Robert Harting hat ein Talent für kurze Prozesse. Nach Siegen zieht er sein Trikot nicht etwa aus und legt es beiseite, er zerreißt es, legt seinen gewaltigen Brustkorb frei, bietet ein Muskelspiel und Seelenstriptease in einem. Und so redet er manchmal auch. Kein anderer deutscher Athlet hat bei den Sommerspielen in London so offen über die Schattenseiten eines Lebens als Hochleistungssportler gesprochen wie der Olympiasieger im Diskuswerfen. Der ständig schmerzende Körper, die fehlende Anerkennung, die unsichere Zukunft, der finanzielle Verzicht - Harting gab der Gemütslage seiner Branche ein Gesicht. Mit seinem Erfolg, seinem Auftreten und seiner Konfliktbereitschaft bildet er eine Ausnahme, aber seine Kritik dürfte mehrheitsfähig sein. Sie ist teilweise sogar empirisch belegt.
Die Stiftung Deutsche Sporthilfe, der große Geldbeschaffer für Deutschlands Spitzenkräfte im Sport, der Karrieren oft erst möglich macht, hat herausgefunden, dass über die Hälfte der Athleten in ihrer aktiven Zeit ans Aufhören denkt. Sie nennt durchschnittliche Zahlen für Wochenarbeitszeit (60 Stunden), Brutto-Stundenlohn (7,38 Euro), Monatseinkommen (1919 Euro). Hinter alle den Ziffern steckt die Harting-Botschaft: Es reicht nicht. Das ist seit Jahren so, und dann kommen wieder Olympische Spiele, und viele hoffen, dass es besser wird, dass Erfolg am Ende einen Ertrag bringt, vielleicht mal einen eigenen Werbevertrag. Auch London war in diesem Sinne ein Marktplatz der Hoffnungen. Aber es wird wohl wie immer sein: Die meisten werden enttäuscht.
Nicht gleich von Millionen träumen
Viele sagen das auch offen, zum Beispiel die Kanutin Franziska Weber aus Potsdam, die nach Gold und Silber in fröhlichem Realismus erklärte, was sie jetzt erwarte. Nicht das Geringste. „Wir sind froh, wenn wir über die Runden kommen.“ Der Cottbuser Radbahnfahrer Maximilian Levy fasste das Grundgesetz der namenlosen Olympiateilnehmer in ihrem Vier-Jahres-Rhythmus in einem Satz zusammen: „Heute wirst du bejubelt, übermorgen kennt dich keiner mehr.“ Dazwischen liegt das Morgen, da gibt es meistens nur flüchtige Aufmerksamkeit, aber keine Belohnung über den Tag hinaus. Die Sporthilfe tut, was sie kann, sie zahlt für eine Goldmedaille 15.000 Euro aus, für Silber 10.000 Euro, für Bronze 7500 Euro und für Platz acht, den Schlusspunkt in der Staffelung, immer noch 1500 Euro. Zusätzlich kann es eine Förderung von 150 bis zu -- je nach Erfolg - rund 2200 Euro pro Monat geben, was keine langfristige Perspektive bietet, keine Absicherung garantiert, während andere, weniger Sportliche, beruflich Karriere machen. Aber es ist eine solide Förderung. Man will ja nicht gleich von Millionen träumen.
Dabei ließe sich die Anforderung für diesen verwegenen Traum einigermaßen präzise definieren, sagt Matthias Pietza, Geschäftsführer für Deutschland und Österreich bei der International Management Group (IMG), die seit Jahrzehnten Sportler vermarktet. „Wenn ein deutscher Sprinter Gold über 100 Meter holen würde, wäre ein siebenstellig dotierter Vertrag vorstellbar“, sagt er, „alles andere bewegt sich darunter.“ Spekulationen auf diesem leichtathletischen Terrain verbieten sich zu Lebzeiten von Usain Bolt. Der hat nach sechs Goldmedaillen im Sprint, drei in Peking 2008 und drei in London, noch höher dotierte Verträge und streicht pro Start bei Sportfesten - geschätzt- zwischen 300.000 und 400.000 Euro ein.
Er gehört in die Kategorie jener Olympiaathleten, denen normalsterbliche Sportler nur mit Humor, Ironie oder Bissigkeit begegnen können - was mehr noch für Goldschürfer wie den Tennisspieler Roger Federer oder den Basketballprofi LeBron James gilt, deren Jahreseinkommen im zweistelligen Millionenbereich liegen. Aber auch Gerüchte über angeblich besonders großzügige Staaten beleben die Debatte über Aufwand und Lohn im Sport, die im Unterton oft von Unverständnis und Missgunst geprägt ist. „Es gibt hierzulande eine überhitzte, inhaltlich verkürzte Diskussion um Prämien, weil diktatorisch regierte Länder und auch kleiner Länder Olympiasiege angeblich mit bis zu einer Million Euro honorieren“, sagt Michael Ilgner, der Vorsitzende des Vorstands der Sporthilfe.
Dabei bieten sich auch unterhalb der High-Class-Einkommen gute Perspektiven - was drei Mitglieder der deutschen Olympiamannschaft 2012 schon bald erfahren könnten. Fachleute sehen bei dem Turner Marcel Nguyen und den Beachvolleyballspielern Julius Brink und Jonas Reckermann die besten Chancen für eine erfolgreiche Vermarktung. Die entscheidenden Voraussetzungen sind immer dieselben: Erfolg, Fernsehen, Aussehen. Brink/Reckerman gewannen Gold, Nguyen zweimal Silber, insofern ist die Primärtugend für Werbefiguren aus dem Sport erfüllt. Beachvolleyball und Turnen hatten in London zudem gute Einschaltquoten, und die Sache mit der Optik ist auch kein Hindernis. Nguyen wirkt in seiner jugendlichen Vitalität wie ein Teeniestar, die beiden Männer aus dem Sand, die schon vier große Werbepartner haben, sind Vorzeigetypen aus einer Vorzeigesportart, mit lässiger Attitüde und einem Bekenntnis zur Körperlichkeit.
Die Chance des Augenblicks
„Gutes Aussehen und eine entsprechende Ausstrahlung sind durchaus förderlich bei der Vermarktung“, sagt Pietza. „Wobei die Optik bei den Frauen noch entscheidender ist als bei den Männern - aber das passt sich immer mehr an.“ Jörg Neblung, der Manager Nguyens, erzählte in London, für seinen Klienten gebe es schon mehrere Anfragen. Er hatte dabei nicht nur Kuriositäten wie die Einladung zu einer Kaufhaus-Eröffnung in Hongkong im Sinn. Er gedenke, Nguyen an die Chance des Augenblicks zu erinnern: „Wir müssen ihn jetzt mit Sponsorenterminen ein wenig stressen, um das Eisen zu schmieden, solange es heiß ist.“
Das haben auch andere schon so gemacht, aber nicht immer mündete diese Handwerkskunst in der Athletenvermarktung im finanziellen Olymp. Die bewegendste Geschichte 2008 in Peking spielte sich bei den Gewichthebern ab, wo Matthias Steiner nach dem tödlichen Unfall seiner Frau Olympiasieger wurde. Danach trat er oft im Fernsehen auf, er wurde gerne eingeladen und machte Werbung für ein Gerät zur Blutzuckermessung, weil auch er an Diabetes leidet. Kamen noch die Zahlungen seines Bundesligaklubs Chemnitz und die der Deutschen Sporthilfe dazu - beileibe keine Absicherung für das Leben nach dem Sport.
Das dürfte sogar für die aus deutscher Sicht eindruckvollste Leistung von Peking gelten, für Britta Steffens unwiderstehlichen Zug zu zwei Goldmedaillen. Sie machte lange mit der ehemaligen Managerin von Franziska van Almsick Geschäfte, bevor sie und ihr ebenfalls sehr erfolgreicher Lebenspartner, der Schwimmer Paul Biedermann, zu einer Vermarktungsagentur nach Heidelberg wechselten. Mit dieser Infrastruktur und mit ihren Erfolgen sind sie eine Ausnahme in der olympischen Kernsportart Schwimmen, in der sich die meisten mit Ausrüsterverträgen und kleineren, meist regionalen Sponsoren bescheiden müssen. Ausgesorgt haben aber auch sie nicht.
Bodenständigkeit, Zuverlässigkeit, Fairness
Aus dieser Sicht ist es ein Segen, für größere Märkte attraktiv zu sein wie im Fall Nguyen. Das ist auch bei Timo Boll der Fall, der den Chinesen schon seit langem lieb und teuer ist, weil dessen Tischtenniskunst sogar den eigenen, ansonsten weit überlegenen Landsleuten Probleme bereitet und zudem Bolls Tugenden - Bodenständigkeit, Zuverlässigkeit, Fairness, - bestens ankommen. Boll ist seit Jahren gut ausgestattet mit langfristigen Verträgen. Abgesehen von einer Versicherung haben alle Unternehmen einen Bezug zu China.
Dieser Trend setzt sich nach London sogar noch fort, denn nach Bolls Sieg gegen den eigentlich übermächtigen Zhang Yike gab es prompt eine weitere Anfrage. Umgekehrt gibt es Sportarten, die in manchen Ländern per se einen schlechten Stand haben - in Deutschland zum Beispiel. Kristina Vogel, die in London Gold im Teamsprint auf der Bahn gewann, sagt, sie habe „keine großen Illusionen“, denn: „Der Bahnradsport ist für Sponsoren bisher nicht sonderlich lukrativ.“ Vermarkter Pietza achtet gar nicht auf den Untergrund, er fasst das Problem allgemeiner, wenn er sagt: „Mit dem Radsport ist es in Deutschland sehr schwierig geworden mit der Vermarktung.“ Der Dopingverdacht fährt eben immer mit.
Marktplatz der Hoffnungen
In welche Vermarktungskategorie es Harting schafft, ist offen, denn sein extrovertiertes Wesen, seine Bereitschaft zum Konflikt könnten geschäftsschädigend sein. „Er hat als Einzelperson einen Vorteil gegenüber Athleten aus Mannschaftssportarten“, sagt IMG-Geschäftsführer Pietza - also etwa gegenüber den Hockey-Männern oder dem Ruder-Achter, die als Team zwar ein Begriff sind, eine starke Marke, deren einzelne Mitglieder aber keinen Wiedererkennungswert haben. „Es könnte aber sein, dass Hartings Auftreten sein Vermarktungspotential einschränkt.“ Soll heißen: Gold und der Umgang damit kann nicht nur das Geschäft befeuern, es kann auch befremden. Aber das passt ins Bild, denn Olympia gibt keine Garantien: Die Spiele sind ein Marktplatz der Hoffnungen und keiner der Gewissheiten.
Sport ist ein Hobby
Dominik Fe (fflying)
- 23.08.2012, 16:05 Uhr
Auch die Medien könnten helfen..
Dennis Sander (Androidbeere)
- 21.08.2012, 22:30 Uhr
Was bilden sich diese Sportler denn ein?
Séan Luthredon (Luthredon)
- 19.08.2012, 04:16 Uhr
Deutschland, Deine Sportler!
Juergen Gerhardt (monic64)
- 19.08.2012, 00:27 Uhr