Die Asse beim Côte-d’Azur-Marathon sind an diesem Sonntagvormittag längst durch. Alle kommen aus Afrika, angeheuerte Profis, zuständig für die Top-Zeiten. Während die Siegerehrung schon beendet ist, trudeln an der Croisette nach und nach die Massen der Freizeitläufer ein. Müde Gestalten, sie schwitzen und hecheln, manche klappen vor Erschöpfung hinter der Ziellinie zusammen. Doch die Freude über die Leistung kommt schnell wieder.
“Yes we Cannes, it’s very Nice“, steht überall auf den bunten Werbeplakaten für den Marathon. Das Wortspiel bezieht sich auf die beteiligten Städte. In Nizza fällt morgens der Startschuss, auf dem berühmten Boulevard in Cannes ist das Ziel. Für die PR-Leute aus den Tourismusbüros hat der Lauf an diesem Novemberwochenende hohe Priorität. Die Veranstaltung soll wachsen, auch international Aufmerksamkeit generieren, mehr Läufer anziehen, die Region promoten. 11.000 Läufer haben diesmal gemeldet, in London, Paris oder Berlin sind es drei- oder viermal so viel. „Wir sehen hier großes Potential“, sagt Rémi Duchemin.
„Explosion“ der Teilnehmerzahlen
Der 33 Jahre alte Unternehmer sitzt im provisorischen Organisationsbüro, das in einem der feinen Hotels an der Croisette untergebracht ist, und blickt in die Zukunft. Der Riviera-Marathon ist das neueste Investitionsobjekt im Portfolio von OC Sport. Duchemin führt die Geschäfte der französischen Gruppe und gehört auch zu den Gründern. Spezialisiert hat sich die Firma auf Massenveranstaltungen wie Marathonläufe, sportive Herausforderungen in der Natur, Abenteuer für Hobbyathleten und Veranstaltungsformate auch für urbanen Action-Spaß. Es geht hier nicht um teure Stars, TV-Millionen oder exquisite Logenplätze.
Ein gestiegenes Gesundheitsbewusstsein, neue Körperideale der Wohlstandsgesellschaft und ein auf sportliche Selbsterfahrung ausgerichteter Lebensstil sind die Triebkräfte der Bewegung und des Geschäfts. Dahinter steht der Milliardenmarkt der Sportartikelindustrie mit einem Outdoor-Segment, das immer mehr an Bedeutung gewinnt und Jahr für Jahr zweistellige Wachstumsraten aufweist. Duchemin spricht von einer „Explosion“ und meint damit die Steigerungen bei Teilnehmerzahlen. „Viele Veranstaltungen sind übers Internet in Minuten ausverkauft“, sagt der Franzose. Auf der britischen Insel fänden in der besseren Jahreszeit jedes Wochenende zehn große Jedermannradrennen statt. Ein ähnliches Bild ergebe sich in den Vereinigten Staaten, Brasilien, Japan und Australien. Sonst gab es da nur Frankreich, Belgien, Italien und noch Deutschland.
Duchemin und seine Leute haben die Marke „Haute Route“ erfunden. In sieben Tagesetappen mit dem Rennrad über die Alpen, 780 Kilometer, 21.000 Höhenmeter - das härteste Radrennen der Welt für Amateure, heißt es in der Werbung. 600 nehmen teil. Im nächsten Jahr wird es eine weitere Version für die Pyrenäen geben. Die Marathonläufe sind dagegen längst weltweit etabliert. Dennoch gibt es offenbar weiterhin eine Nachfrage. Gute Veranstalter, interessante Strecken und attraktive Orte erfreuen sich hoher Beliebtheit. Immer mehr Zulauf erhält das sogenannte Trail-Running. Hier geht es über unbefestigtes Terrain, Berge oder sogar durch Wüsten. Die extremen Distanzen liegen bei 50, 100 oder 150 Kilometern.
Teilnahmegebühr von mehr als 400 Euro
Die Sportverbände haben den Outdoor-Trend verpasst. Statt sich an den Bedürfnissen ihrer Basis und dem Zeitgeist zu orientieren, bewegen sie sich in ausgetretenen Pfaden und legen das Augenmerk oft zu einseitig auf die Spitze, die Elite und den Profibetrieb. Um wieder aufzuholen, fehlen den Verbänden meist die personellen Ressourcen, die Kreativität und der unternehmerische Geist. Vermarkter wie Duchemin profitieren von diesen Defiziten. „Das gibt uns eine Menge Freiheit“, sagt er.
In diese Lücken stößt auch Kai Walter. Der ehemalige Luftwaffen-Major ist gerade aus Lausanne zurückgekommen. Dort war er zu einer Konferenz eingeladen, die Sportveranstalter und mögliche Ausrichterorte näher zusammenbringen will. Er habe gute Gespräche geführt und Kontakt zu zwei „hochinteressierten“ Städten geknüpft, sagt Walter. Er leitet die Europa-Zentrale des Ironman-Konzerns. Firmensitz ist im hessischen Hanau. Die Triathlonserie gehört zu den profilierten Sportmarken. Ein Outdoor-Klassiker. Mittlerweile gibt es weltweit neben dem Original auf Hawaii 29 weitere Ironman-Veranstaltungen (3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren, Marathonlauf). Die wichtigste in Europa findet in Frankfurt statt. Unter demselben Label laufen inzwischen zusätzlich 66 Rennen über die halbe Distanz. Ironman ist Marktführer, das war schon immer so.
„Der Boom geht weiter“, glaubt Walter. Doch es gibt Verteilungskämpfe zwischen mehreren Triathlon-Serien, die unterschiedliche Rennformate anbieten. Die kommerziellen Möglichkeiten sind nicht endlos steigerbar. Die Kundschaft ist preissensibel geworden. Der Ironman in New York wurde nach einem Jahr wieder abgeblasen, weil die Teilnehmer streikten. Die schon extrem hohe Startgebühr von 895 Dollar sollte für 2013 noch mal auf 1.200 Dollar angehoben werden. Da zogen die Hobbyathleten nicht mit. Die durchschnittliche Gebühr für ein Rennen über die lange Distanz beträgt 425 Euro. Trotzdem: Weltweit gibt es 180.000 Ironman-Sportler, 35.000 davon in Europa. Ein Pfund.
Um die Vierzig, Gutverdiener, reiselustig
Duchemins Sportgemeinde umfasst derzeit etwa 32.000 Aktive. OC Sport kennt seine Zielgruppe aus der Marktforschung. Der typische Starter beim „Haute-Route“-Rennen ist um die vierzig Jahre alt, männlich, erfolgreich im Beruf, Gutverdiener mit hoher Kaufkraft, investitionsfreudig, reiselustig. Ähnliche soziodemographische Merkmale zeigen sich beim Ironman. Nun geht es darum, die Basis zu vergrößern, zum Beispiel mehr Frauen anzuziehen. Beim Triathlon in Frankfurt ist die Frauenquote zuletzt auf 15 Prozent gestiegen. Beim sechstägigen Radrennen über die Alpen liegt die Frauen-Quote immerhin bei 30 Prozent. Die Teilnahme kostet 1.500 Euro - ohne Übernachtungen. OC Sport verdient zusätzlich an der Vermittlung von Unterkünften, Reisen und weiteren Servicepaketen.
Geld kommt bei diesem Geschäft auch von den Ausrichterstädten. Diese nutzen die Sportveranstaltungen immer mehr für ihr eigenes Marketing, den Tourismus und zur direkten Wirtschaftsförderung. Der Triathlon in Frankfurt bringt zusätzlich 16.000 Hotelübernachtungen, und nach einer Erhebung des Einzelhandelsverbandes steigen die Umsätze der Geschäfte in der Fußgängerzone übers Wochenende um 15 Prozent. Jeder Teilnehmer lässt rund 500 Euro in der Stadt und bringt im Schnitt zwei bis drei Begleiter mit, sagt Walter. Frankfurt zahlt fast 300.000 Euro an die Ironman-Organisation. Für Outdoor-Sportveranstaltungen dieser Kategorie können bis zu 500.000 Euro von den Städten erlöst werden. Für OC Sport hängt der Erfolg des Events und der Zuspruch durch die exklusive Sportzielgruppe stark vom Niveau der Destinationen ab. „Wir brauchen dynamische Städte mit internationaler Verkehrsanbindung, gute Hotels, gute Restaurants“, sagt er.
Auch in Genf veranstaltet OC Sport einen Marathon. Mit seiner spektakulären Segelserie für Katamarane (Extreme Sailing Series) geht die Firma in Metropolen wie Qingdao, Porto, Istanbul oder Rio de Janeiro. Mitten in die Städte, Segelrennen wie im Stadion. Mehrere hunderttausend Zuschauer kamen. In Märkten wie China, Brasilien oder der Türkei wollen die Franzosen über Profisport den Fuß weiter in die Tür bekommen, um den Vertrieb ihrer Outdoor-Palette für das Jedermann-Programm vorantreiben. Die Segel-Action wurde in dieser Saison ergänzt - durch ein Etappenrennen in Europa mit den modernsten Offshore-Trimaranen (Mod 70). Startpunkt war Kiel. „Wir können uns in Deutschland mehr vorstellen“, sagt Duchemin. Was, will er nicht verraten.
Globaler Umsatz von 100 Millionen
Einen Umsatz von rund zehn Millionen Euro macht die Unternehmensgruppe OC Sport. Mitbeteiligt im Hintergrund ist Patrice Clerc, mächtiger Sportmanager in Frankreich, einst Präsident der Amaury Sport Organisation (Tour de France, Dakar Rallye) und Direktor des Tennisturniers Roland Garros. Über Clerc kam die 30-Prozent-Beteiligung einer Investmentgesellschaft (Matignon) hinzu. Die Ironman-Organisation (World Triathlon Corporation) liegt fast ganz in Händen der amerikanischen Investmentgesellschaft Providence. Der globale Umsatz mit den Veranstaltungen beträgt hier rund 100 Millionen, davon entfallen 20 Millionen auf Europa. Die wahren Werte in diesem Business sieht Duchemin im Humankapital. „Unser Vermögen sind die vielen Sportler, die bei uns mitmachen.“ Und die sollen rasch mehr werden.
Nur weil jedes Dorf seinen eigenen (beleuchteten) Fußballplatz hat?
Claus Behrens (chipin)
- 03.12.2012, 16:10 Uhr
um die vierzig Jahre alt, männlich, erfolgreich im Beruf,
Gutverdiener mit hoher Kaufkraft,
Matthias Unger (ungermat)
- 03.12.2012, 15:31 Uhr
Was soll noch alles kommen?
Christian Beller (ChristianBeller)
- 03.12.2012, 14:06 Uhr
Die modernen Bürohelden brauchen Erfolge & Endorphine, um der
Anstalt zu entgehen....
Martin Bebel (MaBe1968)
- 03.12.2012, 10:58 Uhr