21.03.2006 · Der große Renner ist die NFL Europe League noch immer nicht. Dennoch will die Liga, die bis heute vor allem als Datensammelstelle für statistikwütige Klubs aus Amerika dient, weiter expandieren - in Deutschland.
Von Leonhard KazdaTilman Engel ist viel unterwegs dieser Tage. Quer durch die Republik führte den Manager des American-Football-Profiklubs Frankfurt Galaxy die Reise. Die Stationen wollte Engel freilich nicht verraten. Alles ist höchst geheim, denn schließlich geht es um ein Thema, das fast so alt ist wie die europäische Profiliga. Seit Mitte der neunziger Jahre schon raunen sich die Beobachter der Footballszene immer wieder ein Wort zu, von dem eine Art Magie auszugehen scheint: Expansion.
Am Samstag ist die NFL Europe League in ihre neue Saison gestartet, und die Diskussion ist wieder einmal in vollem Gange. Glaubt man dem Frankfurter Manager Engel, dessen Klub am Samstag in Düsseldorf bei Rhein Fire vor 23.000 Zuschauern nur mäßig begeisterten Fans 6:10 verlor, steht die Erweiterung der Liga kurz bevor. "Sicher 2008", sagt Engel, "unter Umständen aber auch schon früher." In den weiteren Spielen verloren am Samstag die Hamburg Sea Devils gegen die Cologne Centurions 10:14, und Berlin Thunder siegte bei den Amsterdam Admirals 33:29.
Der Name ist eine Übertreibung
Engel, der Chef des einstigen Flaggschiffs der Football-Europaliga, Frankfurt Galaxy, bewegt sich bei seinen Reisen quer durch Deutschland und die Welt längst nicht mehr nur in seiner Funktion als Manager des Fünften und damit Vorletzten der zurückliegenden Spielzeit in der NFL Europe. Eigentlich ist der Name der Liga eine Übertreibung, denn bis auf die Amsterdam Admirals ist sie nach etlichen Einschnitten in den vergangenen Jahren, als man in zügiger Reihenfolge die Niederlassungen der Barcelona Dragons und der Scottish Claymores schloß, fest in deutscher Hand, und die Liga ist schon fast so etwas wie eine NFL Germany. Vermutlich auch, um den internationalen Charakter zu wahren, hielt man Holland die Football-Treue.
Doch nun soll die Aufstockung kommen. Daß es abermals nur deutsche Teams sein werden, die zum halben Football-Dutzend stoßen, steht fest. Engel ist für die Liga und deren Eigentümer - das sind die National Football League in Amerika und deren Spielergewerkschaft - inzwischen als Koordinator in deutschen Expansionsfragen unterwegs. Die Städte, die Engel derzeit besonders gerne bereist, worüber er aber offiziell nicht reden mag, sind Leipzig, Stuttgart und Kaiserslautern.
Günstige Zeiten
Sie alle haben eine Gemeinsamkeit, die die Football-Funktionäre bald für sich nutzbar machen wollen: Stadien, die als Schauplätze der bevorstehenden Fußball-Weltmeisterschaft auf einen modernen Stand gebracht wurden. Fünf Betreibergesellschaften von WM-Stadien hätten sich bereits an ihn gewandt, sagt Engel. Die Zeiten, in denen die Großarenen weitere Nutzer suchen, scheinen günstig. So spekulieren die Macher der Europaliga auch mit einen gesteigerten Interesse von Investoren. Neue Teams sollten sich idealerweise selbst finanzieren, indem sie private Träger finden, die die laufenden Kosten ganz oder zumindest teilweise übernehmen - so die Wunschvorstellung der Football-Funktionäre.
Der große Marketing-Renner ist die NFL Europe League freilich bis heute nicht. Was sicher auch an der Fernsehpräsenz liegt. Zwar hat die Liga in diesem Jahr einen Vertrag mit der ARD abgeschlossen, in dem sich das "Erste" die Senderechte für das Finale um den Superbowl, das Endspiel der amerikanischen NFL, sicherte. Von der parallel dazu geäußerten Bereitschaft, auch über die Spieltage der Liga in Bild und Ton zu berichten, war, abgesehen von sporadischen Kurzbeiträgen, wenig zu spüren. Fest steht aber bislang nur der Sendeplatz für das Finale um die World Bowl in der Düsseldorfer LTU-Arena. Das wird der 27. Mai sein. Doch die Aufzeichnung wird erst gesendet, wenn die ARD-Boxgala beendet ist. Und das kann spät werden.
Einmal und nie wieder
Das größte Hindernis auf dem Weg zum Marketing-Renner ist so alt wie die Liga. Jedes Jahr kommen neue Spieler aus Amerika. Kein Team ähnelt auch nur ansatzweise dem, das die Fans im Jahr zuvor gesehen haben. Genaugenommen ist die NFL Europe nichts weiter als eine Art Datensammelstelle für die statistikwütigen NFL-Klubs, die ihre Videoarchive mit immer neuen Bändern über immer neue Talente füllen wollen. Den Weg nach Europa schlagen meist Spieler ein, die in den amerikanischen Profiklubs vermutlich nie eingesetzt würden. Und die wenigsten schaffen dann wirklich den Sprung in ein NFL-Team. So lautet für fast alle das Motto: Einmal NFL Europe und nie wieder.