Wieder rüttelte der Wind an den Bäumen im Stade Roland Garros, pustete Sandkörner durch die Luft, aber Rafael Nadal war viel zu beschäftigt, um darauf zu achten. Hochkonzentriert trainierte er Samstagmittag unter der bewährten Leitung des Onkels und machte dabei nicht den Eindruck, es handele sich um ein Aufwärmprogramm. Die Bälle flogen mit dem gleichen Drall und Tempo übers Netz wie tags zuvor im Spiel gegen David Ferrer, das der Onkel später mit dem Worten beschrieb: „In manchen Momenten war es unglaublich.“ Was angesichts der sonst eher nüchternen Sprache im Hause Nadal ein Lob mit vier Sternen war.
Novak Djokovic hingegen ist ein Freund der Wörter, und Superlative sind ihm nicht fremd. Er spiele seit 18 Monaten das beste Tennis seines Lebens, behauptete er nach dem Sieg im Halbfinale gegen Roger Federer. Zugegeben, in diesem Spiel tat er alles, was nötig war, und vor allem die Art, wie er im zweiten Satz zweimal einen Aufschlagverlust wettmachte und Federer nicht entkommen ließ, war eindrucksvoll.
Keine Grundlage für die Zukunft
Aber die eher enttäuschende Partie taugt nicht als Grundlage zur Diskussion, ob Djokovic im Finale gegen den bisher überragend spielenden Nadal mehr als nur ein chancenreicher Herausforderer ist; dazu steckten zu viele Fehler in Federers Spiel und zu viele Schwankungen. Es gibt nicht wenige Fachleute, die nach diesem Auftritt meinen, im Finale der French Open werde man Federer in Zukunft vermutlich nicht mehr sehen. Doch für die kommenden Monate muss diese Einschätzung nichts zu bedeuten haben. Der Schwede Mats Wilander meinte in einem Kommentar für die französische Sportzeitung L’Équipe: „Natürlich wollte er gewinnen, aber nur auf seine Art. Das hat nicht funktioniert, aber nach einer anderen Möglichkeit hat er nicht gesucht. Er hat es Novak nicht schwer gemacht. Aber war es das? Nein. Er kann Wimbledon gewinnen und auch bei den Olympischen Spielen.“
Doch das ist im Moment nicht das Thema. Wenn Novak Djokovic und Rafael Nadal am Sonntag (15 Uhr) im Finale der French Open um den Titel spielen, sofern es das angekündigte Regenwetter zulässt, geht es um eine historische Chance, um einen ersten oder einen siebten Titel in Paris und um die Frage, ob der Herrscher des Jahres 2011 den Herrscher im Stade Roland Garros besiegen kann.
Das neue Maß aller Dinge
Bis vor ein paar Jahren galt das Duell zwischen Federer und Nadal als das Maß der Dinge; das war die Zeit, in der sich Djokovic manchmal fragte, ob er es je schaffen würde, die Giganten vom Sockel zu schießen. Seit seinem Sieg in Wimbledon vor knapp einem Jahr sitzt er nun selbst auf diesem Sockel. Nach dem ersten Sieg gegen Nadal im Finale eines Grand-Slam-Turniers, wenig später bei den US Open in New York gefolgt vom zweiten. Und dieses Spiel gewann er auf eine Art, die man ihm früher nicht zugetraut hätte; die extremen physischen Anstrengungen steckte er besser weg als Nadal, dem am Ende nach mehr als vier Stunden die Kraft fehlte, um sich noch wehren zu können.
Und dann das verrückte Spiel zu Beginn dieses Jahres bei den Australian Open, fünf Stunden und 53 Minuten mit Genie und Wahnsinn gefüllt. Unvergesslich das Bild, wie den beiden Gladiatoren danach Stühle ans Netz gestellt wurden, damit sie sich in der Wartezeit auf die Siegerehrung setzen konnten, unvergesslich auch die Intensität dieser wunderbaren Nacht. Djokovic sagt, das sei definitiv das aufregendste Spiel seiner Karriere gewesen, wie so oft in großen Begegnungen entschieden von ein paar Punkten hier und da. Damals schickte er um sechs Uhr morgens über Twitter die Botschaft an die Welt, er liebe Tennis. Und als die Sonne längst aufgegangen war, sah er sich die Zusammenfassung dieser Liebe, ohne eine Sekunde geschlafen zu haben, mit größtem Vergnügen im Fernsehen an.
Neues für die Geschichtsbücher
Nie in der Geschichte des Profitennis standen sich die beiden selben Spieler in vier aufeinander folgenden Endspielen gegenüber. Gewinnt Nadal, hat er den siebten Titel in der Tasche und damit einen mehr als Björn Borg. Gewinnt Djokovic, dann hält er als Erster seit Rod Laver im Jahr 1969 alle vier Titel zur gleichen Zeit. Das wäre zwar kein echter Grand Slam, der innerhalb eines Kalenderjahres gewonnen werden muss, aber die Bedeutung wäre kaum geringer einzuschätzen.
John McEnroe, der sich noch heute darüber ärgert, das Finale des Jahres 1984 in Paris gegen Ivan Lendl nach einer 2:0-Satzführung verloren zu haben, hatte vor ein paar Tagen zur Möglichkeit des vierten großen Titels in Folge für Djokovic gesagt: „Das wäre höchst erstaunlich. Die Tatsache, dass das seit 43 Jahren keinem mehr gelungen ist, zeigt, wie schwer das ist. Wenn ich so was geschafft hätte, dann wäre ich mit der Trophäe für den Rest meines Lebens vor meinem Haus auf- und ab paradiert.“
„Entspannt? Das sind wir hier nie“
Djokovic macht keinen Hehl daraus, was ihm dieser Coup bedeuten würde. Es sei ja ziemlich schwer, irgendwas zu finden, was Nadal und Federer nicht geschafft hätten. „Aber hier ist jetzt eine Gelegenheit, und ich wäre extrem glücklich wenn ich das schaffen könnte.“
Die beiden letzten Begegnungen gewann Nadal; in Monte Carlo und zuletzt in Rom. Er sagt, diese Siege hätten seinem Selbstvertrauen nach der Serie der Niederlagen im vergangenen Jahr ausgesprochen gut getan. Er ist der Favorit, da gibt es keinen Zweifel. Aber, um noch mal in die Welt des Nadalschen Realismus zurückzukehren, Onkel Toni behauptet, sechs eindrucksvolle Spiele des Neffen im Laufe des Turniers hätten für das siebte und letzte nichts zu bedeuten. Und von einer gewissen Entspannung angesichts der Souveränität auf dem Weg ins siebte Finale will er erst recht nichts wissen. „Entspannt? Das sind wir hier nie. Höchstens mal nach einem Spiel, aber selbst das dauert nicht lang.“ Im letzten Training auf Platz vier war davon garantiert nichts zu sehen.