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Franka Dietzsch im Interview „Gefängnisstrafe für Doper, das wäre das I-Tüpfelchen“

07.08.2006 ·  Diskus-Weltmeisterin Franka Dietzsch spricht im Interview mit der F.A.Z. über Alter, Angst und Alarmglocken. Für die Leichtathletik-EM ist sie optimistisch. Doch sie setzt sich nicht unter Druck: „Ich habe alles geschafft. Alles, was jetzt kommt, wird noch schöner.“

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Diskus-Weltmeisterin Franka Dietzsch spricht im Interview mit der F.A.Z. über Alter, Angst und Alarmglocken. Für die Leichtathletik-EM in Göteborg ist sie optimistisch. Doch sie setzt sich nicht unter Druck: „Ich habe alles geschafft. Alles, was jetzt kommt, wird noch schöner.“

Schön, Sie in Göteborg zu sehen. Aber haben Sie nicht schon alles erreicht?

Ich habe alles geschafft. Alles, was jetzt kommt, wird noch schöner. Ich bin sehr zuversichtlich. Machen wir uns nichts vor: Im letzten Jahr hat kein Mensch mit mir gerechnet, und ich bin Weltmeisterin geworden. In diesem Jahr erwarten alle von mir, daß ich gewinne. Wenn ich das wirklich schaffe, habe ich allen gezeigt, daß ich's kann. Das wäre um so schöner.

Dann geht es mit der Weltmeisterschaft weiter.

Für Osaka 2007 muß ich gar nichts machen; da habe ich eine Wild card. Und China wollte ich mir schon immer mal angucken. Mit Vierzig werden Sie doch aber nicht aufhören wollen. Im Jahr nach den Olympischen Spielen 2008 in Peking ist schließlich Weltmeisterschaft in Berlin. Da werde ich dann ja auch wieder eine Wild card haben! Ich plane von Jahr zu Jahr und brauche eigentlich gar nichts zu machen. Mal sehen.

Ist Leistungssport nicht anstrengend?

Für die anderen vielleicht. Für mich nicht. Seit Málaga bin ich von der Sparkasse freigestellt. Das ist eine Riesenerleichterung. Wir waren in diesem Jahr zweimal für zehn Tage in Portugal, das hat sehr gutgetan. Aber auch mit Arbeit kriege ich das alles ganz gut unter einen Hut. Das Schwierigste war die Hitzewelle der letzten Wochen. Man schläft nicht richtig und regeneriert schlecht.

Wofür tun Sie das: für die Prämien, für den Moment, in dem der Diskus fliegt, oder für den Jubel des Publikums?

Mit dem Sport verdiene ich hauptsächlich mein Geld, da müssen wir uns nichts vormachen. Obwohl der europäische Verband hier keinen Cent Prämien zahlt. Aber es macht auch Spaß, wenn man Höchstleistung im Sport mit nicht mehr ganz zwanzig Jahren bringt.

Wie lange geht das noch? Sie haben Probleme mit den Achillessehnen.

Nichts Gravierendes. Deshalb hatte ich diese Akupunktur-Stifte in den Ohren. Von großen Verletzungen bin ich verschont geblieben; das hängt sicher damit zusammen, daß ich sehr schonend trainiere. Viel Schnickschnack habe ich weggelassen. Ich beschränke mich auf das Wesentliche. Wenn mein Körper sagt, das hier tut weh, dann höre ich sofort auf und lasse ihm einen Tag Ruhe. Dann geht es wieder. Und ich nehme mir in jedem Jahr nach dem Saisonhöhepunkt acht bis zehn Wochen, in denen ich überhaupt nichts mache. Ich ziehe die Turnschuhe aus, stecke sie in die Waschmaschine und ziehe sie erst im Dezember oder Januar wieder an. Das bekommt mir richtig gut.

Sie sind im fünfundzwanzigsten Jahr Leistungssportlerin. Da haben Sie die eine oder andere kommen und gehen sehen, zuletzt Frau Sadowa, mit der Sie sich ein paar Jahre gemessen haben. Nun ist sie wegen Dopings gesperrt, doch die große Dopingdiskussion haben Floyd Landis und Justin Gatlin ausgelöst. Hat Sie das überrascht?

Das liegt sicher daran, daß auch unser Jan Ullrich betroffen ist. Fragen nach seinem Erfolg hat ja schon Lance Armstrong aufgeworfen. Mir macht es gar keinen Spaß mehr, die Tour de France zu verfolgen. Im Sportstudio hat dieser Spanier, Jesús Manzano, beschrieben, wie es mit dem Doping im Radsport aussieht. Natalja Sadowa war ja auch nicht die einzige, sie ist nur eine, die aufgefallen ist, weil in Holland sehr streng kontrolliert wird. Dort sind immer die aufgefallen, von denen wir es schon immer vermutet hatten.

Werfen und Stoßen gilt als besonders dopingverseucht. Ist das so?

Wenn Astrid Kumbernuss und Herr Kollark, mein Trainer, sich dazu äußerten, dann gab es immer Schelte. Aber sie hatten mit jeder ihrer Vermutungen recht. Ich möchte mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, denn ich weiß nicht, wie das ankommt.

Haben Sie Angst?

Man muß schon ein bißchen Obacht geben, wenn man unterwegs ist. Manchmal teilt man bei internationalen Wettkämpfen ein Zimmer mit Sportlern, die man noch nie gesehen hat. Ich will niemandem unterstellen, daß er mir etwas in die Trinkflasche tut oder in die Zahnpasta. Aber in der Disco das Glas stehen lassen und wiederkommen, das ist nicht: entweder austrinken oder nichts trinken.

Wie stehen Sie zu einem Anti-Doping-Gesetz, wie das jetzt viele fordern?

Gefängnisstrafe für Doper, das wäre das I-Tüpfelchen. Da würden auch bei dem letzten die Alarmglocken läuten - deutlicher, als wenn einer nur zwei Jahre aus dem Rennen genommen wird. Von dem ungarischen Hammerwerfer und dem Diskuswerfer, die in Athen 2004 gedopt waren, Fazekas und Annus, höre ich, daß sie die ganzen zwei Jahre ihrer Sperre fleißig trainieren. Die kommen nächstes Jahr wieder - und man weiß nicht, was sie in der ganzen Zeit gemacht haben. Ich bin dafür, daß der Staat sich einschaltet.

Finden Sie es richtig, Athleten auch ohne positive Dopingprobe nicht zu verpflichten, wenn sie einer verdächtigen Trainingsgruppe angehören?

Einem Sportler wird so etwas ja immer anhängen. Ich finde es gut, wie Herr Janetzky vom Istaf das handhabt, indem er verdächtige Trainingsgruppen auslädt. Es wäre noch besser, wenn andere sich dem anschließen würden.

Wenn man Ihre persönliche Bestleistung in Bezug zum Weltrekord setzt, klafft da eine große Differenz.

Sieben Meter: neunundsechzigeinhalb zu 76,80.

Soll man einen Strich drunter ziehen, die Bestleistung von Gabriele Reinsch abhaken und neu anfangen - wie es der Deutsche Leichtathletik-Verband ja diskutieren wollte?

Ich orientiere mich überhaupt nicht am Weltrekord. Ich habe in meinem Leben noch nie, nicht mal bei guten Bedingungen, siebzig Meter geworfen. Wir hatten die Diskussion, ob der Diskus leichter oder schwerer gemacht wird. Ich bin dafür, daß er, wenn man das ändert, ihn so um hundert, zweihundert Gramm schwerer macht. Aber das ist irrelevant. Manchmal fragen Leute von außerhalb des Sports: Du bist jetzt Weltmeisterin, hast du auch den Weltrekord? Das eine hat ja mit dem anderen nichts zu tun.

Sie können ja nicht mal deutschen Rekord werfen!

So ist es. Selbst wenn man anfängt, die Leistungen nach der Wende neu anzuerkennen, kann ich nicht Rekordhalterin werden, denn nach der Wende hat Ilke (Wylluda) schon mal über siebzig Meter geworfen. Ich habe da überhaupt kein Problem mit.

Wäre es nicht schön, Rekordhalterin zu sein?

Na ja, dann stände ich vielleicht in einem Buch als Weltrekordlerin - und wenn es nur für zwei Monate war. Klar wäre das schön. Aber es ist für mich auch okay, nur Weltmeisterin zu sein und nicht den Weltrekord zu halten.

Die Fragen stellte Michael Reinsch.

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