26.10.2008 · Beim Frankfurt-Marathon setzte sich die Siegerländerin Sabrina Mockenhaupt durch. Bei den Männern war André Pollmächer der deutsche Lichtblick. Gewonnen hat ein kenianischer Debütant namens Robert Kiprono Cheruiyot - mit Streckenrekord.
Von Claus Dieterle, FrankfurtMit Debütanten ist das so eine Sache: Man weiß nie, wozu sie fähig sind. Beim Frankfurt-Marathon am Sonntag zum Beispiel hat ein Kenianer namens Robert Kiprono Cheruiyot die Fachwelt in Erstaunen versetzt. In 2:07:21 Stunden gewann der große Unbekannte mit Streckenrekord am Main und ließ den Rest der riesigen kenianischen Läufer-Armada mit namhaften Kollegen hinter sich. Darunter William Kiplagat, auf dessen Empfehlung der junge Kenianer, der sein Alter mit 20 Jahren angibt, seine erste Flugreise überhaupt angetreten hatte. Und auf Kosten seines Managers Jos Hermens.
Cheruiyot, der bislang nur zwei Halb-Marathons zu Hause in Kenia bestritten hat, kehrt als reicher Mann zurück. 50.000 Euro hat ihm seine Marathon-Premiere eingetragen, und er kommentierte den Geldsegen in der kenianischen Zurückhaltung mit einem dünnen Lächeln. „Ich bin sehr zufrieden.“
Marathon-Mannschaft mit Miki, Meli und Mocki
Da war Sabrina Mockenhaupt schon wesentlich auskunftsfreudiger. 2:26:22 Stunden sind schließlich persönliche Bestzeit für die Siegerländerin bei ihrem Marathon-Debüt - am Main. Denn sie hat ja ihr Erstlingswerk schon im vergangenen Jahr in Köln hinter sich gebracht. Mit großen Schmerzen. Der zweite Versuch über die 42,1995 Kilometer war zwar auch mit großer Pein verbunden, aber die kam ein gutes Stück später als in Köln. „Am Anfang lief es viel zu unruhig, und auf dem zweiten Teil der Strecke war ich 24 Sekunden langsamer als auf dem ersten. Dafür wird mich mein Trainer schimpfen.“
Die letzten vier Kilometer sei sie froh gewesen, dass der Abstand zu ihrer Kölner Kollegin Melanie Kraus, die in 2:28:20 Stunden Dritte wurde, schon beträchtlich war. „Da war nämlich nix mehr mit Endspurt.“ Es ging nur noch ums Durchkommen. Jetzt steht erst einmal Urlaub an, aber natürlich lotet man schon mal die Perspektiven für die WM 2009 in Berlin aus. Und da spricht Sabrina Mockenhaupt von der Marathon-Mannschaft und den „drei M“ - Miki, Meli und Mocki. „Wir wären schon ein gutes Team.“ Miki, das ist Irina Mikitenko, die beim Berlin-Marathon in 2:19:19 Stunden deutschen Rekord und Jahresweltbestzeit gelaufen ist; Melli, das ist Melanie Kraus; und Mocki, das ist Frau Mockenhaupt höchstselbst. Ein Trio mit echten WM-Perspektiven.
„Ein für deutsche Verhältnisse erstaunliches Debüt“ gab André Pollmächer
Von solchen Aussichten sind die deutschen Herren weit entfernt. Aber in Frankfurt hat der für die Langstrecke zuständige Bundestrainer Detlef Uhlemann endlich einmal wieder Grund zum Strahlen gehabt. Auch das hing in erster Linie mit einer Premiere zusammen. „Ein für deutsche Verhältnisse geradezu erstaunliches Debüt“, sagte Uhlemann zu den 2:14:18 Stunden des 25 Jahren alten Chemnitzers André Pollmächer. Vor allem wenn man bedenkt, dass der derzeit schnellste deutsche 10.000-Meter-Läufer fast ein Jahr mit einem hartnäckigen Knochenmarks-Ödem zu kämpfen hatte und erst im Juli wieder ins Lauftraining eingestiegen ist.
Da verwundert es auch nicht, dass er nach dem Debüt medizinischer Hilfe bedurfte. „Auf den letzten vier Kilometern habe ich doch sehr abgebaut“, sagte Pollmächer nach Platz 18. Er hatte im Zweikampf mit Martin Beckmann (Platz 20 in 2:14:30 Stunden) lange auf Kurs 2:13 Stunden gelegen, exakt die Einzel-Norm für die WM in Berlin. Aber für die Mannschaft bedeutet das Frankfurter Resultat doch einen Hoffnungsschimmer.
Immerhin gibt es jetzt vier Läufer auf einem vernünftigen Niveau
Nach Jahren der laufenden Rückschritte scheint sich in der Szene wieder etwas nach vorne zu bewegen. „So eine Dichte hatten wir schon ewig nicht mehr“, stellt Uhlemann fest, wohlwissend, dass der beste Deutsche, Falk Cierpinski, mit seinen 2:13:30 Stunden von Berlin in der europäischen Rangliste auf Platz 30 rangiert. Und die Europäer spielen im Marathon so gut wie keine Rolle. Aber in Cierpinski, dem Wattenscheider Stefan Koch (2:15:58 in Berlin) und jetzt Pollmächer und Beckmann hat der Bundestrainer erstmals seit etlichen Jahren wieder vier Läufer auf einem für deutsche Verhältnisse vernünftigen Niveau.
Immerhin steht jetzt schon fest, dass der Deutsche Leichtathletik-Verband bei der WM 2009 in Berlin mit einer Marathon-Mannschaft vertreten sein wird. Die Team-Norm (6:52 Stunden Gesamtzeit für die besten drei Läufer) ist seit Sonntag „geknackt“. Vielleicht gibt das noch vor der WM im eigenen Land einen Schub, um rechtzeitig ein Marathon-Projekt Berlin 2009 auf die Beine zu stellen. „Vielleicht ist ja jetzt jemand so begeistert und sagt, ehe ich das Geld im Finanzstrudel verliere, gebe ich es lieber den Marathon-Läufern“, sagt Uhlemann schmunzelnd.
„Ich will auf jeden Fall beim Marathon bleiben“ sagt Pollmächer
Pollmächer hat jetzt, was Berlin angeht, zwei Optionen. Natürlich bleibt es dem schnellsten deutschen 10.000-Meter-Läufer und Europacup-Sieger von 2007 selbst überlassen, ob er sich für die Bahn oder die Straßen entscheidet, aber Uhlemann sagt auf die Frage, was er dem Athleten empfehlen würde: „Ich kann ihm im Sinne einer guten Teamleistung für Berlin eigentlich nur zum Marathon raten, zumal das heute sicher noch längst nicht sein letztes Wort war.“
Und noch eines spricht mehr für Asphalt. Die WM-Norm über 10.000 Meter (27:47 Minuten) liegt acht Sekunden unter seiner persönlichen Bestzeit (27:55). Auch Pollmächer scheint sich trotz der Quälerei von Frankfurt schon festgelegt zu haben. „Ich will auf jeden Fall beim Marathon bleiben. Eine Hausnummer habe ich ja jetzt.“