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Fabian Hambüchen Und wieder geht der Griff beim Kolman ins Leere

16.11.2008 ·  Fabian Hambüchen stürzte auch in Stuttgart vom Reck und vergab einen sicheren Sieg. Aber statt gegen die Tränen zu kämpfen wie in Peking, lächelt und winkt der deutsche Turnstar. Und doch hat Olympia Spuren hinterlassen.

Von Christiane Moravetz, Stuttgart
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Da war er wieder, der Griff ins Leere beim Kolman-Salto, und doch war alles anders. Anders als bei der Enttäuschung von Peking. Lächelnd, winkend verabschiedete sich Fabian Hambüchen am Sonntag in Stuttgart von einem Wettkampf, den er scheinbar schon gewonnen hatte und schließlich doch als Dritter beendete. Er führte vor dem abschließenden Gerät, „seinem“ Reck, und kein Konkurrent hätte ihn gefährden können, sollte er seine letzte Aufgabe fehlerfrei absolvieren.

Aber Hambüchen, der tags zuvor beim DTB-Pokal in Stuttgart noch überlegen Sieger am Reck und am Boden geworden war, stürzte wie schon bei den Olympischen Spielen vom Gerät und fand sich in der Endabrechnung des Mehrkampfes um die Champions Trophy auf Platz drei (91,550 Punkte) hinter dem Russen Maxim Dewiatowski (92,000) und dem Japaner Hisahi Mizutori (91,700) wieder. Von Frust war allerdings nichts zu spüren bei dem Hessen. „Ich ärgere mich heute über gar nichts“, sagte er. Er sei so erschöpft gewesen vor seiner Reck-Übung, dass er kaum mehr die Arme habe heben können. Philipp Boy (Cottbus), der zweite deutsche Teilnehmer, wurde Achter (87,750).

„In den letzten Wochen hat es sich wieder aufgebaut“

Die Zuschauer in Stuttgart erlebten bis zum Ende einen Fabian Hambüchen, der für das Turnen geboren scheint. Fröhlich, freundlich vermittelte er mit beinahe jeder Bewegung, mit jedem Lächeln das Vergnügen, das ihm sein Tun an den Geräten bereitet. „In den letzten Wochen hat es sich wieder aufgebaut, ein bisschen mehr Emotion zu zeigen, einfach viel Freude“, sagte er. Die Anspannung nach Peking hat Platz gemacht für „eine Riesengaudi“ in Stuttgart. Zumal die Erinnerungen nur angenehm sind: Vor gut einem Jahr wurde er hier Weltmeister am Reck, „und sie haben die gleiche Einmarschmusik wie damals gespielt“.

Und doch hat Olympia Spuren hinterlassen. Das Gesicht ist schmal geworden, die letzten kindlichen Züge sind verschwunden. Coole Sprüche sind wohlformulierten Sätzen gewichen. Das niedliche Kerlchen ist durch die harte olympische Schule gegangen; die Prüfung bestanden hat ein erwachsener Fabian Hambüchen. Millionen hatten ihn im August beobachtet, in Großaufnahme, wie er in Peking mühsam die Tränen zu unterdrücken versuchte, Millionen hatten mit ihm gefühlt, als er sich so gar nicht über eine Bronzemedaille freuen konnte und doch sagen musste, dass er genau das tue. Er war besiegt worden von seinen eigenen Erwartungen und denen einer ganzen Nation, die sich vier Jahre lang, seit den Olympischen Spielen von Athen, für diesen kleinen Turner begeistert hatte.

„Dann hängt es auch immer noch an den Kampfrichtern“

Seither lässt sich an Hambüchen das Heil einer ganzen Sportart ablesen. Deshalb machten der Deutsche und der Schwäbische Turner-Bund Zugeständnisse, die glücklicherweise Leben in ihre einst so starren Wettkampf-Formate bringen, änderten Termine, änderten die Reihenfolge der Geräte: Wenn der Welt- und Europameister zur fernsehgenehmen Zeit turnt, profitieren alle. Hambüchen ist auch der Grund dafür, dass die Macher in Stuttgart zum ersten Mal seit 1992 wieder den Mehrkämpfern unter den Turnern eine Plattform gaben. Um ihn herum bauten sie die Champions Trophy, luden acht namhafte Mehrkämpfer ein und lobten ein Preisgeld von 50 000 Euro aus, allein 15 000 für den Sieger – die höchste Dotierung eines Turn-Wettkampfes in Europa.

Wieder aber schraubten sie auch die Erwartungen hoch: Man wünsche sich natürlich, so der Hallensprecher, Fabian Hambüchen ganz vorne. Der gerade 21 Jahre alte Athlet reagierte realistisch: „Es geht mir nie darum, zu gewinnen, der Beste zu sein. Es geht mir einfach nur darum, dass ich meine Übung gut durchturne. Dann hängt es auch immer noch an den Kampfrichtern. Wenn alles passt, kann ich oben stehen“, sagte er.

Fabian Hambüchen: „Dann eben im nächsten Jahr“

Manchmal spielen freilich auch noch Kleinigkeiten eine große Rolle. So wie die Sehne am kleinen Finger der linken Hand Hambüchens. In Peking war sie im Training mit einem Knochenstück im Ansatz ausgerissen, die Mannschaftsärzte vor Ort hatten „nur“ eine Kapselverletzung diagnostiziert. Erst in der vergangenen Woche, als die Hand wieder angeschwollen war und schmerzte, zeigte eine Kernspin-Untersuchung, was in China übersehen worden war. Beim DTB-Pokal verzichtete Hambüchen, der verständlicherweise „sauer“ ist auf die erste Diagnose, deshalb auf die Teilnahme am Sprung-Wettbewerb. In dieser Woche wird entschieden, ob der „Sehnenbrei“ operiert werden muss; Hambüchen müsste dann mindestens sechs Wochen pausieren. „Glücklicherweise“, sagte er, „ist die WM im kommenden Jahr ja kein Qualifikations-Wettkampf.“

Auf die Zukunft ist sein Denken trotzdem ausgerichtet: „Dann eben im nächsten Jahr“, sagte er mehrfach in Stuttgart: die Barren-Übung soll noch besser werden – obwohl er im Mehrkampf von keinem Konkurrenten erreicht wurde –, auch am Reck bastelt er an noch höheren Schwierigkeiten. Und spätestens bei der Champions Trophy 2009 sollen sich dann auch die Stuttgarter wieder von seiner Extraklasse überzeugen können. „Vielleicht kann man zusehen, dass der Mehrkampf eine separate Veranstaltung wird“, wünscht sich Hambüchen stellvertretend für die Turner, die so ein Wochenende mit Qualifikation am Freitag, Geräte-Finals am Samstag und dem Mehrkampf am Sonntag ein Übermaß an Kraft kostet. Seine zweite Hoffnung: „Hoffentlich kommen das nächste Mal noch mehr Zuschauer.“ 3000 Leute saßen am Sonntag in der Porsche-Arena (Kapazität 5000). Solange dieser Fabian Hambüchen turnt, ist sportlicher Hochgenuss ohnehin garantiert.

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