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Frankfurt-Marathon Mit dem Helfer am Band zum Weltrekord

24.10.2009 ·  Timo Bracht ist Ironman-Europameister. Am Sonntag startet er beim Marathon in Frankfurt - als Begleiter. Die fast blinde Michaela Kummer will mit seiner Hilfe Weltrekord laufen. Die Mutter von zwei Kindern hat aber noch ein anderes Ziel.

Von Alex Westhoff, Frankfurt
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„Vorsicht! Linkskurve – 5, 4, 3, 2, 1, jetzt“, wird Timo Bracht sagen und Michaela Kummer am Unterarm fassen. Und mit leichtem Druck wird er sie dann in die neue Laufrichtung schieben. So haben sie es geübt. Er sei schon ein bisschen nervös, gesteht Bracht. Der Respekt des zweimaligen Ironman-Europameisters vor einem Halbmarathon mag verwundern.

Doch der Triathlon-Profi wird am Sonntag in sensibler Mission unterwegs sein. Die fast blinde Michaela Kummer möchte beim Frankfurt Marathon Weltrekord laufen – in der Klasse „T12“, in der Athleten mit einer Sehfähigkeit von maximal vier Prozent starten. Die 44 Jahre alte Frau aus Calw leidet seit ihrem siebten Lebensjahr an Zapfen-Stäbchen-Dystrophie, einer Erkrankung der Netzhaut, die zur Erblindung führt. Im Moment hat sie eine Sehfähigkeit von zwei Prozent.

„Für mich ist es wichtig, dass ich frei laufen kann und nicht das Gefühl habe, an der Leine zu sein“, sagt Michaela Kummer, die eine Zeit von 3:15 Stunden anpeilt. Im wuseligen Feld mit über 13.000 Läufern auf Frankfurts Straßen wird sie immer mit ihrem Begleitläufer verbunden sein – mit einer Art Schnürsenkel, den sie am Handgelenk trägt. Ihr Mann Oliver wird die ersten 21 Kilometer zu ihrer Rechten laufen, Timo Bracht wird zur zweiten Hälfte übernehmen und den Schnürsenkel um seinen linken Oberarm binden.

„Das ist für die Jungs anstrengender als für mich“

„Wichtig ist, dass Michaela das Gefühl hat: Es kann nichts passieren. Für den Begleitläufer ist das wahnsinnig anstrengend und stressig“, sagt Oliver Kummer. Extreme Aufmerksamkeit sei nötig bei Hindernissen wie Bordsteinen oder im Gedränge an den Verpflegungsstationen. Auch Überholen sei zu zweit Seite an Seite oft nicht einfach. „Das ist für die Jungs anstrengender als für mich“, sagt die 44 Jahre alte Michaela Kummer, die in einem Krankenhaus als Masseurin arbeitet. Die Kummers sind dankbar, dass Bracht, der „schwer begeistert ist über Michaelas Kampfgeist“, als Begleitläufer zugesagt hat. Es sei sehr schwer, dafür Leute zu finden, sagt Hobby-Triathlet Oliver Kummer, der den Profi-Triathleten Bracht bei einem Trainingslager auf Lanzarote kennenlernte.

Einmal, erzählt Kummer, sei er durch die Anstrengung des Begleitservices so entkräftet gewesen, dass er nach zwei Dritteln der Marathondistanz aussteigen musste. Zuvor hatte er jedoch im Läuferfeld herumgefragt, wer das Band und damit auch seine Frau übernehmen könnte. Es fand sich ein freundlicher Österreicher, der Michaela Kummer ins Ziel brachte. „Das war natürlich unglaubliches Glück.“

Durch die Arbeitsteilung scheint nun nicht nur Michaelas Rennen gesichert. Auch der 34 Jahre alte Bracht lernt eine ganz neue Herangehensweise an einen Wettkampf kennen. „Es ist das erste Mal, dass ich bei einem Rennen richtig helfe und dass es sich gedanklich nicht nur um mich dreht“, sagt Bracht, der vor elf Tagen Sechster beim Ironman auf Hawaii wurde und seitdem kaum gelaufen ist.

„3:15 Stunden - das ist ja auch kein Joggingtempo

Michaela Kummer hätte den Weltrekord schon bei ihren ersten drei Marathonstarts geknackt, bei denen sie 3:22, 3:20 und 3:18 Stunden lief. Doch erst jetzt in Frankfurt ist alles rechtmäßig und offiziell angemeldet beim Deutschen Behindertensportverband, inklusive Dopingkontrolle. Dabei geht es der Mutter von zwei Kindern gar nicht so sehr um den Rekord – „es wäre ganz nett, wenn es klappt“. Vielmehr möchte sie darauf aufmerksam machen, dass man trotz eines Handicaps wie ihrem an großen deutschen Stadtmarathons teilnehmen kann, und zwar mit „Freude und Begeisterung und ohne Angst“.

Die Furcht vieler Sehbehinderter, Laufsport zu betreiben, sei noch viel zu groß, sagt Michaela Kummer. Im vergangenen Jahr ist beispielsweise die geplante deutsche Meisterschaft für Blinde und Sehbehinderte in Hamburg mangels Teilnehmern ausgefallen. Timo Bracht hat jedenfalls auch Respekt vor dem schnellen Schritt seiner Laufpartnerin: „3:15 Stunden – das ist ja auch kein Joggingtempo.“ Nicht, dass Michaela Kummer am Sonntagmittag sagen muss: „Noch 500 Meter, noch 400 Meter. Gleich hast du es geschafft, Timo.“

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