30.07.2010 · Speerwurf-Europameisterin Linda Stahl schwört auf das duale System. Parallel zur Vorbereitung auf Olympia 2012 schreibt die Medizinstudentin an ihrer Doktorarbeit. Diese Zweigleisigkeit und notwendig im deutschen Sport.
Von Michael Reinsch, BarcelonaKaum ist sie Europameisterin, beginnt für Linda Stahl das Rennen um den Titel. Im nächsten Jahr, dem der Weltmeisterschaften von Daegu/Südkorea, wird die Speerwerferin aus Leverkusen die beiden letzten Semester ihres Medizinstudiums absolvieren. Danach verschiebt sie, zugunsten der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2012 in London, das eigentlich anstehende Praktische Jahr. „Damit nicht alles vorbeifliegt“, sagt sie, „schreibe ich in dieser Zeit meine Doktorarbeit.“
Linda Stahl hat in den erst 24 Jahren ihres Lebens gelernt, mit Belastungen umzugehen. Vor vier Jahren begann sie ihr Studium, vor zwei Jahren verpasste sie die Olympianominierung, obwohl sie in jener Saison ihre bis Donnerstag unübertroffene Bestweite von 66,06 Meter warf - nur drei Tage nach Qualifikationsschluss.
Auch Verena Sailer und Christina Obergföll verbinden Sport mit Studium
„Die Hochschule nimmt keine Rücksicht auf den Sport, und der Sport nimmt keine Rücksicht auf das Studium“, ist ihre Erfahrung. „Der schlimmste Spruch, den ich je gehört habe, war: Du nimmst immer das Studium als Ausrede, wenn es schlecht läuft im Sport.“ Dabei nimmt sie das eine zum Ausgleich des anderen. Beim Lernen freut sie sich aufs Training, im Training freut sie sich auf den Hörsaal.
Diese Zweigleisigkeit ist üblich im deutschen Sport und eine Notwendigkeit. Verena Sailer, die am Donnerstagabend in 11,10 Sekunden zur Goldmedaille über hundert Meter sprintete, während Linda Stahl und Christina Obergföll innerhalb weniger Minuten mit Würfen von 66,81 und 65,58 Meter die tschechische Olympiasiegerin Barbora Spotakova von der Spitze verdrängten, ist es ebenfalls zu wenig, tagein tagaus nur ihre schnellen Beine zu trainieren.
„Endlich steht die Steffi nicht mehr im Weg“ - sagt Nerius
Nach dem Vordiplom in Sportwissenschaft hat sie sich vor zwei Jahren auf ein Fernstudium in Sportmanagement verlegt. „Es ist wichtig, den Kopf zu beschäftigen“, sagt sie. „Allein zu wissen, dass man auch etwas anderes zu tun hat, ist ein gutes Gefühl.“ Silbermedaillengewinnerin Christina Obergföll hat gerade an der Universität Freiburg ihr Studium zur Sport- und Englischlehrerin abgeschlossen.
„Ich glaube nicht, dass Linda besser werfen würde, wenn sie mehr Zeit für Speerwurf aufwenden würde“, sagt ihr Trainer Helge Zölkau, der auch die Viertplatzierte Katharina Molitor betreut. „Wir können den jungen Menschen durch den Sport wirtschaftlich keine Zukunft bieten. Deshalb brauchen sie eine Berufsausbildung oder ein Studium.“
Über Handball und Schlagball zum Speerwerfen
Zölkau hat auch Welt- und Europameisterin Steffi Nerius betreut, deren vermutlich wichtigster Titel ihr Diplom als Sportlehrerin ist. Der nämlich wird sie hoffentlich ein Leben lang ernähren. Seit ihrem Rücktritt vom Leistungssport hat sie eine volle Stelle als Trainerin im Behindertensport. „Ich freue mich, dass der Titel in Leverkusen bleibt“, sagte sie, als sie ihrer Nachfolgerin in Barcelona ihre Aufwartung machte. „Ich habe das Gefühl, dass mein Rücktritt befreiend auf die Mädels wirkt: Endlich steht die Steffi nicht mehr im Weg.“
Ihren großen Wurf genoss Linda Stahl in Barcelona gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten. Vor ihm hat sie großen Respekt. „Er arbeitet noch mehr als ich“, sagte sie. „Er ist selbständig.“ Dann musste sie weiter über sich sprechen. Und genauso enthusiastisch wie ihren Weg vom Handball in Blomberg an der Lippe über Schlagball-Weitwurf bei den Bundesjugendspielen in die Riege der besten Speerwerferinnen Deutschlands bei Bayer Leverkusen beschrieb, sprach sie über ihre wachsenden medizinischen Kenntnisse.
Der Doktortitel kommt zusätzlich zum Meistertitel
„Das Tolle am Medizinstudium ist, dass es so vielfältig ist und man immer neue Bereiche im Leben entdeckt“, schwärmt sie. Gerade praktizierte sie in der Neurologie. Ihre Promotion wird ein Thema der Biochemie haben. Und wenn Freunde, Bekannte und Familienmitglieder mit Schmerzen und Beschwerden kommen, ist die angehende Ärztin voller Freude mit Rat und Tat zur Stelle.
Mit der Goldmedaille der Europameisterschaft hat sie sich zur Favoritin in Daegu und in London gemacht. Der Doktortitel kommt zusätzlich.