Home
http://www.faz.net/-gub-168rd
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fed-Cup-Spielerin Andrea Petkovic Den Druck auf das Team verteilen

24.04.2010 ·  Andrea Petkovic ist an diesem Wochenende die Spitzenkraft im deutschen Fed-Cup-Team, das im Relegationsspiel gegen Frankreich antreten muss. Schlagfertig zeigt sich die Darmstädterin nicht nur beim Tennisspiel.

Von Thomas Klemm, Frankfurt
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Schon wieder steht sie im Mittelpunkt. Schon wieder ist sie die Frontfrau im deutschen Tennis, und schon wieder werden von ihr nicht nur aufmunternde Worte erwartet, sondern außergewöhnliche Taten. Andrea Petkovic weiß um den erhöhten Druck, der beim Fed-Cup-Relegationsspiel gegen Frankreich an diesem Wochenende auf ihr lastet, und sie versucht, ihre herausragende Stellung mit einer Selbstverständlichkeit anzunehmen, die ihr beim ersten Mal vor zweieinhalb Monaten noch völlig fremd war.

Anfang Februar, als die Darmstädterin beim Erstrundenspiel in Brünn nicht nur ihr Fed-Cup-Debüt als Einzelspielerin, sondern auch gleich als deutsche Spitzenkraft gab, stand ihr die Versagensangst ins Gesicht geschrieben. Als deutsche Nummer eins verlor sie ihre beiden Einzel, vor allem aber scheiterte sie an der Führungsrolle.

Heimspiel in Frankfurt

Sie habe sich mit den Fehlern, die sie in Tschechien auf und neben dem Platz gemacht habe, auseinandergesetzt, sagt Andrea Petkovic: „Ich habe damals den ganzen Druck, der auf dem Fed Cup lastet, auf mich genommen.“ Nach Wochen der inneren Einkehr, in denen sie sich ganz auf den Sport konzentriert habe, sei sie zu dem Schluss gekommen: „Der Druck lastet nicht auf mir, sondern auf dem ganzen Team.“

Wenn die auf Weltranglistenposition 49 eingestufte Deutsche an diesem Samstag zum ersten Einzel gegen die 46 Plätze tiefer eingestufte Französin Pauline Parmentier aufschlägt, wird sie sich ihrer herausgehobenen Stellung besonders bewusst werden; und das nicht nur, weil die Darmstädterin im dreißig Kilometer entfernten Frankfurt ein Heimspiel hat. Beseelt vom Teamgeist, behauptet Andrea Petkovic zwar, bei den deutschen Damen sei die „Nummer eins genauso wichtig wie die Nummer vier“.

Schlagfertig nicht nur beim Tennis

Aber ihre derzeit verletzte Kollegin Anna-Lena Grönefeld weiß aus langjähriger Erfahrung, dass man als Spitzenkraft nicht nur in der Öffentlichkeit anders wahrgenommen wird als der Rest des Teams: „Vielleicht denkt die eine oder andere Mitspielerin, die Nummer eins macht das schon“, sagt die Nordhornerin, die wegen eines Mittelfußbruchs beim Abstiegskampf gegen die Auswahl Frankreichs (von 13 Uhr an unter www.tennislive.tv) zum Zuschauen gezwungen ist.

Wie im Februar gegen Tschechien, so ist Andrea Petkovic die Ausnahmestellung auch in Frankfurt quasi über Nacht zugefallen. Als Meinungsführerin unter den deutschen Damen gilt die gewitzte Zweiundzwanzigjährige, die sich nicht nur beim Tennisspiel schlagfertig zeigt, schon seit einiger Zeit; bei öffentlichen Auftritten, in ihren Kolumnen für die F.A.Z. oder im Videoblog auf ihrer Internetseite äußert sich die Studentin der Politikwissenschaft zum Tennis und zu diesem und jenem Thema.

Kampf um Verbleib in der Weltgruppe I

Sportlich resultiert Andrea Petkovics starke Position auch aus der Schwäche der anderen. Nachdem sich die Hessin von einem Anfang 2008 erlittenen Kreuzbandriss erholt hatte, arbeitete sie sich in der Weltrangliste stetig nach oben, gewann im vorigen Juli in Bad Gastein ihr erstes WTA-Turnier, während die anderen beiden deutschen Spitzenspielerinnen, Sabine Lisicki und Anna-Lena Grönefeld, immer wieder zurückgeworfen wurden oder sich selbst aus dem Spiel nahmen.

Weil Sabine Lisicki, die in Tschechien nicht antreten wollte, ihre Teilnahme gegen Frankreich kurzfristig wegen einer Knöchelverletzung absagte, müssen Andrea Petkovic und Tatjana Malek (Bad Saulgau), die gegen die französische Weltranglisten-Einundzwanzigste Aravane Rezai das zweite Einzel an diesem Samstag absolviert, um den Verbleib unter den acht besten Mannschaften der Weltgruppe I kämpfen.

Abstiegskampf als Nervenspiel

Die Absage von Sabine Lisicki, die nach ihrem WTA-Turniersieg vor einem Jahr in Charleston als deutsches Fräuleinwunder gefeiert worden und zwischenzeitlich bis auf Weltranglistenplatz 22 geklettert war, nahm Bundestrainerin Barbara Rittner mit „einem Tick Erleichterung“ wahr. Andernfalls hätte sie in der „Zwickmühle“ gesteckt, der angeschlagenen Berlinerin „vom Spielen abraten zu müssen“.

Über die Aussichten im Abstiegskampf äußert sich die Fed-Cup-Chefin zurückhaltend. Zwar hält sie die Französinnen, die anders als die deutschen Damen noch nie zweitklassig waren, für leicht favorisiert. „Aber entscheidend wird die Tagesform sein, und wer mit den Nerven besser zurechtkommt.“

Richtungsweisendes Eröffnungseinzel

Andrea Petkovic hofft, den Anforderungen trotz ihres tschechischen Traumas standzuhalten. Mit ihrer Kollegin Anna-Lena Grönefeld ist die Darmstädterin darin übereingekommen, dass es „eine andere Andrea“ gewesen sein müsse, die in Brünn in Grund und Boden gespielt wurde: „Das war nicht ich.“ Sie hat sich schnell wieder aufgerappelt, erreichte kurz nach der Fed-Cup-Schlappe das Viertelfinale beim Pariser Hallenturnier und besiegte jüngst in Miami die Weltranglistenzehnte Flavia Pennetta aus Italien.

„Ich breche ja nicht jedes Mal zusammen, wenn Druck aufkommt“, sagt Andrea Petkovic. An diesem Wochenende kann, ja muss sie mentale Stärke auch in die Nationalmannschaft einbringen. Dass sie dabei zum richtungsweisenden Eröffnungseinzel antreten muss, behauptet die Zweiundzwanzigjährige, komme ihr gelegen: „Dann kann ich hinterher Tatjana Feuer geben.“ Vor allem aber steht Andrea Petkovic ein heißer Abstiegskampf bevor.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1966, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Nicht gewonnen, nicht verloren

Von Peter Heß

Im Formel-1-Tempo sollte in der durch Korruptionsvorwürfe durchgeschüttelten Fifa aufgeräumt werden. Im Moment bewegt sie sich mit der Geschwindigkeit eines Motorrollers. Mehr 1