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© Freya Hoffmeister

So weit die Paddel tragen

Von ANNE ARMBRECHT

2. März 2017 · Erst Australien, dann Südamerika, bald Nordamerika: Freya Hoffmeister umrundet mit dem Kajak Kontinente. Was treibt die Extremsportlerin an?

© Stepmap, Bearbeitung FAZ.NET Die deutsche Extremsportlerin Freya Hoffmeister startete Ihre Südamerika-Tour in Buenos Aires. Sie ist der erste Mensch, der den Kontinent mit dem Kajak umrundete. Die Gesamtroute dieser Reise ist 27.000 Kilometer lang.

Routen auf Seekarten zirkeln, planen, wann sie wo sein will, Kontakte knüpfen – all das gehört dazu. Am Ende hängt doch alles vom Wetter ab. Freya Hoffmeister kennt das schon. Es ist nicht die erste Kajaktour, die sie vorbereitet, aber mit Abstand ihre längste: Zweimal von Seattle bis New York will sie paddeln, einmal auf dem nördlichen Weg, über die Nordwestpassage, einmal auf dem südlichen, durch den Panamakanal. Einmal rund um Nordamerika. Niemand vor ihr hat diese Tour um den Kontinent bislang mit dem Kajak gewagt.

Freya Hoffmeister hält schon eine Reihe von Rekorden. Sie war die erste Frau, die rund um Australien und den Süden Neuseelands paddelte. Der erste Mensch, der es mit dem Kajak um Südamerika schaffte. Sie wurde mit dem World Paddle Award und vom „National Geographic“ als „Adventurer of the Year“ ausgezeichnet. Im Deutschen Kanu-Verband ist sie Botschafterin ihres Sports. Freya Hoffmeister ist leidenschaftliche Extrempaddlerin. Hauptberuflich betreibt die 52 Jahre alte Geschäftsfrau zwei Eisdielen in Husum und einen Weihnachtsladen, nebenbei schreibt sie Bücher und hält Vorträge über das, was sie beim Paddeln erlebt, über Motivation und das Nicht-Aufgeben.

Aufgeben – kam ihr das jemals in den Sinn? Freya Hoffmeister verneint. Doch wenn sie von Stürmen am Kap Hoorn erzählt, wird klar, dass selbst diese starke Frau mit der lauten Stimme norddeutschen Einschlags nicht alles kaltlässt. Auch wenn sie über den Hai, der ihr einmal ins Heck biss, inzwischen lachen kann. Da wäre das Boot beinahe abgesoffen, sagt sie. Ein Zahn steckte noch im Heck. Aber das Leck war schnell geflickt.

© DPA, Reuters Im August 2011 brach Hoffmeister in Buenos Aires zu ihrer Rundfahrt um Südamerika auf. Sie benötigte 30 Monate um die gesamte Strecke zurückzulegen.

Eine Schwimmweste trägt Freya Hoffmeister nicht auf ihren Touren. Die würde über Stunden nur die Haut wundscheuern. Stattdessen verbindet ein Seil die Paddlerin mit dem Kajak. Das Boot sei die beste Lebensversicherung, sagt sie.

Was treibt einen Menschen zu solchen Extremen? Reich wird man vom Paddeln nicht. Vorträge, Bildbände und ein paar Sponsoren helfen immerhin bei der Finanzierung der Projekte. Also was ist es? Freya Hoffmeister selbst bezeichnet sich schlicht als ehrgeizig. „Wenn man Berge hochkraxelt, werden die mit der Zeit auch höher“, sagt sie. Etwas Spirituelles kann sie dem Paddeln nicht abgewinnen. Die Ozeane sind nicht ihr Jakobsweg, auch wenn sie die Einsamkeit draußen in der Natur sehr zu schätzen weiß. Für Freya Hoffmeister ist vor allem die Freude an außeralltäglicher Bewegung wichtig. Sie nennt sich Sportlerin, nicht Abenteurerin oder Reisende. Nicht die Erste oder Schnellste will sie sein, sondern „exklusiv“: „Machen, was nicht jeder macht oder schafft.“ Eine Tour mit dem Segelboot kam für sie nie in Frage. Sie will den Weg aus eigener Kraft schaffen und sagt: „Ein Boot mit Segel ist für mich wie ein Rad mit Elektroantrieb.“

© Freya Hoffmeister Hoffmeister ist leidenschaftliche Extrempaddlerin. Sie sagt: „Ein Boot mit Segel ist für mich wie ein Rad mit Elektroantrieb.“

Freya Hoffmeister ist Einzelkämpferin aus Überzeugung. Teamsport hat sie nie gereizt. Sie war zehn Jahre Leistungsturnerin, es folgten fünf Jahre Bodybuilding und ein sechster Platz bei der Wahl zur Miss Germany, dann weitere zehn Jahre Fallschirmspringen. Als sie schwanger wurde, ging all das nicht mehr. Sie entdeckte das Paddeln für sich. Ihr Kind setzte sie zu Beginn in die Gepäckluke. Von Husum paddelte sie entlang der deutschen und dänischen Küste. Die Ambitionen wurden schnell größer: Island umrundete sie in 33 Tagen, Australien in 322 Tagen, Südamerika in 30 Monaten. Nun soll es Nordamerika sein. Acht Jahre Zeit will sie sich dafür insgesamt nehmen – für 55 000 Kilometer. Das ist so viel wie ihre bisherigen Strecken zusammen. Losgehen soll es im März. Sie will in Blöcken von drei bis fünf Monaten paddeln, im Schnitt zehn Stunden am Tag, mal mehr, mal weniger. Pausen diktiert das Wetter.

© Freya Hoffmeister Hoffmeister und ihr Boot

Ihr Boot ist ein klassisches Langstreckenboot. Ein Alleskönner, wie sie sagt: schnell, stabil, großvolumig. Es passt genug hinein, um drei bis vier Wochen unabhängig zu sein: ein Zelt, Camping-Utensilien, Kleidung, Wasser, Lebensmittel. Alles in allem wiegt es 100 Kilogramm. Vorwärts geht es mit einem Wingpaddel, das man auch aus dem Kanurennsport kennt, mit schaufelähnlichen Paddelflächen. „Das Effektivste, was es gibt“, sagt Freya Hoffmeister. Auch Satellitentelefon, GPS, Handy und Signalraketen sind an Bord. Und diesmal muss sie sich auch um eine Waffe bemühen. „Ohne geht man nicht zu den Eisbären.“ Krokodile und giftige Quallen sind ihr in Australien begegnet, auch Pinguine, Riesenschildkröten und Robben. Doch Braun-, Schwarz- und Eisbären sind auch ihr nicht mehr geheuer. Freya Hoffmeister wird ihre Solo-Tour unterbrechen, wenn es ganz hoch in den Norden geht – allein zu den Polarbären, das hält auch sie für unvernünftig. Ansonsten gilt: In Städte geht sie nur zum Einkaufen oder um Vorträge zu halten. Zwei, drei Tage, dann will sie wieder weg vom Trubel, hinaus in die Einsamkeit.

  • © Freya Hoffmeister Freya Hoffmeister ist Einzelkämpferin aus Überzeugung.
  • © Freya Hoffmeister Der Speiseplan unterwegs ist eintönig, ...
  • © Freya Hoffmeister ... und die Finger sind wund vom Paddeln. Was treibt einen Menschen zu solchen Extremen?

Der Kopf rostet ein, wenn nur der Körper über Stunden, Tage, Wochen arbeitet, hat sie gelernt, fernab von Menschen und Gesprächen. „Man verlernt ein bisschen das Denken“, sagt sie. Aber zurück in der Heimat gebe sich das schnell wieder. Dort warten ihr Sohn und der Lebensgefährte. Und norddeutsches Schwarzbrot. Der Speiseplan unterwegs ist eintönig: morgens Haferflocken, abends Nudeln oder Reis. Zwischendurch Obst, Riegel und Nüsse. Schnell verwertbare Energie eben. Der Motor muss arbeiten, sagt sie.

Wenn sie das Projekt geschafft hat, wird sie mindestens 60 Jahre alt sein. Und wenn es nicht mehr reicht bis zum Schluss? Der Körper nicht mehr mitmacht? Oder wenn sie die Lust verliert? „Soll mir mal einer erzählen, ich wäre gescheitert!“, sagt sie. Gezweifelt habe sie noch nie: Zweifel, Sorgen und Ängste machten Menschen zu Opfern. Und ein Opfer will sie nicht sein. „Wenn der Körper nicht mehr will, soll er's halt sagen.“ Dann findet sie ein neues Projekt. „Never start stopping, never stop starting“, ist ihr Motto. Du darfst nie aufhören, neu anzufangen.

Dieser Artikel stammt aus der Frankfurter Allgemeine Woche:

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Quelle: F.A.Z. Woche

Veröffentlicht: 02.03.2017 11:51 Uhr