27.02.2008 · Faris Al-Sultan macht sich in den Emiraten fit für den Ironman. Er will sich quälen - aber nicht mehr als einsamer Triathlon-Trainingsmönch. Er ist ein Athlet, der seine Meinung sagt, der nicht bequem ist. Im Interview spricht er über Blutdoping, den Irak-Krieg und Integration.
Von Michael Eder, Al AinIst ganz leicht zu finden, sagt Faris Al-Sultan. Am Zoo-Kreisel geradeaus, hinter der Moschee rechts, 34. Straße, Nummer 4, linkes Haus. Hier lebt der Münchner Al-Sultan, 30 Jahre alt, Sieger des Ironman-Triathlons Hawaii 2005, einige Wochen im Jahr. Trainingslager in Al Ain, einer Oase in den Vereinigten Arabischen Emiraten, 160 Kilometer von Abu Dhabi entfernt. Das Haus gehört einem Freund, Dave, Triathlet, früherer britischer Elitesoldat, jetzt Ausbilder bei der Emirates-Armee.
Es ist halb acht am Morgen, ein sonniger Tag im Februar. Al-Sultan schwingt sich auf die Rennmaschine, Ina Reinders, die Freundin aus München, ist dabei, eine professionelle Triathletin auch sie. Es geht die Hassa'a Ibn Sultan Street hinaus aus der Stadt, von Kreisel zu Kreisel weniger Verkehr, die beiden rollen locker dahin, holen an der Touristenanlage Mabazarrah zwei Schweizer Triathleten ab, dann geht es hinaus in die Wüste, eine Stunde Einrollen, bald weht der Wind feine, rote Sandnebel über den Asphalt.
Die Dose Cola kostet zwanzig Cent
Um neun Uhr geht es zur Sache. Bergfahren. Es geht auf den 1.240 Meter hohen Jebel Hafeet, 14 Kilometer sind es bis zum Gipfel, ein harter, ein heftiger Anstieg inmitten einer schroffen Felswüste. Fünfzig Minuten später steht Al-Sultan auf dem Parkplatz am Gipfel und kaut eine Banane, Blick auf den Palast, den Scheich Khalifa bin Zayed Al Nahyan, der Präsident der Emirate, hier oben errichten ließ. Die Aussicht ist überwältigend, im Osten liegt Oman, dort in den Bergen ist Al-Sultan gern geradelt, doch jetzt haben die Emiratis die Grenze dichtgemacht, aus Angst vor illegalen Einwanderern.
Abfahrt. Rasend geht es hinab, dann ein paar Kilometer flach zur Al Ajel Grocery, einem winzigen Laden mit Vollsortiment, die Dose Cola kostet einen Dirham, zwanzig Cent. Dann noch einmal hinauf auf den Jebel Hafeet. Während seine Mitfahrer zu kämpfen haben, wirkt Al-Sultan entspannt; angestrengt sieht anders aus. Weil der erste Saisonhöhepunkt, der Ironman in Malaysia, ansteht, lässt er es ruhiger angehen in diesen Tagen, am Berg tritt er 300 Watt - 370 sind auf kürzeren Strecken sein Wettkampfwert. Durch die Wadis, die ausgetrockneten Flussbette, läuft er heute gar nicht, und die längeren Ausfahrten mit dem Rad beschränkt er auf die Runde über Al Wagen, das sind 160 Kilometer und nicht viel im Vergleich zum Ritt nach Abu Dhabi und zurück, den Al-Sultan hin und wieder macht - das sind 330 Kilometer, er fährt sie mit der Rennmaschine auf dem Standstreifen der Autobahn.
Was geht im Kopf vor bei solchen Distanzen?
"Die Rübe spielt eine große Rolle im Triathlon, auch im Training. Wenn man sich da nicht anstrengen und quälen kann, wird es schwierig."
Das Trainingsziel ist, sich zu quälen?
"
Ja sicher. Bei den Einheiten, die entweder sehr lang oder sehr intensiv sind, muss man sich quälen, da muss man durch."
Wie kommt man durch?
"Als ich 1999 zum ersten Mal in Al Ain trainiert habe, war ich acht Wochen alleine. Ich bin viele Stunden mit dem Rad durch die Wüste gefahren, auch in großer Hitze, und irgendwann fängst du an, mit dir selbst zu sprechen, die Realität verschwimmt. Es ist kein Wunder, dass die meisten Religionen in der Wüste entstanden sind. Das war damals eine ganze besondere Erfahrung, und es war keine angenehme. Ich nehme seither auf Ausfahrten immer jemanden mit, mit dem ich sprechen kann. Ich will nicht mehr alleine sein unterwegs."
Nicht mehr der Trainingsmönch?
"Nein, nicht mehr der, der der Welt entsagt. Es ist viel angenehmer, mit anderen zu trainieren. Es fällt mir dann leichter, mich anzustrengen, denn das wird immer schwerer mit den Jahren, ich habe ja alles schon tausendmal gemacht. Ich brauche jemanden, der mit mir rennt, der mich fordert, sonst jogge ich nur herum, sonst fällt es mir schwer, im Training alles zu geben, denn . . . Weswegen?"
Um halb eins, nach fünf Stunden auf dem Rad, sind Faris Al-Sultan und Ina wieder am Haus. Waschen, Essen - Nudeln mit Thunfischsauce, der Trainingslagerklassiker -, kurze Pause, dann geht es in den Aquatic Club. Kraftraum, Dehnen, drei Kilometer Schwimmen. Es ist nicht viel los am Pool, nur die Nebenbahn ist belegt, eine Frau krault auf und ab; wenn sie eine Bahn geschafft hat, hat Al-Sultan zwei. Später Massage, um 20 Uhr ist Feierabend. Zeit für ernste Themen.
Wann hatten Sie in der Trainingsphase die letzte Blutkontrolle?
"Ich hatte noch nie eine Blutkontrolle, noch nicht eine einzige bis zum heutigen Tag."
Das heißt, der Anti-Doping-Kampf, das ist in Ihrem Fall nur Gerede?
"Die Botschaft muss sein: Egal, wo du bist, egal, zu welchem Zeitpunkt - du kannst immer kontrolliert werden. Aber diese Botschaft gibt es noch nicht. Ich hoffe, dass sich das ändert in diesem Jahr."
Warum sollte es sich ändern?
"Weil die Aktion anläuft, die der Frankfurter Ironman-Veranstalter ins Leben gerufen hat. 150 000 Euro stehen zur Verfügung, und die Top-Athleten sollen weltweit kontrolliert werden."
Al-Sultan ist ein Athlet, der seine Meinung sagt, der nicht bequem ist. 2006 sorgt er mit einem Offenen Brief an DOSB-Präsident Thomas Bach für Aufsehen, in dem er "das Rechtsgut eines fairen Wettkampfes" einfordert und deshalb ein Anti-Doping-Gesetz, das den Straftatbestand festschreibt. Mittlerweile gibt es ein solches Gesetz, allerdings ohne eine umfassende strafrechtliche Relevanz.
Enttäuscht von der Entwicklung?
"Ja, den großen Ruck hat es nicht gegeben. Das ist schade. Schauen Sie, der Radsport hat sich gerade selbst versenkt, er ist tot, und wir müssten wirklich etwas unternehmen im Sinne des Sports, aber die Haltung ist: Wenn wir zu viel machen, dann haben wir plötzlich keine Medaillen mehr, keine Förderung, und das schadet den Verbänden. Ich will niemanden einsperren, aber wir brauchten ein strafrechtliches Instrumentarium, damit wirklich etwas passiert."
Ihr Vertrauen in die Sportpolitik scheint nicht gerade gewachsen zu sein.
"Man muss nur nach Spanien schauen. Die haben in der Fuentes-Affäre die Namen, die Daten, die Akten, und was passiert? Nichts. Es wird nicht durchgegriffen. Aber es muss durchgegriffen werden - auch wenn es die eigenen Sporthelden betrifft. Aber so etwas ist unpopulär, es sorgt für Aufruhr, es ist schlecht für Funktionäre, für Verbände. Und wenn Bach IOC-Präsident werden will, kann er zu viel Aufruhr auch nicht gebrauchen."
Sie selbst haben aus Ihrer Verachtung für Doper nie einen Hehl gemacht, aber Sie werden auch zitiert, dass es einmal ganz interessant wäre, gedopt an den Start zu gehen.
"Ich habe eine Fernsehsendung mit Professor Franke angeschaut, da kam das Gespräch auf Carphedon, ein russisches Kampfflieger-Amphetamin, das man beim Radprofi Hondo gefunden hat. Ich habe damals spontan gesagt: Hey, das Zeug, das würde ich gern mal probieren, um zu sehen, wie man damit drauf ist, was damit abgeht im Wettkampf. Aber das heißt nicht, dass ich seither dope, das heißt nur, dass es ein interessantes menschliches Experiment wäre, zu sehen, wie das so ist als Kampfflieger im Wettkampf."
Das könnte der Einstiegsgedanke bei vielen Dopern sein.
"Das glaube ich nicht. Mein Eindruck ist, dass es beim Dopen zum Beispiel im Radsport sehr professionell zugeht, sehr routiniert, dass das mit Ausprobieren nichts zu tun hat."
Al-Sultan gilt als Wettkampftyp. Als er 2005 den Klassiker auf Hawaii gewinnt, ist sich seine Mutter vor dem Fernseher lange vor dem Zieleinlauf sicher, dass er es schaffen würde. Sie habe "den Tiger" in ihm gesehen, sagt sie. Erstmals gesichtet wird dieser Tiger 1998, bei den oberbayrischen Crossmeisterschaften, als Al-Sultan, damals 20 Jahre alt, im Sprint gewinnt.
"Es ging darum, er oder ich, und ich habe alles auf einen Angriff gesetzt; es war ein großartiges Gefühl, als es funktioniert hatte."
Ist das die Motivation des Wettkämpfers?
"Ja, es ist eine Erinnerung, und es ist die Aussicht auf Belohnung: Du strengst dich an und gewinnst, deine Mühe wird belohnt."
Aber hat der Erfolg nicht auch Nachteile? Mancher glaubt beobachtet zu haben, dass Sie mit dem Profileben zunehmend unzufrieden sind.
"Wenn man Profi ist, ist man total festgelegt auf das Athletendasein. Wohin man auch kommt, man ist immer der Triathlet und der Hawaii-Sieger. Wenn jemand Pfarrer ist, dann ist er niemals der Hanswurscht, dann ist er 365 Tage im Jahr der Pfarrer, ohne Feierabend, und so bin ich immer der Triathlet, es geht immer um dasselbe Thema, alles dreht sich um den Sport - das kann manchmal sehr ermüdend sein und anstrengend. Das ist eine unangenehme Begleiterscheinung eines sehr angenehmen Berufes."
Was vermissen Sie?
"Ich mag meinen Sport, sonst würde ich ihn nicht betreiben, aber es gibt wichtigere Dinge im Leben, über die ich mich unterhalten möchte. Das pflege ich mit meinen Freunden, die nicht aus dem Triathlonsport kommen."
Es ist dunkel geworden in Al Ain. Zeit, essen zu gehen. Al-Sultan, der nach seinem Hawaii-Sieg mit einem Fast-Food-Dinner bei Taco Bell Schlagzeilen gemacht hat, wechselt jeden Abend zwischen Inder, Araber, Chinese, Italiener, heute ist der Araber an der Reihe, ein einfaches Restaurant im bunten Zentrum der Stadt. Dave, der Soldat, macht den Chauffeur, sein knallroter Ford Mustang ist einer der heißestes Öfen der Stadt, auch die Schweizer mit ihren Freundinnen sind dabei. Al-Sultan bestellt für alle, der Tisch hat bald schwer zu tragen unter Vorspeisen, Fladenbrot, Saucen, Fleisch- und Gemüseplatten, getrunken werden Wasser und roter, süßer Fruchtsaft, im Hintergrund läuft Musik, die sich für westliche Ohren anhört wie der Singsang des Muezzins, der über Lautsprecher zum Gebet ruft, doch Al-Sultan, der in München Geschichte und Kultur des Nahen Orients studiert hat, sagt lächelnd: "Nee, das ist nur Krach."
Er kennt sich aus in beiden Kulturen, sein Vater ist Iraker, ein Sunnit, der als Chemie-Student nach Deutschland kam, eine Münchnerin heiratete und blieb. Sein Sohn gilt manchem als Musterexemplar einer gelungenen Integration: Ein Deutscher, der die Irak-Invasion der Amerikaner gutheißt, und ein Muslim, der Bier trinkt - was will man mehr.
"Mit mir als Vorbild ist das ein bisschen schwierig. Ich habe eine deutsche Mutter und bin damit, was die Integration betrifft, in einer deutlich besseren Situation als Menschen, die zwei ausländische Elternteile haben."
Welche Position vertreten Sie in der aktuellen Integrationsdebatte?
"Ich bin der Meinung, wer nach Deutschland kommt, muss sich nicht komplett assimilieren, aber ich erwarte, dass er Deutsch lernt. Es geht nicht, dass jemand sagt: ,Wir leben hier in unserem kleinen Ghetto, etwas anderes brauchen wir nicht.' Die Leute brauchen Bildung, und dafür brauchen sie die deutsche Sprache. Sie müssen sich in diesem Sinne so weit integrieren, wie es notwendig ist. Ihre Wurzeln müssen sie deshalb nicht aufgeben. Ich bin Pragmatiker, ich bin dafür, dass man die Dinge tut, die der Sache dienen. Bildung dient der Sache, also muss man in Bildung investieren. Und wenn es der Sache dient, dass man jugendliche Kriminelle einsperrt, dann sollte man auch das tun."
Im vergangenen Jahr ist Al-Sultan zum ersten Mal in Irak. Vorher hat er immer betont, eine solche Reise in die Vergangenheit sei zu gefährlich, er sehe zu westlich aus und sei deshalb "ein Geldbeutel auf zwei Beinen". Nun aber fliegt er mit seinem Vater nach Diyarbakir in der Osttürkei, fährt mit dem Taxi in den Grenzort Ibrahim Halil, wo sie ein Bruder des Vaters abholt und nach Dohuk zu den Verwandten in den Irak bringt.
Halten Sie die Irak-Invasion noch immer für richtig?
"Wenn die Amerikaner nicht gekommen wären, wäre immer noch Saddam an der Macht oder einer aus seinem Clan. Ich bin deshalb nach wie vor der Meinung, dass die Invasion für den Irak gut war, natürlich ist die jetzige Situation nicht gut. Die Leute, mit denen ich gesprochen habe, sind nicht gegen die Amerikaner, sie sind einfach unglücklich darüber, dass in weiten Teilen des Landes Chaos herrscht, dass es keine straffe Struktur gibt. Die meisten aus meiner Familie haben eine Universitätsausbildung, das sind ganz normale Menschen, die ihre Arbeit machen und ein ganz normales Leben führen wollen."
Sehen Sie Hoffnung für sie, im Irak und im Spannungsfeld mit der Türkei?
"Ich bin überzeugt, dass diese Leute es schaffen, wenn auch nicht in naher Zukunft, halbwegs Ordnung und Wohlstand in ihre Region zu bringen. Die Kurden versuchen, einen eigenen Staat aufzubauen. Es ist alles dreckig und kaputt, aber es gibt Supermärkte, alles mögliche zu kaufen, es gibt Internet, die Leute können sich informieren. "
Ina ist müde. Es war ein langer Tag. Al-Sultan begleicht die Zeche, die Schweizer bedanken und verabschieden sich, Dave lässt den Mustang röhren, dann geht es die Zayed bin Sultan Street hinauf. Hinter der Moschee rechts, 34. Straße, Nummer 4, linkes Haus. Morgen um halb acht sitzen sie wieder auf ihren Rädern. So geht es weiter, Tag für Tag. Und es lohnt sich: Am vergangenen Samstag hat Al-Sultan den ersten großen Wettkampf der Saison, den Ironman Malaysia, gewonnen - dank einer überragenden Radzeit mit einer halben Stunde Vorsprung auf den Zweiten.