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Fall Kenteris/Thanou Wundersame Freisprüche im griechischen Sprint-Skandal

20.03.2005 ·  Der Freispruch für das des Doping verdächtigte griechische Sprinterduo Konstantinos Kenteris und Ekaterini Thanou hat in der Leichtathletik-Szene für Empörung und sogar Boykottdrohungen gesorgt.

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Der Skandal um die des Doping verdächtigten griechischen Leichtathleten Konstantinos Kenteris und Ekaterini Thanou, olympische Medaillengewinner im Sprint von Sydney 2000, setzt sich mit dem Freispruch durch den nationalen Verband (Segas) fort. Teilweise wurde auch ihr Trainer Christos Tzekos entlastet: Er sei kein Doping-Dealer.

Selbst in Griechenland stieß die Entscheidung vom Freitag abend überwiegend auf Unverständnis und Kritik. Zeitungen kommentierten das Urteil einer fünfköpfigen Disziplinarkommission, die zwei Monate lang ermittelt haben will, als Niederlage für die Rechtsprechung und für den Sport. Mit 4:1-Stimmen fiel am Freitag die Entscheidung zugunsten der Aktiven.

Strafwürdiges Verhalten nicht erkennbar?

Der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) behält sich das Recht vor, den Beschluß der Griechen vor dem Internationalen Sportgerichtshof in Lausanne (CAS) anzufechten. Der Doping-Kontrollausschuß der IAAF - gebildet von Präsident Lamine Diack, dem Medizinischen Direktor Arne Ljungqvist aus Schweden sowie dem Amerikaner Bob Hersh - werde nach Akteneinsicht das weitere Vorgehen beraten. Um die Griechen zu einer Entscheidung zu zwingen, hatte die IAAF im vergangenen Dezember eine provisorische Sperre gegen Kenteris und Thanou ausgesprochen. Den beiden griechischen Sprintern war vorgeworfen worden, sich dreimal Dopingkontrollen außerhalb von Wettkämpfen entzogen zu haben, in Tel Aviv, in Chicago und zuletzt am Tag vor der Eröffnung der Olympischen Spiele in Athen.

Als alleinigen Schuldigen für das Nichterscheinen der Athleten in Athen benannte die Segas-Disziplinarkommission nun deren Trainer Christos Tzekos, gegen den deshalb ein vierjähriges Arbeitsverbot als Leichtathletik-Trainer verhängt wurde. "Die Informationskette endete bei Tzekos", heißt es in einer Segas-Erklärung. Allerdings sprach die Kommission Kenteris in einem Fall (Tel Aviv) und Thanou sogar in zwei Fällen (Tel Aviv und Chicago) eine Mitverantwortung dafür zu, daß sie für Kontrolleure nicht erreichbar waren. Sie hätten ihre Pflicht verletzt, den jeweiligen Aufenthaltsort mitzuteilen. Ein strafwürdiges Verhalten konnte die Kommission dennoch nicht erkennen. Eine Sanktion sei laut Reglement erst bei drei versäumten Tests innerhalb von achtzehn Monaten vorgesehen.

Tzekos: „Sie können unser Land noch stolz machen“

Gleichzeitig sprach die Kommission Tzekos vom Vorwurf frei, einen illegalen Handel mit verbotenen leistungssteigernden Produkten betrieben zu haben. Das ist verwunderlich, denn die Athener Staatsanwaltschaft hatte während der Olympischen Spiele Räume von ihm untersucht und dabei umfangreiches Material beschlagnahmt. Das Ermittlungsverfahren - bei dem es auch um mögliche Verbindungen von Tzekos zum kalifornischen Balco-Labor gehen könnte - ist noch nicht abgeschlossen. Das griechische Verbandsurteil wirft viele neue Fragen auf. Schon seit 1997 stehen Tzekos und seine Athleten unter Verdacht. Damals setzten sie sich in Dortmund eilig ab, als eine Dopingkontrolle stattfinden sollte.

Tzekos, den die Athleten als ihren Trainer fallengelassen hatten, sagte im griechischen Rundfunk, er sei erfreut, daß Kenteris und Thanou nun endlich freigesprochen worden seien. "Eine sehr gute Entscheidung. Ich glaube, ihre Karrieren sind noch nicht beendet. Sie können unser Land noch stolz machen und Goldmedaillen gewinnen. Das würde mich zum glücklichsten Mann machen."

Strafrechtliches Nachspiel steht aus

Nach griechischen Presseberichten hatten beide Läufer am Freitag nach dem Training "mit Erleichterung" von der Segas-Entscheidung gehört. Kenteris' in Großbritannien niedergelassener Rechtsanwalt Gregory Ioannidis von der Universität von Buckingham sagte der griechischen Presseagentur, sein Mandant habe unter den Vorwürfen schwer gelitten: "Kenteris und seine Familie standen monatelang unter unheimlichem Druck. Ihm muß jetzt die Chance gegeben werden, seine Karriere fortzusetzen."

Der Fall Kenteris/Thanou wird unabhängig von den sportjuristischen Entscheidungen noch ein strafrechtliches Nachspiel haben. Am Vorabend der Olympischen Spiele hatten die beiden Sprinter nach Erkenntnissen der Athener Staatsanwaltschaft einen Motorradunfall inszeniert, um so ihr Nicherscheinen beim Dopingtest erklären zu können. Die griechische Justiz hat deshalb Anklage gegen den Trainer, die beiden Sportler sowie weitere Personen erhoben, unter anderem Krankenhauspersonal, die bei dem falschen Spiel mitgemacht haben sollen. Ein Prozeß wird frühestens Ende dieses Jahres erwartet. Nach dem Motorrad-Vorfall hatten Kenteris und Thanou ihre Akkreditierungen für die Athener Spiele zurückgegeben und sich so der Gerichtsbarkeit des Internationalen Olympischen Komitees entzogen.

Unger droht mit Boykott

Während der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, der Jurist Clemens Prokop, eine Überprüfung des griechischen Freispruchs forderte, drohte der Hallen-Europameister im 200-Meter-Sprint, der Schwabe Tobias Unger, mit einem Boykott von Wettbewerben, bei denen Kenteris antrete. Unger war in Athen Olympiasiebter geworden. Das Finale fand damals unter skandalösen Umständen statt, denn das griechische Publikum behinderte den Start mit lautstarken Kundgebungen für Kenteris. "Das abschließende Urteil kann nicht vom nationalen Verband gefällt werden", sagte der Amtsrichter Prokop. Die einzige Chance, das Vertrauen zurückzugewinnen, liege darin, den Fall vor einem unabhängigen Sportgericht, also dem CAS, neu aufzurollen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. März 2005
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