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Feuer für Rio 2016 : Ein Flüchtling als olympischer Fackelträger

  • Aktualisiert am

Bild: AFP

In Syrien verlor Schwimmer Ibrahim Al Hussein bei einem Bombenangriff seinen halben Unterschenkel. Nun ist der Flüchtling einer der Athleten, die die olympische Fackel nach Rio tragen.

          Ungläubig schaut Ibrahim Al Hussein auf die weiße Aluminium-Fackel, die er in die Höhe reckt. Als das olympische Feuer überspringt, mischen sich maßlose Freude und Rührung in seine Augen. Gleichzeitig wird der zierliche 27-Jährige im Athener Flüchtlingslager „Eleonas“ derart von Journalisten und Fotografen bedrängt, dass er das olympische Feuer nur mühsam voranbringen kann. Es ist der größte Moment seines Lebens, wird er später sagen.

          Ibrahim Al Hussein ist nicht nur einer der rund 12.000 Fackelläufer, die das Feuer von der antiken Sportstätte Olympia bis nach Rio de Janeiro, dem Austragungsort der Spiele 2016 tragen. Der syrische Schwimmer ist auch einer jener vielen Millionen Menschen, die in den vergangenen Jahren auf der Flucht vor Krieg und Terror ihre Heimat verließen und sich auf den Weg nach Europa machten. Dass seine Reise zu den Olympischen Spielen führt, hätte er nie zu träumen gewagt.

          Ibrahims Geschichte spiegelt das Leid der Flüchtlinge eins zu eins. In der ost-syrischen Stadt Deir ez-Zor erlebte er zunächst eine glückliche Jugend; als Sohn eines Schwimm-Trainers drehte sich sein Alltag um Sport. Ibrahim schwamm, spielte Basketball, versuchte sich im Judo. Den Euphrat quasi vor der Haustür, brauchte er nur von der berühmten Hängebrücke der Stadt in die Fluten zu springen. Er wurde Elektriker und verfolgte weiterhin seine Karriere als Schwimmer – bis zum Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges 2011.

          Heute ist die Hängebrücke über dem Euphrat längst von Bomben zerstört. Ibrahim selbst verlor bei einem Bombenangriff seinen rechten Fuß und die Hälfte des Unterschenkels. Er flüchtete; zunächst in die Türkei, dann 2014 von dort aus in einem Schlauchboot zur griechischen Insel Samos. In Athen angekommen, konstruierte ihm ein Arzt kostenlos eine Prothese. Das UN-Flüchtlingshilfswerk unterstützte ihn dabei, Asyl zu beantragen. Über eine griechische Flüchtlingsorganisation schließlich fand er nicht nur eine kleine Wohnung, sondern bald auch Zugang zu Sportvereinen für Behinderte.

          „Ob Syrer, Iraker, Afghanen – wenn ihr Athleten seid, geht raus aus den Camps, arbeitet für eure Träume!“

          Seither arbeitet Ibrahim in einem Café und trainiert in seiner Freizeit hart. „Sein Ziel ist es, seine 50-Meter-Bestmarke wieder zu erreichen“, sagt seine Trainerin Eleni Kokkinou. Es fehlen mittlerweile nur noch weniger als drei Sekunden. Ende Juni wird Ibrahim an den Panhellenischen Schwimmmeisterschaften für Behinderte teilnehmen – und sich dort, so der Plan, die Qualifikation für die Olympischen Spiele sichern. Unterstützung erhält er dabei auch vom Internationalen Olympischen Kommitee. Bereits Ende vergangenen Jahres hatte das IOC die Flüchtlingskrise gemeinsam mit dem UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) zur Chefsache erhoben. Ein Fonds wurde aufgelegt, um Flüchtlingslager mit Sportmöglichkeiten auszustatten; die Athleten unter den Flüchtlingen werden mit Stipendien unterstützt.

          „Solidarität ist ein Kerngedanke Olympias“, sagte Thomas Bach, als er im Januar ankündigte, dass jene Athleten, die sich für Olympia 2016 qualifizieren, unter der Olympischen Flagge ins Stadion einlaufen können. Als Nationalhymne wird ihnen die Olympische Hymne dienen – sofern sie keine Heimat mehr haben, für die sie antreten können.

          Ibrahim selbst hat eine Heimat gefunden – und damit auch eine Hymne und eine Fahne, unter der er schwimmen will. Umringt von den vielen Fotografen, die olympische Fackel fest in der rechten Hand, reckt er immer wieder seine Linke in die Höhe. Am Handgelenk trägt er ein blauweißes Schweißband mit einem Aufdruck der griechischen Fahne. „Ich liebe die Griechen“, ruft er auf Griechisch und küsst das Stück Frottee an seinem Handgelenk. Und auch eine Nachricht für alle anderen Flüchtlinge hat er: „Ob Syrer, Iraker, Afghanen – wenn ihr Athleten seid, geht raus aus den Camps, arbeitet für eure Träume!“

          Ob er sich politisch äußern möchte, wird Ibrahim schließlich gefragt. „Nein, nein, es wäre schön, nicht nach Politik gefragt zu werden“, antwortet er und senkt die Augen. „Ich wünsche mir nur eines: Dass alles gelöst wird in der arabischen Welt – und dass dort Frieden herrscht.“

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