29.04.2007 · Felix Sturm hat mit einem Punktsieg über den Spanier Javier Castillejo zum dritten Mal den WM-Titel im Mittelgewicht erobert. Dass er dabei im Rückwärtsgang boxte, schmälert seinen Erfolg nicht, meint Hans-Joachim Leyenberg.
Von Hans-Joachim Leyenberg, OberhausenEin Fragesteller aus dem Land des Gegners lockte Felix Sturm aus der Reserve, aber er brachte ihn nicht aus der Fassung. „Wie kann es sein, dass einer, der wegläuft, Weltmeister werden kann?“ hatte sich Sturm von einem Spanier anhören müssen. Die zweite Stunde des Sonntags war angebrochen, und es kam zum Disput, was denn nun unter Boxen zu verstehen sei. Die Punktrichter hatten sich zuvor einstimmig für die Strategie und Umsetzung des Herausforderers Sturm entschieden. Damit war Javier Castillejo, der WBA-Weltmeister im Mittelgewicht, entthront, Sturm zum dritten Mal in seiner Karriere ganz oben.
„Im Rückwärtsgang boxen heißt Boxen zelebrieren, nicht einfach auf den Sandsack hauen“, beschied Sturm den Kritikaster. Und berief sich auf „The Pretty Boy“ Floyd Mayweather Jr. als Kronzeugen seiner These. Der Amerikaner, Titelträger in vier verschiedenen Gewichtsklassen, trifft in der Nacht vom 5. auf den 6. Mai in Las Vegas auf „Golden Boy“ Oscar de la Hoya. Sturm, liebend gern schön und vergoldet zugleich, hätte, wenn es um Beispiele geht, im Lande bleiben können, nur ein paar Hausnummern kleiner: Sven Ottke wurde im Rückwärtsgang Weltmeister, Henry Maske ebenfalls.
Ottke und Maske haben sich nie im Ausland blicken lassen
In der Vergangenheit hat es den Beau Sturm bisweilen in den Fäusten gejuckt, Widersacher seine Gaben spüren zu lassen, sie vorzuführen, zu deklassieren. Im Vertrauen auf seine Reflexe keinen Zentimeter zurückzuweichen, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Äußerst reizvoll für einen Macho im Ring. Das ist im Sommer des Vorjahres gründlich schiefgegangen, als er diesem Castillejo in Hamburg durch K.o. unterlag. Seitdem hat Sturm einen Aufbaukampf bestritten, ehe ihm Promoter Klaus-Peter Kohl wieder zum Duell mit dem Spanier verhalf. Vorausschauend hatte Kohl sich schon vor dem ersten Kräftemessen die Option gesichert, im Falle einer Niederlage Sturms Castillejo im Rahmen seiner Veranstaltungen zum Zuge kommen zu lassen. Das erklärt die milde öffentliche Reaktion der Spanier auf das tendenziell zu deutlich ausgefallene Votum der Juroren am Ring.
Wenn die Kampfsportart Boxen durch die kopfgesteuerte Strategie entschieden wird - Trainer werden nicht müde, das immer und immer wieder zu betonen -, dann gilt das auch für die Punktrichter. Heimurteile sind dort an der Tagesordnung. Deshalb haben sich Ottke wie Maske nie im Ausland blicken lassen, sobald sie den WM-Titel hatten. Und Regina Halmich verlor ein einziges Mal in ihrer Laufbahn - in den Vereinigten Staaten. „Zwischen uns steht es jetzt 1:1“, so machte sich Castillejo am frühen Sonntag für ein drittes Treffen stark, ergänzte den Wunsch allerdings um ein Detail: Aber bitte in Spanien!
„Jetzt geht es um Intelligenz“
Ein Stratege wie Kohl wird sich nicht darauf einlassen. Seinen einstigen WBO-Titel verteidigte Sturm vor knapp drei Jahren in Las Vegas, dominierte den Fight mit de la Hoya, aber die amerikanischen Punktrichter hielten es mit dem prominenten Landsmann. Im aktuellen Fall war Felix Sturm fixer auf den Beinen und schneller mit den Fäusten als Javier Castillejo, „der Lux aus Parla“. Allerdings bedurfte es einer Reihe von Souffleuren, die ihren Felix immer wieder ermahnten, an seiner Linie festzuhalten. Trainerfuchs Michael Timm forderte immer wieder, „schlau“ zu boxen, sich dem Infight zu entziehen.
„Jetzt geht es um Intelligenz“, packte er den Sohn bosnischer Eltern gar an der Ehre. Castillejo, mit 39 Jahren ein gutes Jahrzehnt älter und abgebrühter als Sturm, überließ der Deutsche die Rolle des unermüdlichen Angreifers. „Ich lockte ihn, um ihn abzukontern. Nicht die Vielzahl der Schläge, die klaren Treffer sind ausschlaggebend“, erläuterte Sturm seine Selbstbeschränkung auf das, was er am besten kann.
Weiterhin mit Köpfchen boxen
Wie anhaltend der Lernprozess ist, muss die Zukunft weisen. Der neue Weltmeister ist ein Mann mit Sturm und Drang. Irgendwann wird ihn das Verlangen heimsuchen, den Gegner bloßzustellen, dem Publikum eine Show zu bieten, die immer ankommt. „Die Versuchung ist nicht so groß“, beruhigte der geläuterte, gereifte Sturm Skeptiker, ehe er einen Satz folgen ließ, der das Gesagte umgehend relativierte: „Ich bin kein Mike Tyson, ich habe mich damit abgefunden.“
Also keiner, der alles mit einem einzigen Schlag klärt, aber von Fall zu Fall genau damit liebend gern Pluspunkte beim Publikum sammeln würde. Immer dann schlägt die Stunde des Trainerfuchses Michael Timm, der den Spielverderber gibt. „Wenn er weiterhin mit Köpfchen boxt, wird er lange Weltmeister sein“, prophezeit Timm. Vorausgesetzt, der Musterschüler hört im Nachhilfeunterricht gut hin.