06.10.2009 · Von Natur aus sind Fechter Einzelkämpfer. In den Mannschaftswettbewerben müssen sich Konkurrenten zusammenraufen. Der Lohn kann viermal so große Freude sein - auch wenn es mitunter nicht für Gold reicht.
Von Christiane MoravetzWeltmeister! Also feiern, die ganze Welt umarmen, alles um sich herum vergessen? Nein, Nicolas Limbach, der Säbelfechter aus Dormagen, der in Antalya überlegen den Titel gewann, hat nach einer kleinen Gratulationsrunde im Hotel Wichtigeres vor: am Donnerstag noch einmal siegen, noch einmal Weltmeister werden – und dann die Fete, zu viert. Was nach Klischee klingt, vertritt Limbach vehement, und man nimmt es ihm ab: „Gewinnen mit einer Mannschaft macht noch mehr Spaß.“ Zwei Tage Pause hat er, „dann werde ich wieder Gas geben“.
Wie Limbach betonen die meisten Fechter das Gemeinschaftsgefühl. „Man freut sich wirklich mehr, wenn man nicht alleine auf dem Treppchen steht“, sagt Florettfechterin Katja Wächter. Wenn es darum geht, einer nach dem anderen, insgesamt möglichst 45 Treffer zu setzen bis zum Sieg in einem Mannschaftskampf, gibt es keine Hierarchie, vorangegangene Heldentaten zählen nichts. Und der Weltmeister ist schließlich nur einer von vieren. Mit gestärktem Selbstbewusstsein allerdings, das auch den anderen zugute kommen kann.
Deutsche Fecht-Erfolge in der Vergangenheit entstanden oft im Team – aber nicht unbedingt als gemeinsames Werk von Freunden. „Ich will gar nicht großartig drum herum reden“, sagt Katja Wächter, „man muss nicht einen täglichen Kaffee zusammen trinken. Wichtig ist, dass man persönliche Differenzen auf der Bahn ausblendet. Denn das Ziel ist das gleiche.“ Wie die deutschen Florett-Damen haben auch die Degenfechter ein eher distanziertes Verhältnis zueinander. „Es ist eine Zweckgemeinschaft“, sagt Europameister Sven Schmid, „Jörg Fiedler und ich haben über Jahre zusammen gefochten, wir sind Konkurrenten, man kann nicht sagen, dass wir Freunde sind. Aber wir haben gemeinsame Ziele.“
Trotz Rivalität erfolgreich - aber ohne Gold
Auch die beiden erfolgreichen Florettfechter, Olympiasieger Benjamin Kleibrink und Peter Joppich, der dreimalige Weltmeister und Bronzemedaillengewinner im Einzel von Antalya, sehen sich eher als Trainingspartner denn als gute Kumpel. Dennoch haben sie am Dienstag im Team funktioniert und eine Medaille gewonnen. Beim Kampf um Gold musste sich die deutsche Mannschaft hingegen abermals geschlagen geben: Gegen Italien unterlag sie mit 41:45 Treffern. Im Vorjahr hatte der Erzrivale 45:35 die Oberhand behalten. „Es ist schon ärgerlich, wenn man es zum wiederholten Anlauf nicht packt“, sagte Bundestrainer Uli Schreck nach dem erneut verpassten Coup. Auch bei den Säbelfechterinnen lief es nicht so gut. Sie landeten auf Rang acht.
Manfred Kaspar, der Sportdirektor des Deutschen Fechterbundes, kennt die Problematik aus eigener, leidvoller Erfahrung als ehemaliger Bundestrainer der Degen-Damen. Er versucht eine vorsichtige Einordnung „Ein harmonisches Team ist sicher nicht leistungshemmend, aber man braucht nicht unbedingt ein harmonisches Team, um erfolgreich zu sein.“ Die Addition von hervorragenden Einzelleistungen sei immer noch besser als eine Addition „von harmonischem Mittelmaß“. Auch Limbach macht eine Rechnung auf: „Einer allein kann keine zwei Mannschaften schlagen. Man könnte vielleicht eine Runde überstehen, in der nächsten würde es dann schon richtig schwer.“
Ein Herz und eine Seele
Limbach und sein Team bilden die Ausnahme: Die vier sind ein Herz und eine Seele, immer gut für einen flotten Spruch, verbreiten gute Laune – und bringen Leistung. „Wir sind alle jung, wir kämpfen von Anfang bis Ende als Team“, sagt Björn Hübner. Der Dritte der Europameisterschaft hat wegen Verletzungen in diesem Jahr noch keinen Mannschaftskampf bestritten. „Wir haben nur notgedrungen wild durchgewürfelt“, sagt Limbach, 23 Jahre alt und schon der Älteste der vier deutschen Säbelfechter von Antalya. „Denn wir wollen die Mannschaft zusammenwachsen lassen.“ Wachstumsstörungen schließt er nicht aus: „Es geht auch schon mal rund. Wenn einer durchhängt, wird er nicht mit Samthandschuhen angefasst, da wird auch mal kurz gestritten.“ Kritik – „es gibt bei uns in der Mannschaft nie unbegründete Kritik“ – müsse angenommen und reflektiert werden.
Die Basis für ein Zusammenhalten im Wettkampf wird im Training an den Stützpunkten gelegt. „Im Mannschaftskampf kommt es nicht so sehr auf eine Freundschaft an als vielmehr darauf, dass man sich gegenseitig vertraut. Wenn wir gut zusammen trainieren, dann vertraue ich den Kollegen“, sagt Sven Schmid. Jeder müsse in der Vorbereitung zeigen, „ich mache voll mit, ich kämpfe voll mit, ich trainiere voll mit“. Schuldzuweisungen bei Niederlagen verbieten sich. „Aber ich will nicht der Idiot sein, der es vermasselt hat“, sagt Schmid. Was nicht heißt, ein Mannschaftsfechter dürfe jedes Risiko scheuen. „Fechten ohne Risiko ist destruktives Fechten, und das kommt nur dem Gegner zugute.“ Auch Katja Wächter kennt solche Überlegungen, besonders nach erfolgreich bestandenem Einzelwettkampf. „Man möchte natürlich nicht diejenige sein, bei der man sagen kann: sie war schon satt.“ Denn schließlich feiert es sich zu viert viermal so schön.