Die Deutschen wählen gerne, ob bei Big-Brother-Staffeln, Deutschland-sucht-den-Superstar-Serien oder Dschungelcamp-Eskapaden. „Und jetzt hat es so etwas eben mal in der Volleyballszene gegeben“, sagt Lars Dinglinger. Der 31 Jahre alte Mittelblocker des Volleyball-Erstligaklubs Wuppertal Titans hat in den letzten Tagen die aufregendste Wahl seines Lebens hinter sich gebracht.
Nach dem 0:3 der Titanen am vergangenen Samstag gegen Aufsteiger TV Rottenburg hatte sich Manager Thorsten Westhoff zu einer außergewöhnlichen Methode durchgerungen. Ohne es vorher mit Trainer Jens Larsen abzustimmen, verkündete der Unternehmensberater, eine Wahl veranstalten zu wollen, „um das störende Glied in der Mannschaft zu entfernen“. Wohlgemerkt keine Zuschauerabstimmung, sondern ein Votum innerhalb des Teams.
„Wir waren zu allem bereit“
Nach einer schlaflosen Nacht versammelten sich die Wuppertaler Spieler am Montagmorgen, um einen aus den eigenen Reihen abzuwählen. Nacheinander verkündete jeder, wer warum nicht mehr zur Mannschaft gehören sollte. „Es blieb bei dieser Aussprache keiner schadlos“, sagt Westhoff. Spieler, Trainer und auch das Management wurden angeklagt. Eine Aussprache, die hinsichtlich ihrer Klarheit nur unter diesen extremen Bedingungen möglich gewesen sei.
Als die Mannschaft schließlich zu fortgeschrittener Stunde alleine beratschlagen durfte, vollzogen die Spieler den späten Schulterschluss und verkündeten: Entweder es gehen alle oder keiner. Nachdem laut Westhoff „für einen kurzen Moment alle vertragslos“ gewesen seien, entschied sich die Vereinsführung schließlich für Letzteres.
Emotionaler Neustart geschafft
War die Verfahrensweise, die bei Extremsituationen in der Wirtschaft angewandt wird, also nichts weiter als ein Bluff, ein Psychotrick? „Nennen Sie es, wie sie wollen“, sagt Manager Westhoff, betont aber: „Wir waren zu allem bereit.“ Tatsächlich erhofften sich die Verantwortlichen wohl die nun eingetretene Entwicklung.
Coach Larsen hatte in der Nacht zuvor davon geträumt, dass das Votum der Mannschaft zu dem bekannten Ergebnis führen und sich das Team nicht selbst zerfleischen würde. Doch was, wenn es anders gekommen wäre? „Wenn die Konsequenz gewesen wäre“, sagt Westhoff provokant, „dass das störende Glied hätte gehen müssen, dann wäre das auch in Ordnung gewesen.“ Trainer Larsen gesteht, dass „wir uns nicht einig waren über diesen Weg“. Doch was jetzt erreicht worden sei, ein emotionaler Neustart, sei zuvor in zwei Jahren nicht gelungen. „Jetzt haben wir es in zwei Tagen geschafft“, sagt Larsen.