15.06.2005 · Nach dem Wunder von Bern: Sönke Wortmann dreht einen weiteren Fußballfilm. Diesmal begleitet der Regisseur die Nationalmannschaft, auf dem Platz, in der Kabine, im Quartier - vom Confederations Cup bis zur WM.
Eigentlich sind Kameras an „heiligen Orten“ der Nationalelf wie Kabine, Mannschaftsbus oder Teamhotel ein Tabubruch, doch ab sofort sind diese Filmaufnahmen sogar erwünscht. Der Mann, der von morgens bis abends hautnah ran darf an die Stars um Michael Ballack, heißt Sönke Wortmann und ist einer der erfolgreichsten deutschen Filmregisseure. Den WM-Triumph von 1954 hatte Wortmann vor zwei Jahren als „Wunder von Bern“ bereits in die Kinos gebracht. Nun bastelt er an einem Streifen, der den Weg der Nationalmannschaft bis zur WM in einem Jahr als „Wunder von Berlin“ beschreiben soll. Der Confederations Cup ist Test und Anfangsstation: Wie kommen die Spieler damit klar, daß die Kamera stets dabei ist?
Private Bilder und Szenen vom Innenleben des Teams, die bisher die Fans nicht sehen durften, sollen in den Monaten bis zur WM 2006 gesammelt und dann zu einem Film zusammen gesetzt werden. „Wir leben in der Öffentlichkeit, also müssen wir sie auch bedienen“, sagte Teammanager Oliver Bierhoff zum Wortmann-Projekt, das offenbar genau ins Marketing-Gesamtkonzept von Jürgen Klinsmann paßt.
Am besten unsichtbar werden
„Ich hatte schon bei Rudi Völler angefragt. Aber bevor er so richtig eine Antwort geben konnte, war er schon zurückgetreten“, berichtete der Bundesfilmpreis-Träger („Kleine Haie“/1992) von der Vorgeschichte. Anstoß gab ein ähnlicher Film, der die französischen Ball-Zauberer 1998 bei der WM im eigenen Land bis hin zum Titelgewinn dokumentiert. „Das war schon sehr bewegend“, sagte Wortmann, der seit 14 Tagen in die DFB-Delegation eingeordnet ist. Der Filmemacher bekam sogar die offizielle Team-Bekleidung, wohnt im Mannschaftshotel: „Die Sache hat nur einen Sinn, wenn ich im inneren Zirkel dabei bin. Die Hoffnung ist, daß mich die Spieler gar nicht mehr wahrnehmen.“
In der ersten Woche seiner „DFB-Laufbahn“ hatte der Komödien-Spezialist („Der bewegte Mann“/1994) noch auf die Kamera verzichtet. In Belfast beim Länderspiel gegen Nordirland saß er erstmals mit auf der deutschen Bank, nun ist er intimer Confed-Begleiter. „Die Spieler waren neugierig. Manche befürchteten auch, daß wir hier mit fünf Kameras rumspringen“, berichtete er. Inzwischen haben sich Kahn & Co. daran gewöhnt, daß Wortmann die Trainingsübungen aus der Nähe mit einer Mini-Kamera aufnimmt - manchmal sogar auf dem Bauch liegend.
Das letzte Wort haben die Spieler
Der 45jährige weiß, daß es auch Tabus geben dürfte: „Bisher habe ich aber noch nicht mitbekommen, was nicht geht.“ Die Kamera würde wohl ausbleiben, „wenn einer den anderen eins auf die Nase geben würde“. Ob das Projekt verwirklicht wird, soll im Herbst entschieden werden. „Das letzte Wort haben die Spieler. Wenn sie sagen, sie fühlen sich in ihrer Konzentration auf die WM gestört, gehe ich“, unterstrich Wortmann.
Der einstige Zweitliga-Spieler bei Westfalia Herne („Ich hatte immer gehofft, dass mich Bundestrainer Berti Vogts nominiert“) weiß um das Risiko, daß sein Filmprojekt auch vom Erfolg des DFB-Teams abhängig ist. Bei einem WM-Vorrunden-Aus könne er den Film wohl einstampfen, „der würde dann keinen interessieren“. Ein Halbfinal- K.o., „möglichst im Elfmeterschießen - das geht noch.“ Am liebsten wäre Wortmann natürlich der WM-Sieg am 9. Juli 2006 im Olympiastadion - dann hätte der Titel „Wunder von Berlin“ auch seine Berechtigung.