30.12.2006 · Deutschland in Schwarz-Rot-Gold. Der Fußball hat einiges durcheinander gebracht in diesem Jahr, nicht zuletzt die Vorstellungen von Land und Leuten. Das Partykleid kommt ins Museum, die Patriotismus-Diskussion geht weiter. Von Michael Horeni.
Von Michael HoreniDem Deutschen Fußball-Bund sollte man sich bei Nacht nähern. Vor der Zentrale des Verbandes erhebt sich seit ein paar Wochen eine neun Meter hohe Skulptur, der "Football Globe Germany", ein Überbleibsel aus Andre Hellers Kunst- und Kulturprogramm zur Weltmeisterschaft. Ein riesiger Fußball leuchtet von einem schneeweißen Sockel jede Nacht schwarz-blau in die Dunkelheit. Es sieht schön aus, dieses Wortungetüm.
"Er war ein markantes Wahrzeichen der erfolgreichen Weltmeisterschaft in Deutschland", sagt DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt. Deshalb hat ihn der Verband nach dem Turnier erworben und im Frankfurter Stadtwald aufgebaut. "Sozusagen als permanente Erinnerung an die für den DFB und Deutschland so tollen Wochen im Sommer 2006", wie Schmidt sagt. Sozusagen für die Ewigkeit.
Tonlos, immer wieder
Schwarz-blau also: Ein halbes Jahr nachdem die Deutschen ihre Nationalfarben wiederentdeckten, ist in der Zentrale des deutschen Fußballs von Schwarz-Rot-Gold fast nichts mehr zu sehen. Im Foyer laufen auf zwei Flachbildschirmen Bilder von den großen Erfolgen der Nationalmannschaft, tonlos, immer wieder. Hier immerhin gibt es Schwarz-Rot-Gold als Endlosschleife. Drum herum sind Pokale in Vitrinen ausgestellt, Wimpel und Vasen. Auch Repliken der drei WM-Trophäen werden gezeigt. Die Angestellten im Verband achten schon lange nicht mehr auf die Ikonensammlung. Nur Besucher bleiben ein paar Minuten stehen, wie im Museum.
Dietmar Preissler ist Sammlungsleiter im Haus der Geschichte. Sie bauen dort, wie er sagt, "mit am kulturellen Gedächtnis der Nation". Die WM war für das Bonner Museum mehr als nur ein Ereignis. Es war "ein Symbol für einen Mentalitätswandel in Deutschland", wie Preissler sagt. Anfang Dezember ist ihnen ein schönes Stück dieses Mentalitätswandels übergeben worden. Es ist das Fan-T-Shirt von Katrin Göring-Eckhardt, in dem die grüne Vizepräsidentin des Bundestags am 20. Juni, dem Tag des deutschen Gruppenspiels gegen Ecuador, die Sitzung des Bundestags leitete. Sie hatte es für zwanzig Euro gekauft. Jetzt ist es ein Stück deutscher Zeitgeschichte.
Unbelastet und sexy
"Die neue Generation ist im Westen angekommen", sagt Preissler über das WM-Jahr. Das zeigt sich für ihn nicht zuletzt am Umgang mit den nationalen Symbolen. "Schwarz-Rot-Gold ist bei der WM mehr und mehr zu unserer Tricolore geworden. Nach der WM 74 hat Paul Breitner die Mao-Bibel hochgehalten - schwarzrotgoldene Symbole wären damals nicht möglich gewesen."
Das sei die deutsche Sicht auf den WM-Sommer, sagt der Sammlungsleiter. Aber es gibt auch noch eine andere Sichtweise, die internationale. WM-Botschafterin Claudia Schiffer hatte sich nackt in eine deutsche Fahne einwickeln und darin fotografieren lassen. Die Plakate hingen in New York und London, sie gehörten zur Aktion "Deutschland - Land der Ideen". Die Fahne mit der Unterschrift des Topmodells kommt auch nach Bonn. "Das Außergewöhnliche war, daß man Schwarz-Rot-Gold als unbelastet und sexy empfindet", sagt Preissler, "auch im Ausland."
Die Gesellschaft für deutsche Sprache hört sich seit 35 Jahren sehr genau um in Deutschland. Sie hat sich auch zur Aufgabe gemacht, das Wort des Jahres zu küren. Zuletzt waren das Begriffe, die für Angst und Verunsicherung standen. Das Wort des Jahres 2006 wirkt wie ein Fremdkörper in dieser Reihe. Es heißt "Fanmeile" . Die "Fanmeile" folgt auf "Hartz IV" (2004), "das alte Europa" (2003), "Teuro" (2002), "11. September" (2001) und "Schwarzgeldaffäre" (2000), nur das neutrale "Bundeskanzlerin" (2005) hatte sich zwischen die düsteren Chiffren geschoben. Fanmeile aber ist Jubel, Begeisterung, gute Laune, Sonnenschein und Schwarz-Rot-Gold. Ein solches Wort hat es noch nie auf Platz eins bei der Gesellschaft geschafft. "Reisefreiheit" war bisher das höchste der Gefühle, 1989 im deutschen Wendejahr.
Jubel, Begeisterung, Sonnenschein
Der Fußball hat einiges durcheinandergebracht in diesem Sommer, nicht zuletzt die Vorstellungen von Land und Leuten. Das Reden darüber war im Inland gleich eine Patriotismusdebatte. "Der in der westlichen Welt, ganz besonders in Deutschland, beliebteste Spezialirrtum ist der vom Verschwinden des Nationalstaats. Hierzulande glaubte man einer solchen Entwicklung gefühlsmäßig schon ein Stück voraus zu sein und war zunächst irritiert und besorgt über das massenhafte Auftauchen von Schwarz-Rot-Gold, dann erleichtert über die Leichtigkeit, mit der die nationalen Embleme besonders von jungen Leuten in Partylaune gehandhabt wurden. Schnell wurde die politisch korrekte Sprachregelung gefunden: Es handele sich nicht um nationale Gefühle (ganz schlimm!), sondern um patriotische (gut!). Wohlan denn, der Weltverbesserung durch Begriffe sind keine Grenzen gesetzt. Konsequenterweise sollten wir von Patriotmannschaften sprechen", schrieb Karl Otto Hondrich, Emeritus für Soziologie an der Universität Frankfurt, spöttisch über den nationalen Kampf um die Deutungshoheit.
Der Blick von außen auf Deutschland ist leichter. Der Internationale Fußball-Verband hat in der Woche vor Weihnachten den Fairplay-Preis 2006 an die Fans bei der WM verliehen. "Selten dürfte die Entscheidung so leicht gefallen sein wie in diesem Jahr. Das Bild eines fröhlichen Deutschlands ging um die ganze Welt", heißt es bei der Fifa zur Begründung. Die Fans hätten aus Deutschland "einen Mikrokosmos aus Friede, Freundlichkeit und guter Laune gemacht".
Ein Vermögen gemacht
Mit Schwarz-Rot-Gold ließ sich in diesem Jahr ein Vermögen machen. Bei Adidas haben die Wochen nationaler Jubelstimmung für Rekordergebnisse gesorgt. Bei der Weltmeisterschaft 2002 in Fernost, als Rudi Völlers Jungs das Finale erreichten, verkaufte der Ausrüster noch 250.000 Trikots an die Fans. In diesem Jahr waren es fünfmal soviel, rund 1,5 Millionen. Das Danke-Deutschland-T-Shirt, das die Spieler zum Abschied in Berlin überzogen, ging rund einhunderttausendmal über den Tisch. Die WM war "ein sensationeller Verkaufserfolg", sagt Adidas-Sprecher Oliver Brüggen. 1,2 Milliarden Euro hat das Unternehmen mit Fußballartikeln umgesetzt, soviel wie nie zuvor.
"Bei der WM 2010", so Brüggen, "streben wir im Fußball neue Umsatzrekorde an." Der Film "Deutschland - Ein Sommermärchen" erreichte zudem als kostenloser Werbefilm für Adidas im Kino etwa vier Millionen Zuschauer, am Fernseher über zehn Millionen. Eine schöne Zugabe.
Zerfranste Überbleibsel
Nun, da die deutschen Fahnen eingerollt sind und nur noch an ein paar Balkonen und Autos zerfranste Überbleibsel aus den Zeiten des Sommermärchens im Winterwind flattern, lautet die in die Zukunft gewandte schwarzrotgoldene Frage: Was kommt davon wieder, wenn der Fußball die Nation im Sommer 2008 zur Europameisterschaft in die Schweiz und nach Österreich ruft?
In der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes hat auch Michael Kirchner sein Büro. Er leitet den Fanclub Nationalmannschaft. Kirchner ist Experte für die Basis. "Wir hatten befürchtet, daß nach der WM wieder einige austreten werden. Aber wir sind eines Besseren belehrt worden", sagt er. "Vor der WM hatten wir rund 19.000 Mitglieder, jetzt sind wir bei knapp 40.000. Die Austrittsquoten sind normal, wir haben kontinuierliches Wachstum." Am Tag nach der Niederlage im Halbfinale gegen Italien kam es zu einem Rekord bei den Neuanmeldungen. Achthundert Fans leisteten Trauerarbeit, indem sie Mitglied wurden. Vier Tage später, nach dem Abschied des Teams auf der Berliner Fanmeile, schnellte die Marke auf über tausend. "Bei der EM kann die Euphorie ähnlich sein", sagt Kirchner. Sie findet um die Ecke statt.
„Toleranter Patriotismus“
Wer Patriotismus und Nationalgefühl weiterhin auch für dunkle, gefährliche Regungen hält, der wurde nach der Weltmeisterschaft mit dieser These schnell fündig. Wilhelm Heitmeyer sagt zu der Hoffnung, daß Deutschland zu einem "toleranten Patriotismus" gefunden habe: "Das läßt sich empirisch nicht zeigen. Da werden Illusionen geschürt. Da lügt man sich was in die Tasche." Heitmeyer ist Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung in Bielefeld.
Er stellte im Dezember mit Kollegen eine Langzeituntersuchung zu "Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit" vor. Demnach sind die im August nach der WM befragten Personen "nationalistischer" als zuvor eingestellt gewesen. Die Forscher erkannten einen kausalen Zusammenhang. Von einer offenen und toleranteren Form der Identifikation mit dem eigenen Land haben sie jedenfalls nichts bemerkt. Das sind die dunklen Rückseiten des schwarzrotgoldenen Sommers.
Rassismus, Antisemitismus, Sexismus
Auch Kirchner kennt die Klientel an der Basis. Daß der deutsche Fußball in diesem Jahr in zwei Teile zerfällt - die gute WM und den bösen Alltag -, erstaunt ihn nicht sonderlich. "Viele Hardcore-Gruppen haben der WM den Rücken gekehrt. Die haben nur die Füße stillgehalten", sagt er. Gewalt, Rassismus, Antisemitismus, Sexismus - das während der WM unsichtbare Schreckensarsenal ist jedoch keineswegs verschwunden. Nach dem Sommer holte die andere, brutale Wirklichkeit den Fußball sehr schnell ein. Nach zahlreichen Ausschreitungen mußten eine Task Force geschaffen und eine Integrationsbeauftragte berufen werden.
Beim Fanclub Nationalmannschaft müssen sie auch auf die Gewalt reagieren, vor allem bei Auswärtsspielen. Im Oktober in der Slowakei haben sie daher die deutschen Zuschauer getrennt. Die "Problemfans" und die vom Fanclub Nationalmannschaft saßen auf gegenüberliegenden Tribünen.
Schwarz-Rot-Gold ist dabei als Symbol ausgerechnet für die organisierten Anhänger im Stadion gar nicht entscheidend. "Die erste Identifikation ist die mit der Mannschaft - und die trägt Weiß", sagt Kirchner, "erst dann kommen die Nationalfarben ins Spiel." Das Ziel des Fanklubs für die Länderspiele der kommenden Jahre hat daher mit den Farben dieses Sommers auch gar nichts mehr zu tun. "Wir wollen einmal im Stadion eine weiße Wand haben", sagt Kirchner. Er glaubt, daß sie das schaffen.