30.07.2010 · Felix Sturm hat sich seine Freiheit teuer erkauft - und dem Boxstall Universum wohl den K.-o.-Schlag verpasst. Nach 26 Jahren gehen dort die Lichter aus. Sturm selbst steigt nach 14 Monaten Pause wieder in den Ring. Es geht um alles oder nichts.
Von Arne LeyenbergFelix Sturm geht in Deckung. Nein, da mache er nicht mit, sagt der Boxer. Die Anfrage des örtlichen Boulevardblattes, ihn vor seinem nächsten Kampf die Nummerngirls auswählen zu lassen, lehnt der Weltmeister ab. „Ich will als Boxer wahrgenommen werden, nicht als Clown“, sagt Sturm. Es sind ihm nicht alle Mittel recht, damit die Halle voll wird bei seiner Rückkehr in den Boxring nach 14 Monaten Pause - der längsten in seinem Sportlerleben. Dabei zählt es jetzt. Zum ersten Mal wird der Weltmeister im Mittelgewicht am 4. September als Hauptkämpfer und Veranstalter auftreten, er trägt das sportliche wie das finanzielle
Risiko. „Alles oder nichts“, sagt Sturm. „Das wird der wichtigste Kampf meines Lebens.“ Im vergangenen Jahr kündigte er seinen Vertrag bei der Hamburger Universum Box-Promotion, die ihn 2001 zum Profi und zwei Jahre später erstmals zum Weltmeister gemacht hatte. Jetzt boxt er auf eigene Faust. „Ich kann mich endlich selbst verwirklichen“, sagt der 31 Jahre alte Sturm, der sich seine neue Freiheit aber teuer erkaufen musste. Universum-Boss Klaus-Peter Kohl pochte auf eine Vertragsverlängerung per einseitiger Option, der Boxer klagte dagegen. Sturm musste sich schließlich freikaufen, mehr als eine Million Euro dürfte es ihn gekostet haben.
Eine weitere Zahlung auf dem Weg der Selbstverwirklichung. Für rund 350.000 Euro ließ er zuvor schon das Kölner Fitnessstudio seines Managers Roland Bebak zu seinem privaten Gym umbauen, für sein Comeback in der Kölnarena muss er für alles in Vorleistung treten: von der Hallenmiete über die Werbung bis hin zur Börse des Gegners. Den Kampf gegen Giovanni Lorenzo aus der Dominikanischen Republik konnte er zwar an den Fernsehsender Sat.1 verkaufen. „Aber bei diesem Kampf geht es nicht darum, Geld zu verdienen. Die erste Veranstaltung ist unsere Visitenkarte“, sagt Manager Bebak. Einem glänzenden Debüt soll eine glanzvolle Zukunft folgen.
„Alles tolle Boxer“ - aber kein Sturm oder Klitschko
Seinem früheren Arbeitgeber verpasste Sturm mit seinem Weggang wohl den K.-o.-Schlag. Am Samstag veranstaltet Universum zum letzten Mal im ZDF, der gut dotierte Vertrag wurde von den Mainzer Fernsehmachern nicht verlängert. Nach 26 Jahren scheinen im hohen Norden die Lichter auszugehen. Der smarte Sturm wäre ein Faustpfand für die Hamburger gewesen im Poker um einen neuen Fernsehvertrag.
Ohne den Leverkusener sind die erfolgreichsten Boxer der Hamburger der frühere Weltmeister Ruslan Chagaev, die amtierenden Titelträger Jürgen Brähmer und Susi Kentikian und der Interims-Weltmeister Sebastian Zbik aus Schwerin, der als Hauptkämpfer der Abschiedsvorstellung am Samstag auf den Argentinier Jorge Sebastian Heiland trifft. „Alles tolle Boxer“, sagt der abtrünnige Sturm. Aber eben kein Felix Sturm, neben den Gebrüdern Klitschko und Arthur Abraham der prominenteste Faustkämpfer Deutschlands. Einer, den man seit seinem Auftritt gegen Boxlegende Oscar De La Hoya, als er 2004 in Las Vegas um den Sieg betrogen wurde, auch in den Vereinigten Staaten kennt.
„An mir alleine lag es nicht“, sagt Sturm zum Niedergang Universums. „Es wäre ja fahrlässig gewesen, einen ganzen Boxstall nur von einem Boxer abhängig zu machen.“ Promoter Kohl hat seinen fest angestellten Mitarbeitern zum 31. Juli gekündigt, die Boxer und Trainer bleiben als selbständige Unternehmer im Dienst des Boxstalls. Sie sollen ihre Titel wohl künftig als Gastboxer in Übersee verteidigen, Kampfabende in Deutschland gibt es vorerst keine mehr.
Manager Bebak: „Hier dreht sich alles um Felix“
Über Fehler Universums, die zum Ende führten, darf Sturm nicht reden, das ist Bestandteil des vor Gericht geschlossenen Vergleichs. „Es ist schade für Universum“, sagt Sturm. „Aber meine Selbständigkeit war die richtige Entscheidung. Ich habe jetzt Ruhe im Kopf.“ Denn seiner Kündigung vorausgegangen waren erhebliche atmosphärische Störungen zwischen Hamburg und Köln. Sturm fühlte sich zeitweise schlecht behandelt. Für einen Boxer, der sich - das zeichnet alle erfolgreichen Faustkämpfer aus - für den besten der Welt hält, dachte Kohl in zu kleinen Dimensionen.
Bei Sturms jüngstem Kampf im September vergangenen Jahres am Nürburgring im Rahmen des Formel-1-Wochenendes sollte es keine VIP-Party geben - obwohl Bernie Ecclestone, Flavio Briatore, Michael Schumacher und Lukas Podolski im Publikum saßen. Der Boxer griff schließlich in die eigene Tasche. Wo er schon mal dabei war, dachte sich Sturm wohl, kann er künftig auch alles alleine machen. Sechs Angestellte kümmern sich nun bei der Sturm Box-Promotion um den Star. „Hier dreht sich alles um Felix“, sagt Manager Bebak, Geschäftsführer des neu gegründeten Unternehmens. In dem modernen, großzügigen Gym in der Kölner Südstadt trainiert Sturm alleine mit ein paar Vertrauten, jedes Trainingsgerät ziert sein Schriftzug - Maßanfertigung.
„Es gibt Parallelen zu den Klitschkos“
Im Hamburger Universum-Gym war Sturm einer von vielen. Wie einst die Klitschkos, die Universum 2004 verließen - auch sie trafen sich mit Kohl vor Gericht wieder. Die Brüder vermarkten sich seitdem selbst, mit großem Erfolg. „Es gibt Parallelen zu den Klitschkos“, sagt Sturm, „aber sie hatten es einfacher als ich. Sie sind Schwergewichtler und Brüder. Ich bin ganz auf mich allein gestellt.“ Für sein Comeback lässt sich Sturm immerhin von Witali Klitschkos Trainer Fritz Sdunek fit machen.
Auch er stand bei Universum unter Vertrag, dann gab der Boxstall bekannt, der Trainer müsse sich nach Krebserkrankung und Herzinfarkt um seine Gesundheit und nicht mehr um die Boxer kümmern. Sdunek dagegen sagt, er sei fit - nun arbeitet er eben mit Klitschko und Sturm weiter. „Es ist ein Glücksfall, dass er sich von Universum getrennt hat“, sagt Sturm. Aber Sdunek ist auch einer, der neu integriert werden muss in die verschworene Gemeinschaft der wenigen Sturm-Vertrauten.
„Jetzt kommen meine besten Jahre“
„Ado“ rufen sie ihren Felix, als wäre es ein Beweis dafür, dass sie keine Schulterklopfer sind, die mit dem Erfolg in das Leben des Boxers getreten sind. Adnan Catic steht schließlich im Pass des Sohnes bosnischer Einwanderer aus Leverkusen, den Künstlernamen Felix Sturm verpasste er sich mit dem Wechsel ins Lager der Berufsboxer. Obwohl er es nicht sagt, oder nicht sagen darf, macht Sturm Universum auch dafür verantwortlich, dass seinem tollen Kampf gegen De La Hoya keine Auftritte mehr gegen die Branchengrößen aus Übersee folgten.
Statt gegen die Amerikaner Kelly Pavlik oder Bernard Hopkins musste Sturm gegen Herausforderer Koji Sato (Japan), Jamie Pittman (Australien) oder die Greifswalder Lokalgröße Sebastian Sylvester ran. Allesamt nicht in Sturms Klasse. „Ich war immer bereit für die großen Kämpfe, an mir lag es nicht“, sagt Sturm. Amerika bleibt sein Ziel. „Jetzt kommen meine besten Jahre“, sagt Sturm. Sportlich, meint er, aber es könnte sich künftig auch finanziell ganz anders lohnen - jetzt, wo kein Promoter mehr an ihm verdient.
„Ich gehe jetzt mit noch größerer Motivation in den Ring“
13 Kilogramm hatte Sturm seit seinem letzten Auftritt im Ring zugelegt. Bei alldem Stress um die Kündigung und dem folgenden Rechtsstreit sowie der Geburt seines Sohnes Mahir im Oktober reichte es abends manchmal nur für den Drive-In-Schalter eines Schnellrestaurants. Acht Kilo hat er schon abtrainiert, sechseinhalb Wochen Zeit hat er noch für weitere fünf, um das Gewichtslimit von 72 Kilogramm zu bringen. „Die Pause hat mir gutgetan“, sagt Sturm. „Ich gehe jetzt mit noch größerer Motivation in den Ring.“
Der Boxer zieht gerade von Leverkusen nach Köln um. Sein Manager träumt schon davon, dass Sturm ein kölsches Original wird, so wie es Lukas Podolski ist, ein guter Kumpel des Boxers. „Die Leute sollen sagen, dat is' unser Felix, dat is' unser Jung“, sagt Bebak. Am 4. September wollen sie den Anfang machen. Auf eigene Faust.