Home
http://www.faz.net/-gub-73m8t
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Felix Baumgartner Zwischen Himmel und Hölle

 ·  Felix Baumgartner durchbricht als erster Mensch im freien Fall und ohne technische Hilfsmittel die Schallmauer. Mit seinem spektakulären Sprung aus rund 39.000 Metern Höhe verbessert der österreichische Extremsportler zwei weitere Rekorde.

Artikel Bilder (1) Bildergalerie Video (1) Lesermeinungen (57)
© dapd Bildergalerie: Aufwärts mit Ballon, abwärts im freien Fall

Und dann hebt der Ballon wirklich ab. Lange hatten sie gewartet, mehrmals den Start verschoben wegen aufziehenden Windes. Jetzt, um 9.30 Uhr Ortszeit, 17.30 Uhr europäischer Sommerzeit, ist es so weit: In Roswell steigt der schmale Heliumballon mit der Kapsel in die Höhe. Felix Baumgartner, der Österreicher, der zwischen Himmel und Erde Rekorde brechen will, hatte kurz zuvor gesagt, er sei „ausgeruht und bereit zum Start“. Dem Aufstieg mit dem Ballon, für den gut zwei Stunden kalkuliert waren, soll nichts entgegenstehen: Der Himmel ist an diesem Tag frei von allen anderen Flugkörpern, Vögel ausgenommen.

Felix Baumgartner schaut auf seine Checkliste, die an einem Fenster hängt. Wenn er hinausschaut, sieht er die Erde, die sich zu drehen scheint, weil sich die Kapsel dreht. Die Erde krümmt sich immer mehr, weil er ihr langsam entrückt.

In jeder Hinsicht Druck

Ständig ist er in Kontakt mit Joe Kittinger, der in der Kommandozentrale sitzt. Kittinger, 84 Jahre alt, hat vor 52 Jahren, am 16. August 1960, aus einer Höhe von 31 332 Metern drei Weltrekorde aufgestellt, die noch immer gelten: höchste Ballonfahrt mit offener Gondel, höchste Geschwindigkeit eines Menschen ohne besondere Schutzhülle, längster Fallschirmsprung eines Menschen. Zumindest die beiden letzten Rekorde könnte Baumgartner brechen an diesem schönen Tag. Und noch eine Reminiszenz erlaubt sich der Sponsor „Red Bull“: Genau vor 65 Jahren, am 14. Oktober 1947, hatte der Pilot Chuck Yeager mit einem experimentellen Raketenflugzeug als erster Mensch überhaupt Überschallgeschwindigkeit erreicht. Genau das will nun auch Baumgartner schaffen, aber ohne Flugzeug.

In dieser Kapsel herrscht also in jeder Hinsicht Druck. Die Stimme von Felix, wie Kittinger ihn nur nennt, klingt etwas unsicher. Oder ist es nur die Entfernung? Die verzerrte Funkübertragung? Die Angst, in der Aufregung die falschen Daten abzulesen und auf die Erde zu melden? „Bitte wiederholen“, mahnt Kittinger einmal. Und Felix wiederholt es. Einmal meint Kittinger erleichtert: „Roger, roger, roger, jawohl!“ Jetzt geht es zwei Stunden lang nach oben, ganz ruhig, ohne Turbulenzen. So sanft ist wohl noch nie ein Abenteurer in die Stratosphäre aufgestiegen.

Video: Baumgartner durchbricht beim Sprung aus der Stratosphäre die Schallmauer

Felix Baumgartner, 43 Jahre alt, aus Österreich, ist schon aus 21 800 Metern und aus 29 600 Metern herabgesprungen, zum Test. Jetzt will er noch höher hinaus. Das Ziel liegt 36 Kilometer über der Erde. „Good job“, sagt Joe. Der Ballon driftet, während er aufsteigt, Baumgartner atmet reinen Sauerstoff, fast 10 000 Meter, dann bricht die Übertragung auf der Website zusammen, vielleicht unter den Datenmassen all der perfekten Bilder. Aber n-tv bleibt live dran.

Joe Kittinger arbeitet die Checklisten ab. Ob das Messer zum Abschneiden des Fallschirms im Notfall an der richtigen Stelle ist, wie er die Sauerstoffschläuche zu verstauen hat, wie er die Nabelschnur löst, wie er auf die Schwelle tritt. „O.K., Felix, das war die Checkliste. Hast Du noch irgendwelche Fragen?“ Ein rotes Licht leuchtet, es scheint Probleme mit der Belüftung seines Visiers zu geben, dann sieht man nur noch die „Mission Control“. Baumgartners Mutter Eva wird eingeblendet, sie lacht. Angeblich ist sie zum ersten Mal außerhalb Europas - noch eine Grenze also, die hiermit überschritten worden ist.

Eisernes Gesicht - die Mutter weint

Da der erste Ballon bei einem vorherigen Versuch beschädigt worden war, ist das hier der letzte. Einen weiteren zu besorgen wäre aufwendig und würde wochenlang dauern. Auch das wird den Druck in der Kapsel erhöhen. Auch all die Checks erhöhen die Spannung. Dabei sollen sie Felix Baumgartner wahrscheinlich davon abhalten, in diesem Moment wirklich existentielle Fragen zu stellen.

Aus einem Hubschrauber wird die Kapsel gefilmt, die schon jenseits von 20.000 Metern ist. Eine Rückblende zeigt, wie sie am Morgen das Helium im Tanklastzug brachten, wie Baumgartner schon vor drei Uhr morgens Ortszeit zum Startplatz kam, zeigt sein eisernes Gesicht, als er festgeschnallt und gesichert wird. Beim Start wird wieder die Mutter gezeigt, wie sie weint und die Hand vor die Sonne hält.

Bildergalerie: Aufwärts mit Ballon, abwärts im freien Fall

Jetzt sind es 21 Kilometer, draußen ist es schon minus 56 Grad kalt. Der Ballon, zuerst schmal wie eine Zigarre, wird jetzt rundlicher, das Helium dehnt sich aus, weil der Luftdruck nachlässt. Wenn Felix Baumgartner jetzt nach oben schauen würde und nicht immer nur auf die Checklisten, die seinen Blick einschränken, sähe er nicht mehr einen blauen, sondern einen schwarzen Himmel. Er hantiert aber nun mit einem kleinen Spiegel, mit dem er hinter sich schauen kann.

„Helden tragen keine Windeln“

Auf mehr als 23 500 Metern. Der Ballon, jetzt durch die Infrarotkamera eines Hubschraubers zu sehen, wirkt wie eine getrocknete Frucht. Die Kommentatoren schweigen. Baumgartner haucht sein Visier an und schaut, ob die Belüftung nun doch funktioniert. Die Scheibe sieht beschlagen aus. Auf dieser Höhe, 26.000 Meter, sind normalerweise gerade noch Spionageflugzeuge unterwegs. Die Kapsel steigt jetzt langsamer auf, die Windgeschwindigkeit verringert sich, der Ballon wird nicht mehr weggetrieben vom Startplatz, höchstens 50 Kilometer entfernt soll er landen. Felix Baumgartner reckt gleich zwei Mal den Daumen, als ob er sich selbst Mut zusprechen wollte. Der Luftdruck sinkt auf drei Millibar, das ist nicht mehr viel. Die Temperatur ist nur noch bei minus 34 Grad, in der Stratosphäre wird es wieder etwas wärmer. Die n-tv-Kommentatoren erläutern, dass er ein Kondom zur Entleerung trägt, aber keine Windel. Denn der Held habe gesagt: „Helden tragen keine Windeln.“

36.000 Meter. Ruhe in der Kapsel. Der untere Teil des Visiers ist noch beschlagen. Der Ballon hat die Form eines Granatapfels. 37.000 Meter, der Ballon ist wie zum Zerplatzen gespannt. 38.000 Meter. Und wieder eine Checkliste: Den Druck aus dem Anzug nehmen - Prüfe die Hebel für alle vier Fallschirme - Prüfe den Türöffnungsmechanismus - Prüfe den Handwärmer - Aktiviere die Anzug- und Brustcontainerkamera - Schiebe den Monitor auf Ausstiegsposition - Schließe Ventil und Reißverschlüsse an der Tasche - Schließe die Sauerstoffventile - Zieh den Versorgungsschlauch ab - Stell die Visierheizung auf volle Kraft - Prüfe die Dichtigkeit des Helms - Fahre den Sitz nach vorn - Baue den Druck in der Kapsel ab - Bestätige, dass der Druckanzug aufgefüllt ist - Entferne und verstaue die Entlüftungsschläuche des Druckanzugs - Noch mehr Druck aus der Kapsel nehmen, so dass wir die Tür öffnen können - Für den vollständigen Ausgleich mehr Druck abbauen - Roll die Tür zur Seite und betätige die Sperre - Schiebe den Sitz nach hinten - Lege die Beine auf die Schwelle - Löse den Sitzgurt - Fahre weiter mit dem Sitz nach vorne - Bisschen weiter nach vorne.

Als als erster Mensch im freien Fall die Schallmauer durchbrochen

Auf 39 Kilometern Höhe endlich ein paar Worte von Baumgartner. „Das ist wirklich sehr, sehr hoch. Jetzt komm ich zurück zu dir, du kleine Welt.“ Er springt. Die Mutter reißt die Arme in die Höhe und rauft sich die Haare. Eine graue Infrarotfigur fällt und durchbricht als erster Mensch im freien Fall die Schallmauer. Er schwebt dort oben. Es rauscht nicht, wo fast ein Vakuum herrscht. Wo keine Moleküle sind, ist kein Fahrtwind. Dann kommt Felix Baumgartner in dichtere Schichten. Plötzlich ein Ruck, der Schirm geht auf, sehr früh. Die Mutter am Boden hält sich die Hände vor den Mund. Sanft schwebt ihr Sohn auf die Erde zu und landet um 12.15 Uhr Ortszeit, 20.15 Uhr mitteleuropäischer Zeit.

Der höchste Absprung (nach Angaben des Veranstalters 39. 045 Meter), die größte Geschwindigkeit, die im freien Fall erreicht wurde (1342,8 Kilometer pro Stunde), der längste freie Fall (36.529 Meter): drei Rekorde mit einem Sprung.

Auch die Kapsel sinkt der Erde entgegen. Felix Baumgartner wird aus seinem schweren Anzug geschält. Eine Kamera steht schon bereit. Und ein Mikrofon hängt schon bedrohlich über seinem Kopf. „Ich habe absolut keine Ahnung“, meint Baumgartner, „ob ich Überschall geflogen bin.“ Dass er bei seinem Sprung ins Trudeln kam, hatte er bemerkt: „Ich habe kurz gedacht, ich verliere das Bewusstsein.“ Und er berichtete, er habe sich durchgesetzt und sei wirklich gesprungen, trotz der Schwierigkeiten mit der Visierheizung: „Das war die richtige Entscheidung.“ Die Pressekonferenz, bei der er später den Satz  “„Manchmal musst du weit hinauf gehen, um zu sehen,
wie klein du eigentlich bist“ sagen wird, beginnt er später mit den Worten: „Könnte ich ein Wasser haben?“

(======================= Linkliste =======================)

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

Jüngste Beiträge

Vorbei an Ronaldo

Von Peter Penders

Ein Dortmunder stand in dieser Saison in der Champions League in allen Spielen von An- bis Abpfiff auf dem Platz und wird noch einen weiteren Rekord aufstellen. Der Bundestrainer ist darüber wohl am meisten verblüfft - oder erleichtert. Mehr 4

Ergebnisse, Tabellen und Statistik