Das Herz ist nicht mehr da. Jahrelang hing es an der Wand in einer der Fechthallen, ein Herz aus Leder; es ertrug unzählige Hiebe und Stiche. Irgendwie wirkte es, als habe es jemand vergessen, und nur wenige können sich überhaupt noch daran erinnern. Heute hängen Stoßkissen dort, alles vom Feinsten, alles perfekt: für künftige Sieger nur das Beste. Fechtschüler zielen mit ihren Floretts, Degen oder Säbeln auf die Flicken. Treffer! Die Waffen klirren, Trainingszeit im Fechtzentrum Tauberbischofsheim. Tagtäglich, das ganze Jahr hindurch, von früh morgens bis spät abends, ist Betrieb in den Hallen.
Auf 46 Bahnen kann gefochten werden. „Wir sind das größte Fechtzentrum der Welt". Matthias Behr ist stolz. Seit Juli 2010 ist er der Chef, zum zweiten Mal. Der Florett-Olympiasieger von 1976 ist der Vierte in der Nachfolge von Emil Beck - des Übervaters, des Begründers des Fechtwunders, des Medaillenschmieds. Seit dessen Tod vor mehr als fünf Jahren sucht das Fechtzentrum eine neue Identität. Das einstige Beck-Imperium steckt in der Krise.
Die Geschichte ist oft erzählt und wirkt doch wie erfunden. Die Geschichte vom Friseur, den als Sechzehnjährigen 1951 im Kino Fechtszenen in einer Wochenschau faszinierten, der sich selbst den Sport beibrachte, ein Jahr später die Fechtabteilung gründete und mit ersten Schülern im Heizungskeller der Stadthalle übte. Der beobachtete und lernte von den führenden Fechtnationen, deren Methoden weiterentwickelte, deutsche Fechter, Tauberbischofsheimer Fechter zu Weltmeistern und Olympiasiegern machte. 163 internationale Medaillen gewannen Becks Athleten.
Streit mit den Lieblingsschülern
Der unermüdliche, unersättliche Meister baute einen Sport-Konzern, in dem die Großen aus Politik und Wirtschaft ein- und ausgingen. Helmut Kohl war sein Duzfreund, das Bild des Politikers hing neben der Deutschlandfahne über seinem Schreibtisch. Sein Reich stellte Beck auf verschiedene Säulen: den Olympiastützpunkt, den Fechtclub (FC), die Vermarktungsgesellschaft Sportmarketing Tauberbischofsheim (SMT), die Gesellschaft zur Förderung des Fechtsports, die Stiftung Fechten, das Fecht-Internat. Alles war und ist mit allem verwoben.
Doch der kleine Mann wollte mehr. Beck habe, so sagen Mitstreiter von damals, einfach zu groß gedacht. Er stürzte sich in das Projekt Golfclub Kaiserhöhe, plante eine Fecht-Akademie, ein Fünf-Sterne-Hotel. Der unrühmliche Abschied kam im Jahr 2000 nach einem Streit mit zwei seiner Lieblingsschüler, mit Matthias Behr und Degen-Weltmeister Alexander Pusch. Die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen Beck wegen des Verdachts des Betrugs und der Veruntreuung von Fördergeldern. Der Meister verließ das Zentrum im Groll - und kehrte nie mehr zurück. Er starb im März 2006 an einem Herzinfarkt.
Scheitern an den Strukturen
Bernhard Eichhorst scheiterte nach nur sechs Monaten als Becks Nachfolger. Dann wurde Behr Leiter des Olympiastützpunkts, bis ihn seine Krankheit - er litt unter Depressionen - zum Verzicht zwang. Patrick Otte hielt anderthalb Jahre durch. Mit Daniel Strigel, dem ehemaligen Degenfechter, schien 2006 die optimale Lösung gefunden: einer mit Stallgeruch, einer, der als Athlet Beck erlebt hatte, einer, der sich zutraute, mittlerweile verkrustete Strukturen aufzubrechen.
Gemeinsam mit dem französischen Trainer Didier Ollagnon als sportlichem Leiter entwickelte er die Strategie, wie dieses Zentrum den Veränderungen in der Sportwelt angepasst werden könnte. Nach vier Jahren gaben Strigel und Ollagnon auf; Strigel ist jetzt Olympiastützpunktleiter in Heidelberg, Ollagnon nur noch Bundestrainer der Degenfechter, den Vertrag mit dem Fechtclub Tauberbischofsheim hat er gekündigt.
An Beck kommt keiner vorbei
Nun arbeitet also wieder Matthias Behr hier, als "Leiter des Leistungsstabs" Chef im Olympiastützpunkt. "Ich war damals schon der gewünschte Heilsbringer", sagt er, "ich war immer Becks Stellvertreter." Und außerdem sei er ja "ein Bischemer", ein Einheimischer. Der Stallgeruch: Man ist wer in dieser Kreisstadt in Mainfranken mit rund 13 000 Einwohnern, wenn man im Fechtzentrum das Sagen hat. Aber der Schatten des Emil Beck ist lang. "Weil er ein Alleskönner war, weil er in der Gesellschaft die Akzeptanz gehabt hat", sagt Karl-Friedrich Schönleber, zuletzt geschäftsführender Vorstand des Clubs und Geschäftsführer der SMT.
Beck holte ihn an seine Seite, doch in diesen Tagen gibt Schönleber nach 37 Jahren seine Ämter ab. "Emil hat es vom kleinen Friseur zum erfolgreichsten Mann der Stadt gebracht. Da habe ich keine Chance." An Beck kommt noch immer niemand vorbei. "Er hat Herausragendes für die Stadt geleistet", sagt Wolfgang Vockel, Bürgermeister und Vorsitzender des FC-Aufsichtsrates. "Und ich wäre gottfroh, wenn er noch leben und uns mit Rat und Tat zur Seite stehen würde."
2008 keine Medaille
Beileibe nicht alle sehen das so, viele empfinden das Erbe Becks als "Riesenhypothek", wie Manfred Kaspar, der Sportdirektor des Deutschen Fechter-Bundes. Die Verantwortlichen ächzen unter dieser Last - aber sie möchten nicht, dass ihr Klagen nach außen dringt. Offiziell heißt es: Alles bestens, alles wunderbar, alles läuft. Die Sponsoren stehen tatsächlich weiter zum Zentrum, die finanziellen Altlasten aus den Zeiten Becks sind endlich geregelt, ein Übereinkommen mit dem Finanzamt über die Steuerschulden getroffen. Schönleber hat dem neuen Vorstand in dieser Hinsicht ein bestelltes Feld hinterlassen. Dennoch rumort es im Fechtzentrum.
Denn die Erfolge fehlen. Erstmals nach gefühlten Ewigkeiten waren 2008 bei den Olympischen Spielen in Peking Tauberbischofsheimer Fechter ohne Medaille geblieben, auch 2010 bei den Weltmeisterschaften. "Es dreht sich alles darum, dass man Medaillen addiert, die man schon geholt hat oder glaubt, noch zu holen", sagt dazu Jörg Fiedler, "man beschäftigt sich nicht mit einer seriösen Analyse der Entwicklung," Der 33 Jahre alte Degen-Europameister dieses Jahres, der als Achtzehnjähriger nach Tauberbischofsheim kam, bemängelt, "dass man zu wenig versucht, langfristig methodisch Strukturen aufzubauen, bei denen es um Inhalte geht".
Die Jungen resignieren
Fiedler trainiert seit Jahren mit Didier Ollagnon, den Beck einst holte. Ollagnon ist ein international anerkannter, erfolgreicher Fachmann. Zusammen mit Strigel wollte er den Karren aus dem Dreck ziehen - beide scheiterten auch an dem Erbe des Meisters. Sie sahen, was auch Schönleber schon erkannt hatte: Ohne einen Schnitt beim Personal wäre nichts zu gewinnen. "Aber die Trainer haben sich mit Händen und Füßen gegen unsere Arbeit gewehrt", erzählt Ollagnon voller Ärger. "Ich nehme einen beiseite, um ihm zu erklären, was er gut macht und was nicht. Und als Feedback bekomme ich zu hören: Du hast mir hier nichts zu sagen, ich bin vom Land angestellt."
20 Vollzeittrainer und 17 in Teilzeit arbeiten im Fechtzentrum. "Manche nehmen keine Fortbildung an, sie sehen nicht ein, dass sie etwas ändern müssen, sie sehen nicht ein, dass sie sich in Frage stellen müssen - wie es jeder Trainer von einem kleinen Verein macht", sagt Ollagnon. "Wir haben viele Leute, die Posten haben im Verein. Sie haben die Gunst der Stunde bei Emil Beck genutzt." Junge, engagierte Leute resignierten deswegen.
"Der Tiefpunkt ist erreicht"
"Trainer aussortieren - das ist immer ein heißes Thema. Manche sind unkündbar, da habe ich keine Chance", sagt Behr dazu. Auch Matthias Kleinert, der am 19. September sein Präsidentenamt beim Fechtclub abgab, ließ in seiner Abschiedsrede Kritik anklingen: "Einsatzbereitschaft, Wille zur Leistung muss spürbar sein. Vielleicht kann man da noch ein bisschen mehr reintun", sagte er.
Ollagnon sieht das Problem in erster Linie bei Behr. "Er will Emil sein, aber den gibt es nur einmal." Auch das Zusammenspiel zwischen Behr und Schönleber funktionierte zuletzt nicht mehr. „Der Tiefpunkt ist erreicht“, sagt Schönleber, "das tut weh. Wenn Behr ehrlich zu sich ist", sagt Schönleber, "wird er sich eingestehen müssen, dass die Aufgabe für ihn zu groß ist. Der Druck ist brutal."
Behr kontert: "Ich bin nicht in der Halle. Ich habe bestimmte Fähigkeiten, in entscheidenden Momenten dem Athleten einen Impuls zu geben." Die Arbeit mache ihm Spaß, sagt er und blickt schon über die WM auf Sizilien, die am Sonntag beginnt, hinaus. Die Olympischen Spiele 2012 in London hat er sich zum Ziel gesetzt. "Ich brauche für das Zentrum die Fecht-Medaille, am liebsten auch eine zweite", sagt er.
Hoffnungsschimmer Kleibrink
Björn Hübner, der Säbelfechter, oder die Florettdamen um Katja Wächter sind seine Kandidaten, auch Florett-Olympiasieger Benjamin Kleibrink, den Schönleber mit finanziellem Anreiz zum Wechsel von Bonn bewegte. "Und dann ist alles retuschiert, und man macht vier Jahre weiter, bis wir an die Wand fahren", klagt Ollagnon. Die Schiene Nachwuchsarbeit werde vernachlässigt. Ollagnon klingt beinahe wütend: "Für mich ist Tauberbischofsheim im Moment Arroganz, die Ignoranz verdeckt."
Doch sowohl der Deutsche Fechterbund als auch die Verantwortlichen in den Leistungsgremien des deutschen Sports wissen, wie wichtig dieses TBB ist. "Tauber ist ein Synonym für Fechtsport", sagt Kaspar, "es gilt, diesen Stützpunkt noch stärker zu machen." Schönleber wird noch drastischer: "Wenn Tauber wegbricht, ist Fechten in Deutschland eine unbekannte Sportart."
Beck und seine Fechter mit ihren Erfolgen hätten ein großes Erbe hinterlassen mit vielen schönen Arbeitsmöglichkeiten, sagt Ollagnon, "und das wird nicht genutzt, wie es sein könnte". Thorsten Weidner, Mannschafts-Weltmeister 1987 und im neuen Vorstand für den Sport zuständig, fordert: "Wir müssen den Spirit zurückbekommen, den wir unter Emil hatten: stolz zu sein, für den FC TBB zu fechten, das Emblem zu tragen."
Behr gibt zu: "Wenn es so weitergeht, wenn sich nichts Wesentliches ändert, habe ich Angst um das Zentrum." Er hat eine Vision: "Einen Emil brauche ich in der Halle, einen Motor." Einen, der bedingungslosen Einsatz bis zur Erschöpfung fordert - und vorlebt. Aber er hat nur Becks schweres Erbe. In Tauberbischofsheim fehlt viel mehr als nur dieses alte Herz.