Home
http://www.faz.net/-gub-11c5b
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Entdecker aus Eschborn Der Vater des David Beckham im Sumo

18.12.2008 ·  Japans Sumo-Hoffnung stammt aus Bulgarien. Kalojan Machljanow feiert als „Kotooshu“ Erfolge in Fernost. Entdeckt wurde er von Yoshiro Nakamoto aus Eschborn.

Von Arne Leyenberg
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Während Yoshiro Nakamoto in Erinnerungen schwelgt, lächelt er milde. Sein Ehrgeiz, der ihn immer wieder gegen alle widrigen Umstände angetrieben hat, ist mittlerweile verblasst. „Ich wollte die Welt verändern“, sagt Nakamoto. Die Welt bedeutet für den Japaner aus Eschborn der Dohyo – die rund viereinhalb Meter messende Kampfarena aus Erde, in der Sumo-Ringer aufeinanderprallen. Diese Welt hat Nakamoto, der gerade erst seinen 62. Geburtstag feierte, tatsächlich verändert. Denn er ist der Entdecker von Kalojan Stefanow Machljanow – oder wie Nakamoto sagt: „Ich bin sein Vater.“ Der Bulgare ist unter seinem neuen Namen Kotooshu ein Star in Japan. Im Mai konnte der 25 Jahre alte Sumo-Ringer als erster Europäer den „Emperor’s Cup“ von Tokio gewinnen – den prestigeträchtigsten Titel dieses Sports.

In 15 Tagen gewann Kotooshu 14 Kämpfe, lediglich einen hat er verloren. Auf dem Weg zum Sieg bezwang er sogar die beiden aktuellen Yokozunas. Der Bulgare selbst hat den Rang eines Ozeki inne, hinter Yokozuna der zweithöchste im Sumo. Den Namen Kotooshu bekam Machljanow von Nakamoto, als er für ein paar Tage in dessen Haus in Eschborn wohnte. Den Namen „Koto“ trugen zu diesem Zeitpunkt alle Meister der vergangenen Jahre, „Oshu“ bedeutet Europa. Nakamoto war sicher, in dem damals 18 Jahre alten Sumo-Neuling den zukünftigen Meister aus Europa gefunden zu haben.

„Er wird die Welt verändern“

Der Funktionär entdeckte den 2,02 Meter großen Bulgaren 2001. Machljanow war eigentlich Ringer. Aber weil er es nicht mehr schaffte, das oberste Gewichtslimit von 120 Kilogramm zu bringen, wechselte er zum Sumo, denn dort zählt man mit einem Körpergewicht von 120 Kilogramm zu den Leichtgewichten. „Ich dachte mir: Wenn er erst einmal einen Zopf hat und stärker wird, dann wird er die Welt verändern“, sagt Nakamoto. Er überzeugte den jungen Bulgaren davon, sein Glück in Japan zu suchen.

Mit der Entdeckung Kotooshus konnte Nakamoto den Traum leben, der ihm einst verwehrt blieb. Im Alter von 15 Jahren hatte er versucht, im berühmten Sadogatake-Heya aufgenommen zu werden – im Haus des Sumo-Meisters Sadogatake leben und trainieren rund 25 professionelle Ringer. Etwa 50 solcher Häuser gibt es in Japan. Mit einer Körpergröße von 1,72 Metern und 63 Kilogramm Gewicht war Nakamoto jedoch zu schmächtig, um es mit den Riesen im Dohyo aufnehmen zu können. „Ich wollte Sumotori werden, das war meine Hoffnung. Aber der Meister hat mich abgelehnt“, erinnert sich Nakamoto. Dennoch blieb er für ein Jahr im Haus des Meisters. Er kümmerte sich um die Haarpflege der Ringer. Er flocht ihnen den traditionellen Zopf.

Vier Jahre später nahm es Nakamoto dann doch noch mit den scheinbar übermächtigen Ringern auf. Als Student an der Takushoku Universität in Tokio schaffte er es innerhalb von zwei Jahren in die Sumo-Mannschaft. „Obwohl ich keine Techniken gelernt und diesen Sport nie trainiert hatte“, erzählt Nakamoto. Viermal wurde er mit seinem Team japanischer Mannschaftsmeister. Nach seinem Abschluss in Import und Export siedelte er 1972 nach Düsseldorf über. Und verließ damit den Kulturkreis des Sumo. „Ich habe 20 Jahre lang vom Sumo losgelassen“, sagt Nakamoto, der seit 1986 in Eschborn lebt und dort eine Immobilien-Agentur betreibt, die sich an japanische Firmen und Familien richtet.

Ein Leichtgewicht mit 160 Kilogramm

1995 kam ihm der Sport wieder in den Sinn. Er hörte von den ersten deutschen Meisterschaften in Ingolstadt. Untrainiert und im fortgeschrittenen Alter von 48 Jahren meldete sich Nakamoto zur Teilnahme an. „Meine Frau und meine Kinder hatten mich ja nie kämpfen sehen. Ich wollte es ihnen mal zeigen.“ Der Japaner musste sich tatsächlich erst im Endkampf geschlagen geben. Der Sumo-Verband Deutschland berief den Mann aus Fernost daraufhin zum Bundeslehrreferent, die Europäische Union zum Ausbilder der Kampfrichter, die internationale Sumo-Föderation zum Beauftragten für die World Games. Gegen den Präsidenten des Weltverbandes hatte er vor mehr als 40 Jahren an der Universität gekämpft. Bei der Weltmeisterschaft im Oktober in Estland wachte Nakamoto als Kampfrichter am Ring.

Mit Kotooshu kehrte Nakamoto in das Haus von Meister Sadogatake zurück. Im Gegensatz zum schmächtigen Japaner fand der Riese aus Bulgarien Aufnahme in das traditionsreiche Haus. Dort lernte er die Techniken dieses Sports und nahm mehr als 30 Kilogramm zu. Mit 160 Kilogramm sei er jedoch noch immer zu leicht, meint Nakamoto. „Vor den Turnieren telefonieren wir oft. Ich sage ihm, dass er noch stabiler werden muss. Nicht einmal ein Erdbeben darf ihn erschüttern. Zehn Kilogramm muss er noch zunehmen“, sagt Nakamoto. „Eigentlich darf ich ihm gar keine Ratschläge geben, er ist wie ein Gott, und ich habe nur an der Universität gekämpft.“

Aber schließlich haben die beiden eine ganz besondere Beziehung. Nakamoto zahlte einst den Flug nach Japan und brachte dem Bulgaren die ersten japanischen Worte bei. Heute ist Kotooshu ein gemachter Mann. Weil sich seine Statur gegen die Vielzahl der menschlichen Fleischberge, die im Sumo-Ring aufeinanderprallen, noch immer athletisch ausnimmt, nennt man ihn in Japan den „David Beckham des Sumo“. Kotooshu bezieht in seinem Haus ein Monatssalär, das umgerechnet zwischen 10.000 und 20.000 Euro liegt. „Aber er hat eine Menge Förderer“, sagt Nakamoto. Ob er auch am neuen Reichtum seiner Entdeckung teilhat? Nakamoto lacht. „Nein, ich verdiene mein eigenes Geld.“

Nach dem Triumph im Mai rechnete nicht nur Nakamoto damit, dass Kotooshu bei den nächsten Turnieren den Sprung zum Yokozuna schaffen würde. Doch die Ergebnisse waren durchwachsen. Die größte Hoffnung des Sumo ist ein Bulgare, denn die beiden Yokozunas stammen aus der Mongolei. Die Japaner selbst haben in ihrem ureigenen Sport keine hoffnungsvollen Kämpfer mehr. Nakamoto hält weiterhin in Europa Ausschau nach neuen Talenten. Neben Kotooshu hat er den Ungarn Attila Toth nach Japan gebracht, der sich allerdings nicht durchsetzen konnte. In der Umgebung von Eschborn würde Nakamoto gerne eine Halle anmieten, als Trainer Sumo-Ringer ausbilden und die Profis aus Japan zum Anschauungsunterricht herüberbringen. Er hat den hessischen Sumo-Verband gegründet. „Denn Sumo macht das Leben glücklich“, sagt Nakamoto. Kotooshu kann das sicherlich bestätigen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Nicht gewonnen, nicht verloren

Von Peter Heß

Im Formel-1-Tempo sollte in der durch Korruptionsvorwürfe durchgeschüttelten Fifa aufgeräumt werden. Im Moment bewegt sie sich mit der Geschwindigkeit eines Motorrollers. Mehr 1