenden Regierungskrise ist die Verwaltung in der Ukraine gelähmt. Nur die Oligarchen könnten jetzt noch handeln. Der Verbandspräsident Surkis gehört selbst zu den Schwerreichen im Land, und Rinat Achmetow ist der mutmaßlich reichste unter ihnen.

„Die Stadt wollte die Bedingungen des Klubs nicht akzeptieren“

Ihm gehört der Champions-League-Klub Schachtjor Donezk, in dessen neuem Stadion ein EM-Halbfinale stattfinden soll. Dagegen hat sich in Lemberg der örtliche Potentat in den Schmollwinkel zurückgezogen. Oligarch Piotr Deminski ist Eigentümer des Erstligavereins Karpaty Lemberg. Eigentlich wollte er nun für ein paar Tage nach Salzburg fliegen, wo die Baufirma des geplanten Stadions sitzt, auch ein Freundschaftsspiel zwischen Red Bull Salzburg und Karpaty wurde angekündigt.

„Daraus ist aber nichts geworden“, sagt Oleksandr Jefremow, Deminskis Fußballgeschäftsführer, und erläutert sogleich die lokalen Machtverhältnisse: „Die Stadt wollte die Bedingungen des Klubs nicht akzeptieren. Aber vielleicht ändert sie in den nächsten Monaten ihre Haltung.“ Es geht um ein paar attraktive städtische Grundstücke, die Deminski für sein Engagement beim geplanten Bau des EM-Stadions gerne hätte. Da verhandelt Ostap Protsyk lieber mit einer angeschlagenen Bank.

Nach jetzigem Stand hat Polen wohl bessere Chancen als die Ukraine

Und so scheint Michal Listkiewicz grundsätzliche Zweifel an dem EM-Partner Ukraine zu haben. „Wenn es jetzt nicht gut läuft und die Uefa einen anderen Vorschlag hat … dann wäre es auch in Ordnung, wenn sie selbst eine andere Entscheidung trifft.“ Nach dem jetzigen Stand darf sich Polen bessere Chancen auf eine EM-Gastgeberrolle ausrechnen als der Mitausrichter Ukraine.

Dessen Eignung wird stärker angezweifelt. Es ist kein Zufall, dass inzwischen auch die nicht so weit von Polen entfernt gelegenen deutschen WM-Städte von 2006, Berlin und Leipzig, gesprächsweise mit im Spiel sind, wenn von den Austragungsorten der Fußball-Europameisterschaft 2012 gesprochen wird (siehe: EM 2012: DFB widerspricht englischer Zeitung). Noch handelt es sich um ein heißes Gerücht (siehe: Fußball-Kommentar: Libero Deutschland), doch könnte daraus angesichts der unsicheren EM-Gemengelage vielleicht noch ein überraschendes Faktum werden.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Nicht gewonnen, nicht verloren

Von Peter Heß

Im Formel-1-Tempo sollte in der durch Korruptionsvorwürfe durchgeschüttelten Fifa aufgeräumt werden. Im Moment bewegt sie sich mit der Geschwindigkeit eines Motorrollers. Mehr 1