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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Free-Solo-Klettern „Das ist keine Adrenalin-Sucht“

Alain Robert ist auf ein über hundert Meter hohes Gebäude geklettert - ohne Seil. Free-Solo heißt diese Art des Aufstiegs, die für Kletter-Extremisten die ultimative Herausforderung zu sein scheint. Stefan Glowacz hat sie jedoch fast mit dem Leben bezahlt.

© REUTERS Das Vertrauen in die eigene Fähigkeit ist die einzige Sicherung der Freeclimber

Der Tod war immer nur einen Fehlgriff entfernt, als der französische Kletterer Alain Robert das Habana Libre Hotel im kubanischen Havanna erklomm. 126 Meter Beton, Metallgeländer und Balkone – und alles ohne Seil, nur mit einem Beutel voller Magnesium und ein Paar Kletterschuhen an den Füßen.

Hirnrissig, idiotisch, sein Leben auf diese Weise zu riskieren, mögen nun viele denken. Doch für ein paar Dutzend Kletterer weltweit ist das Kraxeln ohne Seil, Free-Solo genannt, schlicht die kompromissloseste, die freiste Art zu klettern.

Weil er es konnte

Es war der Deutsche Wolfgang Güllich, der die Kletterszene 1986 mit seiner bis dahin nicht für möglich gehaltenen Free-Solo-Begehung der Route „Separate Reality“ im Yosemite-Nationalpark beeindruckte. Der muskelbepackte Kletterer zwängte Finger und Füße in den wenige Zentimeter breiten Riss einer horizontalen Wand. Unter ihm 200 Meter Abgrund. Kontrolliert kletterte Güllich zum Ausgang der Route.

Das Bild seiner Begehung wurde Kult, seine Tat ebenso. Güllich war nicht verrückt - sondern ein unkomplizierter Typ, frei von allen Allüren, die er als jahrelanger Dominator der Kletterszene hätte haben können. Für ihn war Klettern ohne Sicherung einfach selbstverständlich. Er wagte seine Freikletterei, weil er es konnte - und weil er ein Gefühl suchte, das er nur beim Freiklettern fand. „Über den Umweg des Todesgedankens, kann man noch zu einem wesentlich intensiveren Leben geführt werden.“ Böse Ironie des modernen Lebens: 1992 starb Güllich im Alter vor nur 31 Jahren bei einem Autounfall.

Alain Robert of France, who is known as "Spiderman", climbs the Habana Libre hotel in Havana Berühmt für seine seilfreie Kletterei an hohen Gebäuden: der Franzose Alain Robert © REUTERS Bilderstrecke 

So gut ein Kletterer auch sein mag, er kann nicht alle Eventualitäten kontrollieren. Der mehrfache Kletterweltmeister Stefan Glowacz musste das lernen, als er bei einer Free-Solo-Tour fast sein Leben verlor. Ein Griff, an dem Glowacz hing, brach aus der Wand. „Noch im Fallen dachte ich, was bin ich für ein Vollidiot, mein Leben so aufs Spiel zu setzen. Dann bin ich aufgeschlagen; Ferse zertrümmert, Knie zerstört, Handgelenk gebrochen.“ Heute sieht 47-jährige erfolgreiche Expeditionskletterer das Free-Solo-Klettern mit anderen Augen: „Free-Solo ist wie russisches Roulette.“

„Leistungsreserve auf ein Minimum reduzieren“

Kletterer Alexander Huber hält diese Einschätzung von seinen waghalsigen Touren nicht ab. Der 44-Jährige ist davon überzeugt, die Risiken des Free-Solo-Kletterns beherrschen zu können. Zusammen mit seinem Bruder Thomas bilden er die Seilschaft der Huberbuam. Er ist Diplom-Physiker, ihm muss niemand etwas über Kräfte und Haftreibung erklären. Und trotzdem wagte er sich 2002 in die „Hasse-Brandler-Direttissima“ an der Großen Zinne in den Dolomiten. Der Fels an den Drei-Zinnen ist brüchig, Griffe können ausbrechen. Huber kletterte die rund 600 Meter, teils überhängende Wand mehrmals mit Seil, prägte sich Züge und Bewegungen ein. Dann stieg er ohne Seil ein – und kam unversehrt oben an.

Eine weitere vielbeachtete Kletterleistung gelang Huber 2004 am Schleierwasserfall. Viele der schwersten Kletterrouten liegen hier nur wenige Meter voneinander entfernt. Am 20. April kletterte er sich von morgens warm. Einem vorbeikommendem Wanderer drückte Huber dann eine Kamera in die Hand und stieg in die Route „Kommunist“ ein: 22 Meter stark überhängender Fels, die Schlüsselstelle zehn Meter über dem Boden.

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Zur Zeit von Hubers Versuch lag der Schwierigkeitsgrad von „Kommunist“ nur drei Grade unter der schwierigsten Kletterstufe. Ohne Seil wurde so etwas noch nie geklettert. Alexander Huber wusste, dass er sich bei seinem Versuch am Limit bewegte: „Meine absolute Leistungsfähigkeit liegt tatsächlich nur noch wenig über dem, was der ‚Kommunist‘  verlangt. Dementsprechend gering sind in dieser Route auch meine Leistungsreserven.“ Er wagte es trotzdem, überstand die Drei- und Zweifingerlöcher, die Leisten und schrie die Freude wenige Minuten später heraus. Huber resümierte seine Tat danach in gewohnter, analytischer Weise. „Ich weiß mittlerweile sehr genau, wie ich funktioniere, wenn ich ohne Seil unterwegs bin. Das ermöglichte mir, die Leistungsreserve auf eine Minimum zu reduzieren.“

„Und dann diese Ausgesetztheit - einfach super“

Mittlerweile ist eine neue Generation von Kletterern herangewachsen, die den Schwierigkeitsgrad im Sportklettern erneut verschoben hat. Auch das Free-Solo Klettern bleibt davon nicht unberührt. Alexander Honnold, wuscheliges Haar, breites Grinsen, ist ein Kletterer dieser Generation und hat sich dem Free-Solo verschrieben. 2008 kletterte der damals 22-Jährige „Moonlight Buttress“, eine 370 Meter lange Route, die von Anfang bis Ende nur aus einem Riss besteht und nur wenige Grade leichter ist als die von Huber erkletterte Route „Kommunist“.

Gestandene Kletterer hielten Honnolds Tat nach Bekanntwerden für einen Aprilscherz, doch der charismatische Kalifornier hatte die schwierige Route tatsächlich ohne Seil in nur einer Stunde und 23 Minuten geklettert. Auf die Frage, was ihn an dieser Art des Kletterns denn so reize, entgegnete er: „Was mir am besten daran gefällt, ist die mentale Herausforderung. Aber ich mag auch das schnellere Tempo und die Tatsache, dass ich es alleine machen kann. Außerdem ist es angenehm, mich frei von Ausrüstung bewegen zu können. Und dann diese Ausgesetztheit - einfach super.“

Stefan Glowacz hat erfahren, dass beim Free-Solo-Klettern nicht alles immer „super“ ist. Er hat aus seinem Unfall gelernt und ist seither nie wieder ohne Seil geklettert. „Wenn man das überlebt und es nicht als Warnung nimmt, ist man vielleicht zu doof für den Sport.“ Dieser Einschätzung widerspricht der Hochhauskletterer Robert entschieden: „Das Ganze ist keine Adrenalin-Sucht, sondern einfach nur das Bezwingen meiner Ängste.“ In Havanna hat er sie mit dem Tod in Griffweite einmal mehr besiegt.

Quelle: FAZ.NET

 
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