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Franziska van Almsick 160 Armzüge bis zum goldenen Schlußkapitel

13.08.2004 ·  Franziska van Almsick steht in Athen vor ihrem schwersten Rennen. Ohne olympisches Gold bliebe die Karriere des Schwimmstars unvollendet. Es ist ihr vierter Versuch, und es wird ihr letzter bleiben. Eine weitere Chance gibt es nicht.

Von Gerd Schneider, Athen
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Am Dienstag abend, zwischen halb acht und acht Athener Zeit, wird Franziska van Almsick die letzten Vorbereitungen treffen für ihren großen Auftritt. Die Kamera wird sie noch einmal in Nahaufnahme zeigen, wie sie mit angespannten Gesichtszügen und nach innen gerichtetem Blick kurz ins Publikum winkt. Sie wird, wenn der langgezogene Pfiff ertönt, als letzte der acht Schwimmerinnen auf den Startblock steigen. Das gehört zu ihrem Ritual.

Vor ihr liegen in diesem Moment 200 Meter, vier Bahnen und drei Wenden. Hinter ihr liegen zwei Weltrekorde, zwei Weltmeister- und 18 Europameistertitel, zweite und dritte Plätze bei Olympischen Spielen. Aber das wird in diesem Augenblick nichts zählen. Denn Franziska van Almsick hat das schwerste Rennen ihrer Karriere vor sich. Sie will bei Olympia ihrer erste Goldmedaille erringen. Der Lauf wird darüber entscheiden, ob sie zu einer der großen Figuren des Schwimmens wird. Oder ob ihre Karriere unvollendet bleibt. Es ist ihr vierter Versuch, und es wird ihr letzter bleiben. Eine weitere Chance gibt es nicht.

Das Rennen über 200 Meter Freistil wird, aus deutscher Sicht, einer der aufregendsten Wettkämpfe der Olympischen Spiele von Athen sein. Und die meisten sind sich sicher, daß er auch einer der aufwühlendsten wird. Das Medieninteresse ist gewaltig. Selbst die "Zeit" hat dem Projekt Gold des deutschen Schwimmstars ein mehrseitiges Dossier gewidmet. Die Boulevardzeitungen schießen sich und ihre Leserschaft seit Tagen auf den "Super-Tuesday" ein.

Die Konstellation ist, im Grunde genommen, ganz simpel. Die 26 Jahre alte Berlinerin hält seit der Weltmeisterschaft in Rom 1994 den Weltrekord in dieser Disziplin. Die Zeit, die sie damals schwamm (1:56,78 Minuten), blieb unerreicht bis zum 3. August 2002. An diesem Tag kehrte sie bei den Europameisterschaften von Berlin spektakulär ins Rampenlicht zurück und verbesserte ihre eigene Bestmarke auf 1:56,64 Minuten. Sie geht am Dienstag als große Favoritin in das Rennen; von den Konkurrentinnen könnte ihr vor allem die Engländerin Melanie Marshall gefährlich werden. Trainer Norbert Warnatzsch wird einen Zettel in der Tasche haben, auf dem er vor langer Zeit eine Zahl notiert hat. Es ist die Zeit, die sie in Athen schwimmen soll.

"Wenn sie Gold will", sagt Ralf Beckmann, der Sportdirektor des Deutschen Schwimm-Verbandes, "muß sie einen neuen Weltrekord schwimmen." Ihr Trainer sagt: "Sie hat das drauf." Sie selbst sagt: "Ich habe keine andere Möglichkeit mehr, als Gold zu wollen. Ich versuche es. Wenn es nicht klappt, ist das kein Weltuntergang. Aber ich bin froh, wenn das Rennen vorüber ist. Am liebsten würde ich schon heute nach Hause fahren."

Diese Worte lassen erahnen, wer der größte Gegner Franziska van Almsicks im Olympiabecken von Athen sein wird - sie selbst. Sie sagt zwar, sie habe gar keine Zeit, um zurückzublicken. Dennoch wird sie ihre eigene Vergangenheit begleiten auf diesen 200 Metern. Vor acht Jahren, in Atlanta, war die sportliche Situation ähnlich, das Wunderkind der Spiele von Barcelona, "Franzi von Germany", wie die New York Times titelte, ging als große Favoritin in das Rennen. Sie wurde Zweite, wie schon in Barcelona vier Jahre zuvor. Der Enttäuschung von Atlanta folgte vier Jahre später ein sportliches Desaster. Sie scheiterte über 200 Meter Freistil schon im Halbfinale, mit einer Zeit, die vier Sekunden über ihrem Weltrekord lag. Als sie zurückkam aus Sydney, verhöhnten sie die Boulevardmedien, und alles schien dafür zu sprechen, daß sie ihre Laufbahn beenden würde.

Aber sie kam zurück. Sie brauchte ein paar Monate, um sich von dem "Albtraum Sydney" (Franziska van Almsick) zu erholen. Dann schloß sie sich, Anfang 2001, der Trainingsgruppe von Norbert Warnatzsch an, einem akribischen, sehr direkten Mann, der sie in ihrer Kindheit schon einmal trainiert hatte. Mit ihm entwarf sie den Goldenen Plan, der letztlich nur ein Ziel kannte, den Sieg in Athen, und eine einzige Zwischenetappe, die Europameisterschaften vor zwei Jahren. Alle anderen großen Wettkämpfe, selbst die WM vor einem Jahr in Barcelona, ließ sie aus. Das war ein riskanter Weg, entgegen aller Theorie. Aber die Berlinerin ließ sich nicht beirren. Ihr Weltrekord bei der EM vor zwei Jahren war der beste Beweis dafür, daß das Experiment eben nicht, wie vielfach angenommen, zum Scheitern verurteilt war. Nun heißt es, sie ist so stark wie nie zuvor.

Überhaupt hat sich mit ihr eine Wandlung vollzogen in den vergangenen Jahren. Sie gibt sich gereift, und sie arbeitet mit einer Psychologin zusammen, um den Druck auszuhalten. "Sie kann damit ganz gut umgehen", sagt Antje Buschschulte, die mit ihr zusammen an diesem Samstag in der 4×100-Meter-Freistilstaffel antritt, "ich möchte jedenfalls nicht in ihrer Haut stecken." Wie hart Franziska van Almsick gearbeitet hat in den vergangenen Jahren, sieht man ihrem Körper an. Vielleicht ist das das eigentliche Wunder: daß sie nach all den Jahren den Weg zurück geschafft hat in die Bedingungslosigkeit, die der Schwimmsport den Athleten abverlangt. Trainieren, essen, schlafen, so sieht der Alltag der Schwimmer aus, eine Reduktion auf das Wesentliche. Glamourstar oder Diva, diesen Part hat Franziska van Almsick längst abgelegt. Sie hat ihre öffentlichen Auftritte stark eingeschränkt. Bei Wettkämpfen sah man sie oft mit einem Kopfhörer in der Halle, isoliert und unnahbar, ganz bei sich selbst.

Vielleicht speist sich die Faszination großer Figuren im Sport daraus, daß sie ihren eigenen, ganz persönlichen Weg finden. Sollte Franziska van Almsick in Athen tatsächlich die Goldmedaille gewinnen, wäre es das Schlußkapitel einer Geschichte, die zumindest im deutschen Sport beispiellos ist. Doch zwischen dem Konjunktiv und der Wirklichkeitsform liegen noch 200 Meter und 160 ihrer weichen Armzüge, mit denen sie das Wasser, wie die Schwimmer sagen, "anfaßt". Ob ihr Weg tatsächlich der richtige war, wird man erst am Dienstag wissen, zwischen halb acht und acht.

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