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Spektakuläre Fahrradsammlung : Leidenschaft aus Stahl und Carbon

Sammler Reiner: Vor allem Fahrräder haben es ihm angetan. Bild: Helmut Fricke

Reiner sammelt Räder – keine Massen- oder Namenprodukte, sondern Handwerkskunst. In Deutschland dürfte er der mit der spektakulärsten Sammlung sein. In seinem privaten Museum stehen Einzelstücke und Kunstobjekte.

          Reiner möchte nicht, dass sein Nachname in der Zeitung steht. Reiner, das reicht, sagt er. Er ist 64 Jahre alt, Sozialarbeiter, betreut Schüler in einem Kinderhaus. In den sechziger Jahren lebte er für eine Weile in der Nähe von San Francisco, das Hippie-Feeling schwingt bis heute mit.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Reiner ist kein reicher Mann, aber da er nichts von Statussymbolen hält, von Autos, teuren Klamotten oder modischen Frisuren, reicht das Geld für ein Hobby, das er seit mehr als dreißig Jahren pflegt. Rund sechzig Räder stehen in seiner Wohnung in Offenbach, in einer Art privatem Museum, und viele davon sind Stücke, für die Sammler in der ganzen Welt einiges auf den Tisch legen würden.

          Für eines der drei Cinelli-Rennräder aus den Achtzigern zum Beispiel, Modell Laser, die Reiner vor Jahrzehnten erstand, als sie noch erschwinglich waren. Nur 200 Laser-Exemplare gibt es, heute ist jedes mehr als 10.000 Euro wert. Das ist auch die Preisklasse, in der sich das wunderschöne Rad mit einem hohlen Rahmen aus Esche-Furnier und Fixie-Ästhetik bewegt, ein Ausstellungstück, das Reiner auf der Berliner Fahrradmesse vom Stand weg kaufte. Ein paar Wochen später kam das fahrbare Design-Objekt aus Frankreich per Spedition in Offenbach an, in einer liebevoll angefertigten Holzkiste – samt einer Flasche besten Rotweins. „Hat mir gefallen“, sagt Reiner.

          Einzelstücke vom sowjetischen Flugzeugbauer und Marke Eigenbau

          Da ist das Antonow-Bahnrad, eine himmelblaue Schönheit aus Carbon und Titan, das der sowjetische Flugzeugbauer einst für das ukrainische Bahnrad-Team hergestellt hatte. Oder das blaue Laufrad aus Stahl, das gerade einmal drei Kilogramm wiegt. Oder das rote Fannini, von dem man nicht weiß, ob es wirklich ein Fannini ist oder der Aufkleber erst später dazukam. Sicher ist, dass hier ein Rahmenbauer zeigen wollte, was er kann und was möglich ist. Das Rad besteht aus filigran gebogenen Stahlrohren, die Rahmengeometrie ist über spezielle Verbindungsstücke einstellbar.

          Reiner präsentiert seine Sammlerstücke: In den Händen hält er eine Rennmaschine der sowjetischen Flugzeugbauer Tupolew. Vor ihm steht ein Fahrrad mit Federn und Kaninchenfell. Bilderstrecke
          Reiner präsentiert seine Sammlerstücke: In den Händen hält er eine Rennmaschine der sowjetischen Flugzeugbauer Tupolew. Vor ihm steht ein Fahrrad mit Federn und Kaninchenfell. :

          Da sind die Selbstversuche von Autobauern mit schnellen Rennrädern. Auch wenn Reiner nichts mit Autos am Hut hat, so nennt er trotzdem einen Lamborghini und einen Lotus sein Eigen, beide rollen auf zwei Rädern.

          Reiner interessiert sich nicht für Massenprodukte. Er interessiert sich für den Aufwand, den ein Handwerksmeister betrieben hat, er schaut auf die Schönheit der Ausführung. Es geht ihm um die Glanzstücke ihrer Zeit, um Räder für die Ewigkeit. Der Schwerpunkt seiner Sammlung liegt auf den achtziger Jahren.

          Namen interessieren ihn nicht

          Reiner interessiert sich auch nicht sonderlich für große Namen, also auch nicht für Colnago, die italienische Rennradschmiede mit einem Ruf wie Donnerhall. Das ist Reiner zu viel Pomp, ein Colnago neigt immer ein wenig zum Protzen, und das ist nichts, was ihm gefällt. Würde er Autos sammeln, sagt er, hätte er das Geld und die Lust dazu, dann würde er auch keine Ferraris sammeln, sondern Manufakturware, echte Originale. Da müsse man sich mehr in die Tiefe bewegen.

          Er interessiert sich für Kleinauflagen. Und er interessiert sich vor allem für Handwerkskunst. Das Cinelli Laser ist ein solches Stück von Meisterhand, das Holzrad aus Frankfurt, oder auch das italienische Rennrad aus den Achtzigern, dessen Rahmen ein genialer Handwerker aus Titanblech bog, verschweißte und mühsam verschliff. Herausgekommen ist eine Maschine, die das Gegenteil von Massenware ist, ein zeitloses Stück Handwerkskunst, eine Skulptur, ein Kunstwerk. Reiner hat auch ein Original-Zeitfahrrad, mit dem Jan Ullrich unterwegs war, und eine bedrohlich schwarze Zeitfahrmaschine einer Schweizer Manufaktur, die er nur auf Umwegen bekam, weil die Schweizer nicht auf Anfragen von Sammlern reagieren, sondern ausschließlich für Rennfahrer produzieren.

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          Reiner fährt sein ganzes Leben Fahrrad, irgendwann hatte er auf dem Sperrmüll Räder aus den Dreißigern gefunden, sie mitgenommen und gelernt, dass Räder früher offenbar aufwendiger hergestellt wurden. „Dann habe ich irgendwann entdeckt, dass die schönsten und aufwendigsten Fahrräder die Rennräder sind.“ Das war der Beginn seiner Sammelleidenschaft.

          Die betuchtesten Radsammler gibt es in Taiwan, Japan und den Vereinigten Staaten. In Deutschland gibt es ein gutes Dutzend, die auf hohem Niveau sammeln, und Reiner dürfte der mit der spektakulärsten Sammlung sein. Er kauft auf Messen, Flohmärkten, im Internet, er ist bestens vernetzt in der Szene, manchmal tauschen die Sammler untereinander, manchmal gibt Reiner auch ein Teil ab, etwa wenn er Geld braucht für ein Rad, das er irgendwo gefunden und das ihn begeistert hat.

          Eine Eigenkreation als Kunstobjekt

          Seit ein paar Jahren kreiert Reiner auch selbst Räder, baut sie um, macht aus ihnen Kunstobjekte. Sein Feder-Rad zum Beispiel ist in der Szene Kult geworden. Viel Arbeit war es nicht. Reiner hat sich Heißkleber gekauft, eine Tüte Federn, und dann im Frankfurter Bahnhofsviertel noch ein weißes Kaninchenfell dazu, und fertig war das Rad, das überall, wo er seither mit ihm auftaucht, ordentlich für Aufsehen sorgt.

          In Frankfurt gibt es, wie in anderen deutschen Städten auch, seit Jahren das Critical Mass. Immer am ersten Sonntag im Monat treffen sich Radler an der Alten Oper, und dann wird durch die Stadt gefahren. Es ist eine verkehrspolitische Demonstration unter dem Motto, die Stadt gehört auch dem Rad, und das wird wörtlich genommen. Motto: „Wir behindern nicht den Verkehr, wir sind der Verkehr!“

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          Die Gesetzeslage sieht nämlich vor, dass ein Verbund von Radfahrern, der gemeinsam unterwegs ist, Straßen in ihrer ganzen Breite nutzen darf. Das tun die Radler beim Critical Mass zum Leidwesen der Autofahrer, die gewohnt sind, dass die Straße ihnen gehört. Reiner fährt das Critical Mass in Frankfurt seit Beginn an mit, und die ersten zehn Jahre hat er es jedes Mal mit einem anderen Rad getan. 120 Termine, 120 verschiedene Räder. Vom Feder-Rad bis zur Zeitfahrmaschine – alles schon dabei gewesen.

          Quelle: F.A.S.

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