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Frankreich-Rundfahrt Die verwundete Tour

07.07.2010 ·  Stürze, Verletzte und Fränk Schleck als prominentes Opfer: Mancher Radprofi fühlt sich angesichts des Tour-Programms samt Kopfsteinpflaster missbraucht. Ganz nebenbei hat der Italiener Alessandro Petacchi die Mittwochsetappe im Sprint gewonnen.

Von Rainer Seele, Reims
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Fränk Schleck hat die Heimreise nur wenige Stunden nach seinem Sturz angetreten. Mit einem Privatjet wurde er am Dienstagabend von Valenciennes nach Luxemburg geflogen. Und noch in der Nacht lag der Radprofi auf dem Operationstisch. Schleck, der sich das linke Schlüsselbein gleich dreimal gebrochen hatte, wurde eine Metallplatte mit acht Schrauben eingesetzt. Im Radsport geht vieles im Eiltempo, die Versorgung verletzter Rennfahrer eingeschlossen. Abrupt waren auch alle Hoffnungen des Luxemburgers Schleck, zusammen mit seinem Bruder Andy einen Großangriff bei der Tour de France zu starten, zerstört worden.

Es ist eine verwundete Tour, nach wenigen Tagen schon, nicht wenige Rennfahrer tragen an Armen oder Beinen Verbände, einige Profis – wie Schleck – mussten das Peloton bereits verlassen. Andere treten, trotz malträtierter Körper, weiter unverdrossen in die Pedale – der Niederländer Robert Gesink beispielsweise, der einen Ellenbruch erlitt, oder der Amerikaner Tyler Farrar, der sich einen Bruch des Handgelenks zuzog. Das Spektakel, das der Frankreich-Rundfahrt gleich am Anfang einen besonderen Reiz verleihen sollte, forderte seinen Tribut – und die Wut mancher Profis über die überzogenen Herausforderungen schien von Tag zu Tag zu wachsen.

Andy Schleck war am Dienstag zwar mit Hilfe seines Kompagnons Fabian Cancellara heil durchgekommen, er hatte zudem bei der Hatz über das Kopfsteinpflaster im Norden Frankreichs – wie der australische Straßen-Weltmeister Cadel Evans – Konkurrenten wie Alberto Contador und Lance Armstrong ein wenig distanzieren können. Doch das schmerzhafte Ausscheiden seines Bruders dämpfte seine Genugtuung. Strecken wie am Dienstag, lamentierte der Profi vom Team Saxo-Bank, gehörten nicht zu einer Tour de France.

Andy Schleck fühlte sich missbraucht. „Wir sind keine Puppen in einem Theater“, sagte er, „und manchmal muss man sagen: Hey, das ist keine Muppet-Show.“ Die Strategie seiner dänischen Mannschaft, mit einer Doppelspitze gegen Contador, Evans oder Armstrong vorzugehen, wurde am Dienstag durchkreuzt. „Wir müssen das Beste daraus machen“, sagte Andy Schleck, der am Montag in den Ardennen selbst dreimal zu Fall gekommen war und seitdem deutlich gezeichnet ist: „Ich habe nicht mehr viel Haut.“ Andy Schleck behauptete aber auch, nach dem Missgeschick seines Bruders noch motivierter zu sein. Und pathetisch kündigte er an, nun auch für ihn bei der Tour fahren zu wollen.

Zu den Geschlagenen des Dienstags, an dem der Franzose Sylvain Chavanel wegen mehrerer Defekte zurückgefallen war und das Gelbe Trikot damit wieder an den Schweizer Cancellara abgeben musste (der Schweizer verteidigte es beim Sprintersieg des Italieners Alessandro Petacchi am Mittwoch in Reims), zählte auch Lance Armstrong. Auf den Spanier Contador beispielsweise hatte der Texaner einen Rückstand von fast einer Minute. Scheinbar gelassen nahm Armstrong hin, nur eine Nebenrolle gespielt zu haben. „Es gibt Tage, da bist du der Hammer, an anderen der Nagel.“ Er war nun der Nagel, doch Armstrong glaubt, noch zum großen Schlag ausholen zu können. Davon ist auch Dirk Demol überzeugt, einer der Teamchefs bei der amerikanischen Equipe RadioShack. Armstrong werde zurückkommen, sagte Demol, „wir haben ja heute nicht fünf Minuten verloren.“

„Signifikante Untersuchung“ gegen Armstrong

So laviert sich der Velo-Veteran aus den Vereinigten Staaten also vorerst durch seine letzte Tour de France – es sind für ihn tückenreiche Tage, nicht zuletzt abseits des Kurses. Nach den massiven Doping-Vorwürfen von Floyd Landis wird die Front gegen Armstrong offenbar breiter. David Howman, Generaldirektor der Welt-Antidoping-Agentur (Wada), berichtete gerade von einer „signifikanten Untersuchung“. Die Wada hat angeblich sogar den amerikanischen Behörden, die gegen Armstrong ermitteln, geholfen, Kontakte zu Organisationen wie Interpol herzustellen. Die Arbeit, sagte Howman, werde wohl noch viele Wochen dauern. Da könnte Armstrong, um in seiner Sprache zu bleiben, schon wieder ein Nagel sein. In diesem Fall aber würde es ihn weitaus wuchtiger treffen als bei einem Radrennen.

Was sind gegen eine solche Affäre schon ein paar Schürfwunden? Solche Blessuren hatte am Dienstag auch Tony Martin davongetragen, die deutsche Hoffnung, die das Weiße Trikot des besten Jungprofis auf dem Weg nach Arenberg an den Briten Geraint Thomas verlor. „Der Schaden hält sich in Grenzen“, sagte trotzdem Rolf Aldag, der Sportdirektor von Martins Team HTC-Columbia. „Es hätte viel schlimmer kommen können.“ Am Mittwochmorgen beobachtete Aldag offenbar sehr genau das Verhalten von Martin – und was er vor der Fahrt nach Reims sah, schien ihn zuversichtlich zu stimmen. Martin habe sich mit „vier Rühreiern und fünf Pancakes“ gestärkt, erzählte Aldag. Gleich wieder Geschmack an der Tour de France zu finden, dürfte Martin dennoch schwerfallen.

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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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