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Extremsport Klettern am Limit

27.01.2012 ·  Der Fels und das scheinbar Unmögliche: Chris Sharma lässt den Sport das Leben formen - und verkörpert damit ein Idealbild.

Von Bernd Steinle
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© Archiv Sharma Kletterkünstler Chris Sharma: „Wenn du etwas siehst, das dich inspiriert, kommt die Motivation von allein“

Grenzen? Natürlich gebe es Grenzen, sagt Chris Sharma. „Du kannst dir ein Stück Glas anschauen und sagen: Keine Chance, das zu klettern, es gibt keine Griffe, richtig? Aber grundsätzlich gibt es immer noch eine Menge Spielraum für Fortschritte.“ Es gibt kaum einen Kletterer, der diesen Spielraum zuletzt so ausgereizt hat, so sehr die Grenzen des Möglichen ausgelotet hat, wie Chris Sharma. Der 30 Jahre alte Amerikaner hat eine Reihe härtester Erstbegehungen geschafft, Routen in den höchsten Schwierigkeitsgraden, die zum Teil bis heute kein Kletterer wiederholt hat. Er ist zur Leitfigur der Kletterszene geworden, und das nicht nur wegen seiner sportlichen Ausnahmeleistungen am Fels.

Sharma verkörpert für viele auch eine Art Idealbild des Kletterns als Lebensstil, der Möglichkeit, wie das Klettern ein Leben formen und bestimmen kann. Als er vor kurzem beim International Mountain Summit in Brixen auftrat, einer Art Gipfeltreffen von Spitzenalpinisten, war der Saal zum Bersten voll. Kaum betrat Sharma die Bühne, brach ein Jubelsturm los, als wären die Beatles wieder vereint.

„Neue Dinge entdecken, neue Routen finden, draußen in der Natur sein und an all die wunderschönen Orte in der Welt kommen, das alles zusammen mit der Herausforderung, an meine Grenzen zu gehen, macht das Klettern für mich so besonders“, sagt Sharma. Diesem Weg ist er konsequent gefolgt. Mit 12 brachte ihn seine Mutter erstmals in die Kletterhalle, im kalifornischen Küstenort Santa Cruz. Seine Eltern waren Schüler des Yoga-Meisters Baba Hari Dass, der sie getraut und ihnen den Namen Sharma gegeben hatte. Auf ihn geht auch Chris Sharmas zweiter Vorname Omprakash zurück, übersetzt „heiliges Licht“.

Sharmas Talent für das Klettern wurde schnell offenbar. Mit 13 habe er sich an einem Finger hochziehen können, erinnert sich der Besitzer der Kletterhalle, mit 14 gewann Sharma die amerikanischen Klettermeisterschaften, mit 15 bewältigte er in Arizona als erster die Route „Necessary Evil“, „Notwendiges Übel“, eine der schwierigsten Routen in den Vereinigten Staaten. Mit 16 reiste er zum ersten Mal nach Europa. Es war der Beginn einer zehn Jahre dauernden Wanderzeit, in der Sharma vor allem für zweierlei lebte: Reisen und Klettern.

Neue Welt: Deep Water Soloing

Er tourte durch Europa, Neuseeland und immer wieder Asien, verbrachte viel Zeit in Thailand und Indien, wanderte 1000 Meilen durch Japan, von einem buddhistischen Tempel zum nächsten, monatelang. 2001 verblüffte Sharma die Kletterwelt mit der Erstbegehung der Route „Realization“ in Frankreich. Im selben Jahr gewann er den Boulder-Weltcup in München, wurde aber wegen einer positiven Doping-Probe auf das Betäubungsmittel THC disqualifiziert. THC ist der Hauptwirkstoff der Cannabis-Pflanze. Der Fall schlug Wellen, es entbrannte eine Diskussion über Freiheit und Selbstbestimmung im Klettern und über die Notwendigkeit der Einschränkungen durch das Wettkampf-Reglement. Sharma entschied die Sache auf seine Art. Und konzentrierte sich aufs Felsklettern.

Dort entdeckte er bald eine neue Spielart des Kletterns - Deep Water Soloing, Klettern ohne Sicherung über dem Wasser. „Ich war zu dieser Zeit fast schon etwas gelangweilt vom Klettern“, sagt er. „Aber mit Deep Water Soloing hat sich für mich eine neue Welt aufgetan.“ Es wurde für ihn zur perfekten Form des Kletterns. „Ich komme aus Santa Cruz“, sagt er, „bin am Strand aufgewachsen, mit meinen Vater surfen gegangen. Als ich mit Klettern begonnen habe, bin ich immer vom Strand weg in die Berge gegangen. Ich hatte immer eine starke Verbindung zum Meer, darum machte Deep Water Soloing für mich so viel Sinn. Es brachte Meer und Fels zusammen.“ Zudem konnte er dort seine Erfahrungen aus dem Bouldern nutzen, dem Klettern in Absprunghöhe. Und ihn faszinierte der pure, reine Stil des Kletterns, „keine Seile, keine Gurte, keine Klamotten“. Vielleicht noch ein Paar Shorts.

Ein Sieg der Beharrlichkeit

Für den perfekten Stil fand er das perfekte Ziel: den gewaltigen, im Meer freistehenden Felsbogen „Es Pontas“ auf Mallorca. Er kletterte ihn an der Innenseite hoch, ständig überhängend. Unzählige Versuche endeten mit dem Abflug ins Meer. Bis er im September 2006 ganz oben stand. Es war eine herausragende athletische Leistung, aber es war auch ein Sieg der Beharrlichkeit, der Besessenheit - wie so oft, wenn sich der persönlich so zurückhaltend und tiefenentspannt wirkende Sharma eines seiner unmöglich erscheinenden Ziele setzt und sich monate- oder gar jahrelang daran abarbeitet. „Ich habe zwei Jahre mit dieser Route verbracht, war oft ganz alleine dort unterwegs“, sagt Sharma. Es war das einzige, was damals für ihn existierte. Er lebte in seiner eigenen Welt.

Für das Klettern am Limit, wie Sharma es praktiziert, muss vieles zusammenkommen: Kraft und Technik, Ausdauer und Fokussierung, Kreativität und Phantasie. Vor allem aber: extreme Motivation. „Es gibt Kletterer, die sehr stark sind, die unglaubliche Kraft haben, was sich aber nicht unbedingt in die Leistung am Fels überträgt“, sagt Sharma. „Es ist eine Frage der Motivation und der Art, seinen Körper richtig einzusetzen.“ Oft gerät diese Frage zur gedanklichen Gratwanderung, kommt der Kopf dem Körper in die Quere. „Das Verlangen, eine Route zu schaffen, kann genauso gut zu dem werden, was uns den Erfolg verwehrt“, schreibt Sharma in seinem Blog, nachdem er im vergangenen April die Route „First Round First Minute“ in Spanien geschafft hat, mit dem derzeit höchsten Schwierigkeitsgrad 9b bewertet.

Die nächste Stufe erreichen

Denn irgendwann beginnen die eigenen Erwartungen das Spielerische am Klettern, den natürlichen Fluss der Bewegungen, zu hemmen. Sharma schaffte die Route letztlich erst, als er ihr nach vielen frustrierenden Fehlversuchen den Rücken kehrte und andere Projekte ins Auge fasste - um dann auf gut Glück doch noch mal einzusteigen.

Sharma zieht seinen inneren Antrieb aus den Zielen, die er sich steckt. „Wenn du etwas siehst, das dich inspiriert, kommt die Motivation von allein“, sagt er. Wie zuletzt in Katalonien, wo der einstige Weltreisende vor vier Jahren sesshaft wurde. Dort lebt er mit seiner Freundin Daila Ojeda, ebenfalls eine Spitzenkletterin, dort fühlt er sich zu Hause, und dort, sagt er, „gibt es noch so viel Fels, so viel Potential, so viel Neues zu entdecken“. Spanien sei für ihn „fast wie ein zweites Kapitel meiner Kletterkarriere gewesen, meine Motivation wurde größer als je zuvor“. Klingt vielversprechend. Was seine persönlichen Grenzen angeht, sagt Sharma: „Ich fühle, dass ich mich noch ein bisschen weiter pushen, die nächste Stufe erreichen kann.“ In Zahlen: eine Route des Grads 9b+ schaffen. Man wird vermutlich bald wieder hören von Chris Sharma.

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