27.08.2005 · Beim CHIO in Aachen gibt es fast nur ein Thema: Die Diskussion über die Trainingsmethode des „tiefen Einstellens“. Holger Schmezer, Bundestrainer der Dressur-Equipe, äußert sich dazu im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Rings um das Dressurviereck beim CHIO in Aachen gibt es neben der deutschen Niederlage nur ein Thema: Die auch von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung angestoßene Diskussion über die Trainingsmethode des „tiefen Einstellens“. Diese wird vom niederländischen Nationaltrainer Sjef Janssen als neues Erfolgsmodell propagiert, von den Verfechtern der „Richtlinien“, des international anerkannten Leitfadens für die Pferdeausbildung, als „Irrweg“ und von scharfen Kritikern sogar als Quälerei bezeichnet. Holger Schmezer, der 58 Jahre alte Bundestrainer, rechnet sich eher den Fundamentalisten zu und ist „grundsätzlich dagegen“.
Seit den Europameisterschaften gibt es in der Öffentlichkeit eine kritische Diskussion über Trainingsmethoden im Dressurreiten. Stört Sie das?
Wenn Probleme da sind, muß man froh sein, daß darüber diskutiert wird.
Es gibt also auch Ihrer Ansicht nach Probleme.
Ja, die sind uns bewußt. Allerdings wurden jüngst in den Medien Methoden beschrieben, die ich verabscheue und die mir total fremd sind wie etwa Elektroschocks oder Marterinstrumente, darüber braucht man nicht zu diskutieren.
Hauptsächlich reden sich die Leute hier in Aachen allerdings über das „Aufrollen“ des Pferdehalses im Training die Köpfe heiß. Wie ist Ihre Haltung dazu?
Es gibt unterschiedliche Reitweisen, und nicht alle entsprechen in jeder Hinsicht den klassischen Richtlinien. Die Richtlinien aber sind die Grundlage meiner Arbeit und der vielen deutschen Erfolge, sie sind das Produkt langer Erfahrung. Im vorübergehenden tiefen Einstellen sehe ich aber noch kein Problem. Das ist nicht einmal eine neue Methode.
Die Kritik richtet sich allerdings gegen das dauerhafte Aufrollen der Pferdehälse, wie man es bis vor kurzem auf dem Abreiteplatz besonders bei niederländischen Spitzenreitern beobachten konnte - eine Einstellung, die auch bildhaft als „In-die-Brust-Beißen“ bezeichnet wird...
Wenn speziell die niederländischen Spitzenreiter angesprochen werden, besonders Anky van Grunsven, so habe ich nicht den Eindruck, daß ihre Pferde gequält werden. Sie sind als junge Pferde schon in diese Form gebracht worden. Dadurch ist die ganze Muskulatur auf diesen Reitstil eingestellt. Wenn man das nun von heute auf morgen mit einem anders ausgebildeten Pferd machen wollte, dann wäre das Tierquälerei. Und es würde auch nicht funktionieren.
Soll das heißen, Sie finden diese Trainingsmethode in Ordnung?
Grundsätzlich bin ich dagegen. Es wäre mir aber ganz recht, wenn die Holländer weiter so reiten. Ich sehe bei ihren Auftritten im Viereck Zusammenhänge, die sich negativ auf die Leistung auswirken. Da ist der wenig schwingende Rücken, das nicht herangeschlossene Hinterbein, wenig Versammlung. Zudem sind nur bestimmte Pferde brauchbar, die in der Lage sind, praktisch aus dem Nichts eine Piaffe hinzulegen, die durch seriöses Heranführen an die Piaffe so gar nicht entstehen könnte. Wie viele dabei nie den Spitzensport erreichen, weiß ich nicht. Wie weit es Tierquälerei ist, möchte ich nicht beurteilen. Das muß wissenschaftlich untersucht werden, wie das ja nun in die Wege geleitet wurde.
Muß man sich dann nicht fragen, wie es kommen kann, daß Anky van Grunsven mit einer Methode, die so viele Schwächen in der Ausbildung erzeugt, trotzdem zweifache Olympiasiegerin wurde?
Ja, das muß man sich fragen. Da ist die Richterschaft gefragt, die zu 99 Prozent entscheidet, was sie gerne sehen will. Und wenn die Richter Dinge außer acht lassen, die den Richtlinien widersprechen, wenn sie nicht beachten, daß bei jeder Lektion die Skala der Ausbildung berücksichtigt werden muß, dann muß man fragen: Wie weit sind die Richter heute eigentlich noch geschult? Heute richten die meisten vor sich hin und pflegen ihre eigene Meinung. Darin liegt für mich das Problem. Warum kriegt ein Pferd eine hohe Note trotz deutlicher Spannung, wenn es keinen durchlässigen Eindruck macht und am Anfang und am Ende gar nicht mehr Halt macht?
Kann man daraus schließen, daß Sie Anky van Grunsven mit ihren Pferden weniger Punkte geben würden als die zuständigen Richter?
Grundsätzlich, wenn ich alle Kriterien zugrunde lege, die ich für wichtig halte, sind mir ihre Noten tatsächlich zu hoch. Ich sage nicht nur: Mann, wie der die Beine hochreißt.
Die „Durchlässigkeit“, die aus der Fachsprache wohl am ehesten mit dem „spontanen Reagieren auf feine Hilfen“ zu übersetzen wäre, wurde früher im Grand Prix vor allem anhand der „Schaukel“ mit dem Hauptelement des Rückwärtsrichtens überprüft. Warum wurde gerade diese Lektion abgeschafft?
Aufgrund des Einflusses ausländischer Repräsentanten. Die Schaukel wurde ersetzt durch noch mehr Betonung auf spektakuläre Lektionen wie Piaffe und Passage.
Spielt da auch der niederländische Nationaltrainer Sjef Janssen als Mitglied des internationalen Dressur-Ausschusses und Vorsitzender des Trainerklubs eine Rolle?
Ja. Das wurde eindeutig von holländischer Seite so betrieben.
Wenn Sie sagen, die niederländischen Pferde würden durch das tiefe Einstellen nicht gequält, weil die Reiter es richtig machen - droht dann aber nicht die große Gefahr wenig pferdegerechter Nachahmung?
Die Nachahmung ist das wirklich Schlimme an der Geschichte. So eine Anky kann mit dem, was sie macht, auch umgehen. Aber andere haben vielleicht schon das komplette Outfit von Anky und denken, ihre Pferde müssen so gehen, wie sie es vielleicht momentweise bei Anky sehen.
Allerdings berichten viele Beobachter sehr kritisch von ziemlich extremen Trainingsbildern im Rahmen der Olympischen Spiele in Athen.
Ja. Da haben wir Bilder gesehen, wie Pferdenüstern wirklich über einen längeren Zeitraum tief auf die Brust gezogen waren, und da dreht sich einem der Magen um.
Welche Pferde waren das? Holländische?
Nein. Nicht nur. Solche Bilder sah man allerdings zuletzt nicht mehr.
Der niederländische Dressur-Promoter Joep Bartels behauptet etwas spöttisch, die Reiter seines Landes hätten sich eben weiterentwickelt, während die Deutschen stehengeblieben seien. Was sagen Sie dazu?
Wir entwickeln uns ständig weiter. Auch, indem wir uns auf Altes zurückbesinnen. Auch Irrwege haben in der Geschichte schon zu Verbesserungen geführt. Doch der kurzfristige Erfolg kann nicht unser Ziel sein.
Das Herabziehen der Pferdenüstern auf die Brust wird auch als das Herbeiführen totaler Unterordnung kritisiert. Wie sehen Sie das?
Die Unterordnung sehe ich nicht, so, wie sich die Pferde auf dem Abreiteplatz verhalten. Wenn sie sich entziehen wollen, tun sie das auch. Sie sind nicht untergeordnet, sondern angespannt. Das wird sogar ausgenutzt, um noch exaltiertere Tritte zu provozieren und Effekthascherei zu erreichen.
Es gibt ja nicht nur Kritik an holländischen, sondern auch an den Abreitegewohnheiten deutscher Reiter. Von Beobachtern, die sich auch schon schriftlich an diese Zeitung gewandt haben, werden immer wieder die Namen Isabell Werth und Martin Schaudt genannt. Können Sie deren Auftritte, die ja auch schon Ermahnungen nach sich gezogen haben, verantworten?
Es liegt in der Natur der Sache, daß ein Pferd vorübergehend einmal bestraft und zur Räson gerufen werden muß. Wer kann einem erfahrenen Reiter belegen, daß er etwas falsch macht? Reitet er wirklich zu lange ab? Ich finde es deswegen gut, daß sich eine Arbeitsgruppe mit Wissenschaftlern nun einmal ernsthaft mit solchen Fragen befaßt.
Von Isabell Werth heißt es, sie habe ihr hochempfindliches Pferd Satchmo zu stark unter Druck gesetzt und sei deshalb in eine Sackgasse geraten. Können Sie das nachvollziehen?
Satchmo ist schon von seiner Abstammung her ein schwieriges Pferd. Da liegen Genialität und Aufstecken dicht beieinander. Der Grund muß keine bewußte Überforderung sein, ihre Maßnahmen können auch einmal im Grenzbereich liegen. Gerade ist es noch gut, dann kippt es von einem Moment auf den anderen um. Wenn jemand aus Ehrgeiz übertriebene Härte ausübt, schreite ich dagegen ein. Doch im Grunde habe ich wenig in der Hand, einem erfahrenen Reiter Grenzübertretungen zu belegen. Gelegentlich regelt es sich auch von selbst in der Prüfung.
Und was sagen Sie zu den Vorwürfen des allzu harten Vorbereitens von Weltall durch Martin Schaudt?
Auch Weltall ist ein extrem schwieriges Pferd. Er bewegt sich an der Grenze zwischen Genie und Revoluzzer. Jemand anderes hätte ihn vielleicht gar nicht angepackt. Da kommt man nur mit sehr viel Aufwand weiter, und Martin Schaudt beschäftigt sich sehr intensiv mit ihm. Wenn man den richtigen Weg findet, klappt es. Beide Reiter, von denen wir jetzt sprechen, haben ja bereits mehrere Pferde in den großen Sport gebracht, und sie haben alle lang gehalten.
Dennoch muß man wohl festhalten, daß es in dieser Hinsicht eine große Kluft gibt zwischen Spitze und Basis.
Wenn Leute sich aufregen über das, was sie an den Abreiteplätzen sehen, kommen wir wieder auf die Richter zurück. Ich kann doch keinen Weltrekord-Reiter zu Hause lassen, wenn die Richter ihn gut finden. Meine Aufgabe ist es, die zu suchen, die von den Richtern Punkte kriegen.
Müssen Sie also dem Erfolg grundsätzliche Erwägungen opfern?
Nein. Aber Spitzensport ist Individualsport, und keiner ist gleich. Mir liegt es auch eher, etwa mit Hubertus Schmidt zusammenzuarbeiten, weil ich es selbst so machen würde wie er. Ich kann aber nicht behaupten, daß nur meine Vorstellungen die richtigen sind.