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Franziska van Almsick Trockenübungen eines enttäuschten Schwimmstars

07.10.2004 ·  Ohne fremde Hilfe hat Franziska van Almsick, der Popstar des Schwimmens, „Aufgetaucht“ geschrieben, ein Werk im Stil eines Teenager-Tagebuchs. Jetzt nimmt sie auf einer atemlosen PR-Tour Abschied vom Sport.

Von Gerd Schneider
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Bei Franziska van Almsick kommt es fast immer anders, als man denkt, und diese Unberechenbarkeit treibt am Donnerstag vormittag ihren Gastgebern den Schweiß auf die Stirn.

Ungefähr 150 Besucher der Buchmesse und ein paar Kamerateams warten am Stand der Wochenzeitschrift "Zeit" in der Halle 3, aber von dem Schwimmstar aus Berlin ist nichts zu sehen. Eine Dame telefoniert hektisch und stößt eine Wasserflasche um, dann sagt sie ins Mikrofon, daß Franziska van Almsick schon in der Halle und in drei bis vier Minuten da sei. Aber es dauert noch einmal eine Viertelstunde, bis sie mit halbstündiger Verspätung auftaucht: Sie hat sich verlaufen in der großen Halle. Vielleicht liegt es an der Warterei, daß der Moderator ziemlich lustlos wirkt. Ihr Buch, das vor ein paar Tagen erschienen ist, nennt er aus Versehen: "Abgetaucht."

Erst jetzt beginnt das Land-Leben

Tatsächlich lautet der Titel "Aufgetaucht". Das ist eine Anspielung darauf, daß die Karriere von Deutschlands populärster Schwimmerin mit dem eher enttäuschenden Auftritt bei den Olympischen Spielen in Athen zu Ende gegangen ist. Nach 13 Jahren im Wasser beginnt das Land-Leben für die 26 Jahre alte Berlinerin. Sie sagt: "Das Kapitel ,die Schwimmerin Franziska van Almsick' wird mit dem Buch zugeschlagen. Daß ich schwimmen kann, weiß ich jetzt. Aber es muß noch etwas anderes geben."

Das ist ihre ganz persönliche Sicht der Dinge. Doch womöglich kam der Versprecher des Moderators nicht von ungefähr. Man kann es auch so sehen, daß Franziska van Almsick, der Popstar des Schwimmens, abgetaucht ist. Einfach so. Es gab keine offizielle Verabschiedung; sie wird, anders als es der Schwimm-Verband ankündigte, auch keinen internationalen Wettkampf mehr bestreiten. Das Rennen über 4 x 100 Meter Lagen am 21. August in Athen, bei dem sie mit der Staffel die Bronzemedaille gewann, war ihr letzter Auftritt als Athletin. Hinterher war ihr so elend zumute, daß sie sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte.

"Die sieht in echt ganz anders aus"

Jetzt nimmt sie auf einer atemlosen PR-Tour für ihr Büchlein Abschied vom Sport, und sie genießt diese Trockenübung. Am Abend zuvor gab sie im Frankfurter "Kaufhof" eine Autogrammstunde, da wirkte die Berlinerin so entspannt, ja entrückt, daß manche Besucher glaubten, das müsse eine Doppelgängerin sein: "Die sieht in echt ganz anders aus." Womöglich haben sich die Fernsehbilder aus Athen eingebrannt, Bilder einer Sportlerin, die wie betäubt war von Schmerz und Enttäuschung, darüber, daß auch ihr letzter Versuch, die Goldmedaille zu gewinnen, gescheitert war. Seit dieser Anstrengung hat Franziska van Almsick Training konsequent gemieden, und wenn sie jetzt auftritt, wirkt sie gar nicht mehr wie eine Hochleistungssportlerin.

Auf der Buchmesse fragt man sie, ob zu ihrem Glück bisher ein Buch gefehlt habe. Das ist eine intelligente Frage, und eine tückische dazu. Sie weicht aus und sagt: "Ich habe bei Olympia zehn Medaillen gewonnen, da kann ich doch schon sehr glücklich sein mit meiner Karriere und meinem Leben."

Es wird sich gut verkaufen

Bisher hatte die Berlinerin sowieso noch keine Zeit, sich mit der mißglückten Schlußvorstellung von Athen auseinanderzusetzen. Seit der Rückkehr verging kein Tag, an dem sich nicht alles um ihr Buch drehte. Das letzte Kapitel, das von Athen handelt, schrieb sie noch im Olympischen Dorf. Dann lief die PR-Maschinerie an, schließlich war der Verkaufsbeginn eine Woche vor der Buchmesse ein perfektes Timing, ökonomisch gesehen - und vielleicht muß man dieses Buch wirklich in erster Linie als Produkt verstehen. Es wird sich gut verkaufen.

Aber der Zeitrahmen der Veröffentlichung ist zugleich seine größte Schwäche. Von Athen als Ausgangspunkt hätte man Franziska van Almsicks faszinierende Geschichte darstellen können, die im Grunde genommen ja vor allem tragische Elemente hat: die Geschichte einer Jahrhundert-Schwimmerin, die immer wieder an sich selbst scheitert. Doch anstatt dieses zentrale Motiv ihrer Laufbahn zu vertiefen, bleibt sie an der Oberfläche, ein Paddeln im Seichten. Selbst bei der - durchaus offenherzigen - Schilderung von Versagensängsten und Eßstörungen, unter denen sie jahrelang litt, sind ihre Beschreibungen merkwürdig unscharf.

Wie das Tagebuch eines Teenagers

Außer diesen Eßstörungen erfährt man in "Aufgetaucht" nichts, was man nicht irgendwo schon gehört oder gelesen hätte. Franziska van Almsick hat keinen "Ghostwriter" verpflichtet, sie hat ihr Buch selbst geschrieben. Vielleicht liegt es daran, daß viele Passagen belanglos sind und manchmal an das Tagebuch eines Teenagers erinnern. Leider hat sie auch niemand davon abgehalten, in einem Kapitel mit einem Boulevardjournalisten, dem Erfinder der Schlagzeile "Franzi van Speck", abzurechnen. Sie sagt, sie habe beim Verfassen dieser Passagen jede Zeile genossen. Beim Lesen stellt sich dieses Gefühl aber nicht ein.

Wie es weitergeht mit Franziska van Almsick und ihrem Leben? Auf diese Frage gibt das Buch kein Antwort. Sie weiß es selbst noch nicht. Es gibt Pläne, eine Art Schwimmschule zu gründen, außerdem will sich die Weltrekordhalterin über 200 Meter Freistil, ihre Strecke, im Modesektor versuchen. Vermutlich wird sie lange brauchen, um an der Seite das Magdeburger Handballstars Stefan Kretzschmar ihr Leben an Land zu ordnen. Das Schwimmen war über ein Jahrzehnt hinweg das Zentrum ihres Daseins, es hat ihm eine Struktur gegeben und den Rhythmus bestimmt.

"Mir graut vor dem, was jetzt kommt", hat sie vor kurzem einmal gesagt. In ihrem Buch erwähnt sie, Boris Becker sei früher ihr Vorbild gewesen. Jetzt, am Ende ihres Weges als Schwimmerin, will sie sich eher an Steffi Graf und deren radikalem Ausstieg orientieren. Das ist nicht das schlechteste Zeichen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.10.2004
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