03.08.2005 · Rafael van der Vaart führt die Mannschaft des HSV stets freundlich und in aller Bescheidenheit an. Und die Hamburger Fußballfans liegen dem neuen Star und seiner Frau zu Füßen.
Von Frank Heike, HamburgNiemand konnte erwarten, daß der junge Supermann so wenige Allüren haben würde. Einige der Alten hatten schon prophylaktisch zugeschnappt und gedroht, er werde sich unterordnen und erst einmal Leistung zeigen müssen. So sprach Sergej Barbarez über Rafael van der Vaart. Barbarez ist seit Jahren der einzige Spieler mit manchmal überragender Klasse beim Hamburger SV, sein Wort hat Gewicht. Der 33 Jahre alte feinnervige Bosnier sorgte sich um seine Rolle als Star und Gesicht des HSV, als plötzlich im Juni alles nur noch von Rafael van der Vaart sprach, dem neuen Star.
Doch Barbarez, der Leitwolf, mußte gar nicht beißen. Denn der elf Jahre jüngere Rafael van der Vaart hat sich so geräuschlos ins Gefüge der Mannschaft eingepaßt, daß alle zufrieden sind: Dieser Vorzeigeprofi ordnet sich unter, ohne seine Führungsqualitäten auf dem Platz zu vergessen. Im UI-Cup-Spiel gegen Leiria stürzte er sich in die Zweikämpfe, gegen Olmütz zauberte er den Ball zum Siegtor ins Netz - der Respekt im Team wächst, weil van der Vaart Leistung sprechen läßt. Sonderrechte fordert er nicht. Barbarez sagt heute: "Rafael fühlt sich nicht wie ein Weltstar."
„Rafael fühlt sich nicht wie ein Weltstar“
5,1 Millionen Euro hatte der HSV im Frühsommer an Ajax Amsterdam überwiesen, um einen Hochbegabten zu holen, der mit zehn Jahren ins Jugendinternat von Amsterdam kam, mit 17 sein Profidebüt feierte, ein Jahr später für die Nationalelf auflief und mit 20 Kapitän von Ajax war - van der Vaart ist der wichtigste Transfer der Hamburger seit Kevin Keegan 1977. Er bringt dem HSV spielerische Klasse und (zusammen mit seiner schönen Frau Sylvie Meis) den dringend benötigten Glanz, auch außerhalb des Feldes. Van der Vaart sagt: "Ich weiß, daß viel von mir erwartet wird. Aber wenn ich davor Angst hätte, wäre ich nicht zum HSV gekommen." Ihm zur Seite steht ein von Trainer Thomas Doll geformtes Team, das funktionstüchtig und angriffslustig wirkt wie seit Jahren nicht mehr.
Vorbehalte seitens der Mannschaft gab es ohnehin nur, als sie van der Vaart noch nicht kannte. Die haben sich längst zerstreut. Er sagt: "Ich wurde von Anfang an gut aufgenommen, die Mitspieler helfen mir, wo sie können." Für Neid ist kein Platz beim HSV. Die Mannschaft hat verstanden, daß van der Vaart der entscheidende Mann für eine große Saison sein könnte. An diesem Mittwoch möchte der 22 Jahre alte Profi im Halbfinal-Rückspiel des UI-Cups gegen Sigma Olmütz (live im FAZ.NET-Ticker) wieder zeigen, wie gut er ein Spiel lenken kann und wie torgefährlich er dabei ist.
Angenehme Bescheidenheit
Rafael van der Vaart lebt eine angenehme Bescheidenheit vor, auch wenn er längst in eine Reihe mit den europäischen Stars gestellt wird. Die Genügsamkeit hat vielleicht mit seiner Herkunft zu tun: Die ersten siebzehn Jahre verbrachte er auf einem Campingplatz in der Stadt Heemskerk, 25 Kilometer von Amsterdam entfernt. Das Leben im festen Wohnwagen war die gewählte Lebensform der van der Vaarts. Mit Armut hatte das nichts zu tun. Schon seine Großeltern waren überzeugte Caravanisten. Eine individuelle Lebensform für einen, der später ein Individualist auf dem Feld werden würde. Van der Vaart sagt: "Erst als der Trubel um mich zu groß wurde, sind wir in ein Haus gezogen."
Er hatte mit 15 seinen ersten Profivertrag bei Ajax unterschrieben; immer mehr Menschen besuchten die Wohnwagensiedlung, um ihn zu bestaunen. "Wir mußten weg." Eine weitere Flucht sei der Wechsel zum HSV nicht gewesen, auch wenn sich viele fragten, was ein holländischer Starspieler in Hamburg wolle. Die van der Vaarts waren aus dem Paradies vertrieben worden.
Aus dem Paradies vertrieben
Van der Vaarts Frau, ein Model, war bei Auswärtsspielen von den Fans der Gegner wüst beschimpft worden; wahrscheinlich hat van der Vaart sein Leben auch eine Spur zu grell ausleuchten lassen (zuletzt wurde die Hochzeit der beiden im Fernsehen übertragen). Wie auch immer, er fühlte sich in der Heimat nicht mehr frei. "Am Anfang haben alle Leute in Amsterdam mir zugerufen: ,Hey, du spielst super!", später dann: ,Hey, du spielst Mist!'" Van der Vaart wählte Hamburg für den Neuanfang. Auch deswegen, weil Vorstand Bernd Hoffmann, Doll und Sportchef Dietmar Beiersdorfer ihm das Gefühl gaben, ihn unbedingt zu wollen. Da spielte die graue Vergangenheit des HSV plötzlich keine Rolle mehr.
Nur die gewünschte Ruhe, die werden er und seine Frau hier nicht finden; die Stadt lechzt nach Theatralik, die Boulevardzeitungen tun, was sie müssen - van der Vaart und Sylvie Meis füllen hier ein Vakuum. Und sie tun das ganz gern: Viele Hamburger Profis ziehen an den Stadtrand, wo es ruhig und solide ist. Die van der Vaarts wohnen im schicken Eppendorf.